MOTORRAD 16/1978: Mein Tagebuch
Saat der Gewalt?
Werner Koch, 23, in den Klassen 250 und 350 cm³ nicht ganz erfolgloser deutscher Motorrad-Rennfahrer mit internationalen Lizenz, erklärte nach seinen ersten Kilometern auf einer Honda CBX: »Die ist mir zu schnell.«

Peter Limmert, 40, Italien-Spezialist unter den MOTORRAD-Testern, ritt die vier japanischen Vergleichstest-1000er von Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha und murrte: »Ein Alptraum. Die schleppen doch alle mehr als zwei Zentner Übergewicht mit sich herum.«

Auch deutsche Yamaha- und Honda-Händler haben sich angesichts der Erwartung, dass ihre Super-Angebote in Kürze möglicherweise von einer neuen Sechszylinder- Kawasaki noch in den Schatten gestellt werden könnten, entschieden geäußert: »Es reicht. Wir wollen nicht noch schwerere, noch stärkere Maschinen.«

Zurück zur Vernunft, solange es noch an der Zeit ist? Umkehr auf einem falschen Weg?

Nicht ein Liter Hubraum und mehr, nicht rund 100 PS Leistung allein sind die Kriterien, die nachdenklich machen. Van Veen, MV Augusta, Münch oder ein paar Dutzend schnelle Ducati wecken keine schlafenden Hunde, provozieren keine Diskussion über Sinn oder Unsinn der Riesen-Spielzeuge. Der Preis und die Exklusivität dieser Maschinen schränken den Kreis der Benutzer stark ein.

Wenn hingegen 1000er als Großserie auf den Markt kommen, zu einem Preis, den jeder unbürokratisch gegebene Kleinkredit deckt, dann muss das Testen von anderer Warte betrieben werden.

Freudige Erregung darüber, dass die 1000er vielerlei besser können als andere Maschinen, darf den Blick nicht trüben. Gewaltigen Motoren- und Fahrleistungen müssen angemessene Reserven bei Bremen und Fahrwerk gegenüberstehen. Mängel sind als Risikofaktoren hart anzukreiden.

Der Vergleichstest »Kampf der Giganten« (Seite 6) schürt kaum PS-Begeisterung, sondern fördert eher kritische Betrachtung. Denn sowenig wir jenen, die solche Monster beherrschen, die legitime Freude daran verleiden wollen, sowenig liegt uns daran, unter dieser Saat der Gewalt möglicherweise Unbeteiligte leiden zu sehen.

Wir denken an jene Motorradfahrer-Mehrheit, der, Gerüchten zufolge, ein Bonner Demokratenstreich droht: Dort werden Überlegungen diskutiert, die Motorleistung zu begrenzen.

Wenn schon, dann wäre eine Gewichtsgrenze sinnvoller. Sie ließe dem Konstrukteur mehr Freiheiten und würde Kraftquellen wie Sechszylindermotoren ausschließen.

 

Helmut Luckner
Chefredakteur
1976-1983


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