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MOTORRAD 3/1985: Thema eins Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag So schnell vergeht die Zeit. Gestern noch balancierte der Sohn des schwäbischen Erfinders Gottlieb Daimler mit einer einspurigen, motorgetriebenen Fahrmaschine über den Hof des elterlichen Anwesens. Und heute ist dieses ehemals hölzerne und eher widernatürliche Fortbewegungsmittel eines der technisch anspruchsvollsten Landfahrzeuge. Zwischen diesen beiden geschichtlichen Eckdaten liegt eine Zeit stürmischer Entwicklungen. Eine Zeit technischer Geniestreiche und Irrwege. Eine Zeit der Liebe und des Hasses. Große Motorradnationen kamen und gingen oder sie änderten sich zu Autonationen und blieben. Große Motorradmarken blühten auf und verschwanden wieder. Große Feldherren machten sich Genügsamkeit und Wendigkeit von Motorrädern zunutze. Kleine Leute schätzten sie einst als unverzichtbares Mittel individueller Fortbewegung. Heute gibt es andere Alternativen: bequemere, effizientere, nützlichere. Aber das Motorrad existiert immer noch. Nicht mehr so sehr als taktisches Kriegsgerät und erst recht nicht mehr als Kennzeichen bestimmter sozialer Schichten. Im Gegenteil: Quer durch unser Gesellschaftssystem erfreut es sich als Attribut verschiedenartigster Inszenierungen großer Beliebtheit. Gerade Psychologen, die gern in Seele und Gemüt stochern, hat dieses Phänomen nicht ruhen lassen. Was in aller Welt treibt Wirtschaftsmanager, kirchliche Würdenträger, Schatzmeister, Ministerpräsidenten oder Künstler heutzutage noch aufs Motorrad? In den Ausarbeitungen der Psychologen ist viel Unverdauliches enthalten, wenn es um derartige Untersuchungen geht. Von Eskapismus ist da die Rede, von der Motivationsstruktur des Kollektivs oder der typologischen Analyse. Gemeint ist immer nur das eine: Motorradfahren in seinen unterschiedlichsten Formen macht Spaß, vermittelt Faszination und ist in den meisten Fällen eine ungewöhnliche Herausforderung an den Einzelnen. Warum gibt es denn heute im Angebot der Hersteller so viele verschiedene Typen und Gattungen? Doch nicht zuletzt deswegen, weil auch die Anforderungen des einzelnen an sein persönliches Motorrad individueller Natur sind. Dass er mit seinem Reitrad eine solche Lawine lostreten würde, damit hatte anno 1885 Gottlieb Daimler nicht gerechnet. Und sicher auch nicht damit, dass exakt 100 Jahre später Suzuki mit einem Modell der Typbezeichnung GSX-R 750 völlig neue Maßstäbe setzen würde: 100 PS aus 750 cm³ bei einem fahrfertigen Gewicht von knapp 200 Kilo. Es ist kein Zufall, dass in dieser Ausgabe beide Motorräder neben einander stehen: die GSX-R im Fahrbericht und Gottlieb Daimlers erstes Motorrad am Beginn einer Abhandlung über die hundertjährige Geschichte des motorisierten Zweirads. Und spätestens hier wird sich ein weiteres Mal die Frage stellen, ob man die Über-Motorräder vom Schlag der Suzuki heutzutage überhaupt noch braucht. Die Frage ist legitim und sie soll vorab an dieser Stelle beantwortet werden: Man braucht sie nicht, aber es ist schön, dass es sie gibt. Gottlieb Daimler würde heute sicher ähnlich denken. Karl Mauer |
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