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Das MOTORRAD 7/1956 Der brave Mann und die Vorschrift Es besteht ja wohl kaum mehr ein Zweifel daran (er könnte nur aus dem unterschiedlichen Aufbau der Statistiken herrühren), dass die Unfallzahlen in der Bundesrepublik, bezogen auf Fahrzeugzahl, tatsächlich höher sind als in so ziemlich allen außerdeutschen Ländern. Nun kann man aber doch wohl von vornherein etliche Punkte aufzählen, die als Ursache dafür gerade nicht in Betracht kommen können:
Gewiss gibt es unvermeidbare Unfälle insofern, als einfach kein Kraut dagegen gewachsen ist, dass einem eine Wildsau ins Vorderrad läuft, dass man die Bretterladung eines Lastzuges beim Überholen ins Gesicht gewirbelt kriegt, dass ein Betrunkener quer über den Grünstreifen einem einfach stur vor die Maschine knallt von denen reden wir nicht, dazu sind sie zu selten. Gewiss gibt es auch unvermeidbare Unfälle insofern, als es einfach in gewisser Zahl hirnlose Subjekte gibt, deren Hirnlosigkeit sich aber öffentlich erstmals durch den Unfall dokumentiert. Genau wie es immer Leute gibt, die neben offenem Feuer ihre Handschuhe in Benzin waschen, wie immerzu Mütter ihre Kinder in Kübel mit heißem Wasser fallen lassen, wie immerzu Maler mit ihren Firnislappen Häuser anzünden, Elektriker zu faul sind, den Trennschalter herauszuziehen und Leute ohne Sicherheitsleine in CO2-gefüllte Brunnen klettern genau so wird es immer unvermeidbare Straßenunfälle geben, weil die betreffenden Subjekte für das Fahren eben schlicht zu dumm sind. Diese Sorte Unfälle ist sehr zahlreich es dürften wohl 40 bis 50 % der heutigen Zahl sein, diese Sorte Unfälle ist wohl auch bei anderen Nationen konstant. Hier läge zwar das Arbeitsgebiet der Psychologen aber von diesen Unfällen reden wir hier auch nicht. Gewiss gibt es noch eine dritte Sorte von Unfällen: die unvermeidbare Fehlleistungen, vergreifen, verhören, eben die Ausschussleistung, die zu jedem menschlichen Tun gehört. Jeder steckt mal die Zigarre verkehrt in den Mund, jeder wundert sich mal, dass der Gang nicht hineingeht, obwohl er doch aus Leibeskräften auf der Fußbremse steht (Man braucht gewöhnlich lang, bis man entdeckt, dass man dazu besser die Kupplung getreten hätte!) ich könnte mir denken, dass es infolge solcher Fehlleistung auch mal übel krachen müsste, obgleich ich es bisher noch immer fertig brachte, die Lage irgendwie zu retten aber von dieser Art Unfällen reden wir hier auch nicht. Dazu sind es zu wenige. Reden wir von der vierten Art von Unfällen, einer spezifisch deutschen Art, den Unfällen infolge Gehorsam, den Unfällen, die nur da möglich sind, wo man die Leute in Jahren und Jahrzehnten zu Herdenviechern erzogen hat.
In keinem Lande der Erde ist man von der Richtigkeit und dem Nutzen behördlicher Anordnungen so überzeugt wie in Deutschland wenn da etwas befohlen wird, ist es gut, und wenn man den Befehlen gehorcht, kann gar nie nie nie etwas schief gehen. Es ist unwichtig, selbst zu denken Pferde haben eh größere Köpfe man tut, was befohlen ist, dann kann man zumindest nicht bestraft werden, und wenn mich an die Hände friert, dann geschieht meiner Mutter ganz recht, warum kauft sie mir keine Handschuhe! Wenn in Bundesdeutschland die Unfallziffern höher sind als in vergleichbaren Ländern sie sind höher dann letztlich darum, weil eine im wörtlichen Sinne irrsinnige Zahl von Verkehrsvorschriften und eine hypertrophe Verkehrsgängelei Unfälle erst hervorruft! Der deutsche Verkehr ist nur noch mit Eisensäge und Teerpinsel zu kurieren, indem man 90 % alles dessen absägt und zudeckt, was eifrige Schreibtischsitzer in den letzten sieben Jahren verbrochen haben. Wie sehr dieser ganze Irrsinn selbst ganz vernünftigen Menschen auf den Verstand schlagen kann, hat sich jetzt wieder gezeigt: Die Diskussion um die Streiche auf der Straße das MOTORRAD 1/65 ist doch noch in Gang gekommen, wir bekamen auf den Leserbrief in Nr. 4/56 hin noch eine ganze Menge weiterer Zuschriften, die sich alle bemühten, den Einsender in Schutz zu nehmen. Typisch für die vielen dieser eine: Mit Ihrer Antwort auf den zitierten Leserbrief bin ich gar nicht einverstanden. Auch ich hatte lange Zeit den Glauben an eine derartige Lichtscheintheorie, bis ich dann eines Tages ein Fuhrwerk an einer derartigen Stelle vor mir hatte, dessen Stalllaterne keineswegs einen Lichtschein gab, der die Kuppe anleuchtete. Seine Existenz stellte ich dadurch fest, als mein Scheinwerfer zwei Ochsen anstrahlte. Ich bin also keineswegs schneller gefahren als es der Reichweite meines Scheinwerfers entspricht; ich hatte mich auf den Lichtschein eines Gegenkommers verlassen und nicht an die Möglichkeit eines schwachlichtigen Gegenkommers gedacht. Sie werden also zugeben, dass angesichts dieser Funzeln die Striche von Bild 14 tatsächlich gefährlich sind, um nicht gerade das Wort Mord zu gebrauchen. So da haben wir es also gleich zweimal nichts gedacht!
So, lieber Leser in Aachen, wird sind uns völlig klar darüber, dass Sie uns jetzt mächtig böse sind, von wegen gängeln und pennen und so, lassen Sie sich aber sagen, dass wir Sie keinesfalls für dumm oder leichtsinnig oder sonst etwas halten. Sie sind ganz einfach ohne das zu wissen das Opfer der deutschen irrsinnigen Sicherheitsvorschriften. Sie demonstrieren schlagend, wohin es führt, wenn man Denken durch Vorschriften ersetzen will. Wenn Sie eines Tages in einen Unfall verwickelt sind, dann nur, weil Sie sich auf das Funktionieren irgendeiner Vorschrift verlassen haben, wie Sie das als ordentlicher Bürger tun zu dürfen glaubten. Nach unserer Schätzung geht wenigstens die Hälfte der bundesdeutschen Unfälle darauf zurück, dass gerade die ordentlichsten, manierlichsten, anständigsten Leute glauben, irgendwelche Verkehrsvorschriften hätten etwas mit Sicherheit zu tun, und dass da, wo eine Vorschrift besteht, allein das Befolgen dieser Vorschrift eigene Wachsamkeit mindestens zum Teil ersetze. Gerade das ist ja aber die größte Gefahr, und nur deshalb sind unsere Unfallzahlen so hoch. Keine Vorschrift kann eigene Wachsamkeit ersetzen, wo aber eigene Wachsamkeit da ist, bedarf es keiner Vorschriften mehr, sondern nur einfachster Spielregeln, für die sogar die Finger einer e i n z i g e n Hand genügen, um sie aufzuzählen. Allerdings: Es ist eine weitere Frage, wie groß das Maß von Wachsamkeit sein muss, die aufgebracht werden muss. Wir sind zwar sicher, dass die Unfallrate sich durch radikales Ausmisten der Verkehrsgängelei wesentlich senken ließe ein Bestand unvermeidbarer Unfälle wird aber bleiben. Freilich ist es einfacher, Vorschriften am laufenden Band zu machen und Schilder zu setzen, wo noch ein schuhbreit Boden für den Pfahl ist dazu genügt ein auf Schreibtischstühlchen hochgesessener Ministerialbeamter. Den Leuten Fahren beizubringen ist schon schwieriger, dazu müsste man selber fahren können, indes doch diese Herren nahezu ausnahmslos chemisch rein von eigener Fahrpraxis sind. Man weicht den echten Schwierigkeiten aus und will nicht sehen, dass man mit dieser Vorschriftenflut erst die übelsten Gefahren hervorruft. Mindestens die Hälfte aller bundesdeutschen Unfälle ist Folge einer völlig verfehlten, von wirklichkeitsfremden Dilettanten betriebenen Vorschriftenpolitik, die Sicherheit vortäuscht, aber echte Gefahren erst schafft. Man macht mit Gewalt denkunfähige Exerziersoldaten, die prima präsentieren können, wo es doch Not täte, eine Guerillaausbildung zu treiben, so mit »jede zehnte Patrone scharf«. Wenn einer so dumm ist, den Pinsel raus zu stecken bitte, dann stiftet er wenigstens keinen weiteren Schaden. C. Hertweck |
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