MOTORRAD 20/1999: zum Thema
Dichtung und Wahrheit
Ein Leitartikel als Leidartikel – weil ein Motorradfahrer zu Tode kam und weil Teile der deutschen Median nicht nachlassen, das Vorurteils-Feuer von der Suzuki GSX-R 1300 Hayabusa als »Selbstmordmaschine« zu schüren und nach Verboten zu schreien.

Dass Carsten S. auf der Landstraße bei Freudenberg, an der Tempo 50 vorgeschrieben ist, mit offensichtlich 150 km/h in den Hänger eines Lastwagens krachte, hat nun wirklich nicht originär mit der Über-Suzuki zu tun. Nicht angepasste Geschwindigkeit war die Todesursache, nicht der Motorrad-Typ.

Wirkung geht sowohl dem Kommerz-Fernsehsender wie RTL wie der nachkartenden Bild-Zeitung vor Wahrheit. Und selbst Radiosender strickten in »Drittverwertung« an der »Motorrad-Raketen«-Masche. Antenne Hitradio aus Hannover ging dabei sogar soweit, O-Töne von mir mittags per Telefon einzuholen und diese am Abend als Live-Antworten auf Fragen einer Moderation zu senden.

Obwohl der Beitrag als Kassette versprochen war, kann ich mich nur auf Urteile von MOTORRAD-Lesern als Hörer verlassen, denen eine gewisse Asynchronität auffiel. Welche der Fragen des Tenors »Mit wie viel Hayabusa-Toten rechnen Sie in diesem Jahr?« tatsächlich über den Äther gingen, ist nicht bekannt. Damit jeder bei diesem Kesseltreiben Argumente hat, seien nicht nur auf Wunsch von Leser Michael Lippke aus Georgsmarienhütte einige Aussagen gedruckt.

  • Unabhängig von der Leistung ist jedes Motorrad in der Hand unerfahrener Fahrer mehr oder weniger gefährlich. Anders als ein Auto besitzt es weder Blechkäfig, Knautschzone, Airbag noch Sicherheitsgurte.
  • Viele Motorräder mit weniger PS fordern vom Fahrer mehr als die an sich gutmütige Hayabusa.
  • Manches Auto, das ab 18 Jahren ohne Stufenführerschein gefahren werden darf, läuft deutlich über 2000, einige sogar über 300 km/h. Und bei jungen Autofahrern ist Tempo als Unfallursache weit vorn.
  • Bei über 60 Prozent der Motorrad-Kollisionen mit Pkw und Lkw liegt, seit Jahren leider unverändert, die Schuld beim Vierradlenker. Diese Unfälle sind die folgenschwersten für den Zweiradfahrer und führen zu vielen Todesopfern.
  • Die Zahl der getöteten Motorradfahrer geht seit Jahren trotz steigendem Bestand kontinuierlich zurück: Die Kennzahl getöteter Zweiradlenker pro 100 000 zugelassener Maschinen hat sich von 274 im Jahr 1976 auf 28 im vorigen Jahr verringert.

Trotz Frust: herzliche Grüße

Chefredakteur Walter Gottschick

 
Walter Gottschick
Chefredakteur
1996-1999

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