DAS MOTORRAD 5/1934

Ein Jahr ist vergangen
Ein Jahr ist vergangen, seit der Mann, dem selbst unsere erbittertsten Feinde nur Hochachtung zollen, seit der Reichspräsident von Hindenburg sich gegen stärkste Widerstände durchsetzte und Adolf Hitler mit der Kanzlerschaft betraute. Betraute, das heißt, ihm das Vertrauen schenkte, das dem Kanzler heute auf Grund der Arbeit des ersten Jahres unter seiner Führung das ganze Deutsche Volk entgegenbringt.

Es ist erst vergangen seit diesem denkwürdigen Tage, aber was hat uns dies eine Jahr alles gebracht!

Schon kurze Zeit nach der Regierungsübernahme ließ die Rede des Kanzlers gelegentlich der Automobil-Ausstellungseröffnung die Fachwelt aufhorchen. Der Kanzler sprach damals nur andeutungsweise über seine Pläne, die er zur Hebung der Kraftverkehrswirtschaft gefasst hatte. Es war ein so weitschauendes Programm, dass viele diesen Gedanken überhaupt noch nicht folgen konnten. Und Schlag auf Schlag wurden aus diesen Plänen Taten, wurden diese in kommende Jahrzehnte vorausschauenden Pläne zu greifbaren Tatsachen.

Der zehnte April war der Tag, an dem die erste dieser Reihe von Taten Gestalt gewann, und dieser Tag bildet einen Wendepunkt in der Geschichte des Deutschen Kraftverkehrs: Am zehnten April wurde die Pauschalsteuer für Personenkraftfahrzeuge sämtlicher Stärken abgeschafft.

Es ist heute schon so selbstverständlich geworden, dass für neugekaufte Kraftfahrzeuge keine Steuer mehr erhoben wird (an alle Annehmlichkeiten gewöhnt sich der Mensch ja stets sehr schnell und vergisst darüber den, der sie ihm verschaffte), dass hier noch einmal erinnert werden soll, wie überraschend damals diese großzügige Befreiung von der Steuer wirkte. Es sind Bände geschrieben worden über die schädlichen Folgen, die die Hubraumsteuer auf die Konstruktion unserer Kraftfahrzeuge ausgeübt hat und weitere Bände sind geschrieben über die Möglichkeit, diese Schädigung durch Abänderung der Hubraumsteuer in andere Steuerarten zu vermeiden. Denkschriften über Denkschriften wurden den wechselnden Regierungen eingereicht, stets mit dem gleichen Erfolg: Es wurde eine wohlwollende Prüfung versprochen, die Denkschrift wurde zum Aktenstück und wanderte zu den übrigen Akten – es geschah nichts.

Der Führer handelte. Er allein hatte den Mut und die Weitsichtigkeit. Er wusste, dass die Beseitigung der Steuer einen riesigen Aufschwung der Kraftverkehrswirtschaft bringen würde und dass aus diesem Geschenk an die Kraftfahrer für ungezählte Tausende Arbeit und Brot kommen würde. So überraschend für den Deutschen Kraftfahrer war diese großzügige Maßnahme, dass noch viele Wochen später an »Das Motorrad« Anfragen gerichtet wurden, ob denn das wirkliche Tatsache sei, dass Kraftfahrzeuge steuerfrei wären und ob es hier nur um eine vorübergehende Maßnahme handelte.

Es folgte im Monat Mai das Gesetz über die Ablösung der Kraftfahrzeugsteuer für Altfahrzeuge und am ersten Juni das Gesetz über die Steuerfreiheit bei Ersatzbeschaffungen.

Keine der früheren Regierungen hätte ein derartiges Gesetz zu erlassen gewagt, und nichts zeigt deutlicher als gerade dieses Gesetz über die Steuerfreiheit bei Neuanschaffungen den Kurs, den die Regierung des neuen Deutschlands steuert. Es ist der Kurs, der über das Heute hinweg an das Morgen denkt, zum Unterschied der bisherigen Richtung kurzsichtig, ohne an die Zukunft zu denken, nur für das Heute zu sorgen. Leben schaffen, Arbeit schaffen, für die Zukunft schaffen gilt heute.

Ein Werk, das ganz und gar in diesem Sinne gedacht ist, wurde mit dem Gesetz vom 27. Juni begonnen, mit dem Gesetz über die Einrichtung eines Unternehmens »Reichsautobahnen«, und die Zusammenarbeit des gesamten Straßenbauwesens des Deutschen Reiches in eine Hand, in die Hand des »Generalinspektors«.

Es ist sehr schwer für denjenigen, der vom Straßenbau nichts weiß, sich auch nur annähernd ein Bild von den gigantischen Ausmaßen dieses Riesenwerkes zu machen, das kaum mit irgendetwas in eine Parallele zu setzen ist. Auch die Karte der geplanten Autobahnen, die wir auf Seite 158 veröffentlichen, kann kaum einen Eindruck davon geben. Wir haben ja fast nie die Gelegenheit, den Bau einer neuen Straße, das heißt einer Straße durch bisher noch unerschlossenes Gelände zu sehen, sondern wir sehen in der Regel nur Straßenerweiterungs- oder Ausbesserungsarbeiten. Aber nur einige Augenblicke im Wald bei Frankfurt am Main, am Beginn der ersten Autobahn, lassen den Beschauer ehrfürchtig staunen vor diesem Werk. Es ist noch keine Straßendecke gelegt und man beginnt erst mit dem Unterbau. Aber diese durch den dichten Wald geschlagene breite Schneise und die Bauten für die Brücken, die die spätere Autobahn kreuzungsfrei für den übrigen Verkehr gestalten sollen, vermitteln einen bleibenden Eindruck dieser neuen Straßen einer neuen Zeit. Dass endgültig der Kampf Eisenbahn contra Straße beigelegt wurde, ist nur ein Teil des Reichsautobahngesetzes. Die Einzelinteressen werden verbunden zum Wohl des Ganzen. Es darf kein Nebeneinander oder gar Gegeneinander geben, sondern alle müssen mitarbeiten zur Erreichung des großen Zieles.

»Alle müssen mitarbeiten! Alle müssen helfen!« Das sind die Worte eines kleinen Hitlerjungen aus eine Propagandafilm für die Winterhilfe. Man kann sie nicht oft genug wiederholen, nicht eindringlich genug sagen.

Es ist zu naheliegend, dass jeder sich aus dem großen Werk des Kanzlers das heraussucht, was ihm gerade gefällt, was ihm Nutzen bringt. Und es ist menschlich, dass vieles andere dem Betroffenen nicht passt. Es ist dazu besonders dem Deutschen eigentümlich, dass er gerne alles besser wissen will, dass er gerne nörgelt.

Das darf nicht sein.

Es ist ein Jahr vergangen, ein einziges kurzes Jahr, und in diesem einen Jahre ist es dem Führer gelungen, aus einem unmittelbar vor dem Zerfall stehenden Deutschland einen Staat zu schaffen, auf den das gesamte Ausland wieder mit Hochachtung blickt! Und gleichzeitig hat der Führer uns die Hoffnung wiedergegeben auf eine Zukunft.

Dieses eine kurze Jahr hat uns eine völlige Umgestaltung des Denkens beigebracht. Aus dem unbestimmbaren wesenslosen Begriff Staat, dem der Einzelne verständnislos, gleichgültig, ja feindlich gegenüberstand, ist der lebendige Begriff Deutschland, Vaterland geworden. Gemeinnutz geht vor Eigennutz, der Einzelne ist nicht wichtig, auf das Wohl des Ganzen kommt es an.

Es ist ein Jahr vergangen, ein Jahr grundlegender Arbeit. Wie in der Kraftverkehrswirtschaft ist auch auf allen anderen Gebieten Neues geschaffen worden, neues Leben, neue Hoffnungen. Die Landwirtschaft ist reorganisiert, der Sport aus den Interessensphären einzelner Gruppen und Klubs zu einem machtvollen Ganzen zusammengeschweißt, die Kunst und die Presse von landfremden Elementen bereinigt und vieles mehr.

Aus der Fülle der übrigen richtungsweisenden neuen Gesetze seien nur einige hier noch genannt:

Am 24. März 1933 wurde das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich erlassen, mit dem die Möglichkeit gegeben war, zur Behebung ernster Not sofort eingreifen zu können, ohne den langsam arbeitenden parlamentarischen Apparat in Bewegung zu setzen.

Der 25. April brachte das Gesetz gegen die Überfüllung der Schulen und Hochschulen, das die vom Deutschen Staat unterhaltenen Schulen auch wieder für die Deutschen frei hielt.

Das am 1. Juni erlassene Gesetzt zur Verminderung der Arbeitslosigkeit enthielt neben der schon erwähnten Steuerfreiheit für Ersatzbeschaffungen die Ermächtigung des Reichsministers der Finanzen, eine Milliarde Reichsmark zur Förderung der nationalen Arbeit auszugeben. Und weiter die sehr wichtige Bestimmung zur Förderung der Eheschließungen.

Im Zusammenhang hiermit steht das Gesetz vom 14. Juli zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Gerade dieses Gesetz zeigt am stärksten den Willen zur Aufbauarbeit und das weit in die Zukunft vorausschauende Handeln des Führers. Diese hier angeführten Gesetze sind nur ein ganz kleiner Auszug aus den wichtigsten Bestimmungen.

Vieles ist noch im Fluss, hat noch nicht seine endgültige Form, noch nicht den endgültigen Platz in einer neuen Ordnung gefunden.

Unwandelbar und unverändert aber steht über allem die Idee, die das neue Deutschland vorwärts trägt: Gemeinnutz geht vor Eigennutz.

Und diese Idee und die Liebe und das Vertrauen zu dem Führer des neuen Deutschlands sind es, die uns voll Hoffnung und Freude das zweite Jahr beginnen lassen.

Aber: Alle müssen helfen! Alle müssen mitarbeiten

Gustav Mueller

 

Gustav »Gussi« Müller
Chefredakteur
1933-1949

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