![]() |
|||||
|
DAS MOTORRAD 1/1970 Start in die siebziger Jahre Als das Jahrzehnt begann, das nun zu Ende ging, sah es um das Motorrad besonders in Deutschland traurig aus. So hoffnungslos erschien die Situation, dass Ernst Wilhelm Sachs in einer Wirtschaftskonferenz den denkwürdigen Ausspruch tat: »Das Motorrad ist tot!« Und aus seiner Sicht hatte er wohl nicht einmal so unrecht. Denn nicht nur der Bestand an Motorrädern nahm von Jahr zu Jahr rapider ab die Neuzulassungszahlen verringerten sich mehr und mehr, nur ein kleiner Rest der einst vor und nach dem Krieg so umfangreichen deutschen Motorradindustrie existierte noch zum wesentlichen Teil nur mehr mit der Fertigung von Mopeds beschäftigt. Wir hier beim MOTORRAD (das zu jenem Zeitpunkt gerade eben eine Auflage von 30 000 halten konnte) waren trotz allem optimistisch: Schließlich sahen wir ja, was sich in Italien und was sich in England tat, wo die Entwicklung der Motorradwirtschaft bereits wieder im Anstieg war; und wir waren der festen Überzeugung, dass auch in Deutschland das Motorrad freilich unter ganz anderen Aspekten als denen vom »Auto des kleinen Mannes« begehrt eines Tages wiederkommen werde. Interessant, heute, nach zehn Jahren nachzulesen, was dazu im Leitartikel des Heftes 1/Jahrgang 1960 stand: »Was uns bedrückt, ist nicht so sehr die bis auf Reste zusammengeschlagene Motorradindustrie unseres Landes; da gibt es doch einige Anzeichen eines Wiederaufwärtsgehens, da gibt es außerdem innerhalb eines größeren europäischen Wirtschaftsraums Länder, an deren (1959 mit Rekordziffern aufwartende!) Motorradproduktion wir uns wenigstens so lange anhängen können, bis ein gestiegener Umsatz auch bei uns wieder größere Investitionen gerechtfertigt erschienen lässt. Die technische Seite ist es also nicht. Schwerer wiegt die Tatsache, dass wir mehr denn je vor der Aufgabe stehen, Stück um Stück all das beiseite zu räumen, was in unserem Lande im Lauf der letzten Jahre Dummheit, Unverständnis, Überheblichkeit und Böswilligkeit gegen das Motorrad und gegen uns Motorradfahrer aufgetürmt haben. Alle Wünsche nach einem Come-back ... sind letztlich sinnlos, solange es nicht gelingt, die schon so tiefgehende Aversion gegen das Motorrad abzubauen.« Man sagt uns zwar nicht selten, dass wir mit unserer Zeitschrift gerade für diese Aufgabe doch eigentlich recht wenig tun könnten wer DAS MOTORRAD läse, der sei ja schon »infiziert« , und den brauche man nicht mehr bekehren. Und an die anderen kämen wir doch nicht heran. Aber das stimmt nicht. Unser Leserkreis das sind ja eben die, die draußen das Motorrad repräsentieren, die Motorrad fahren im Alltag, in ihrer Freizeit, im Sport und auf der großen Reise. Und wenn es uns im Lauf der zurückliegenden zehn Jahre gelang, diesen Leserkreis auf mehr als das Zweieinhalbfache zu bringen, dann haben wir ja offensichtlich doch unser Teil dazu beigetragen, dass auch in Deutschland (von unseren zahlreichen Freunden in der Schweiz, in Österreich und anderswo ganz abgesehen) wieder mehr und mehr Junge und Ältere Freude am Motorrad und am Motorradfahren bekamen und nun ihrerseits ihre Begeisterung weitergaben. Die Bilanz aus dem abgeschlossenen Jahrzehnt ist deshalb alles in allem erfreulich: So, wie in aller Welt in zuvor von niemandem geahnten Umfang besonders in Amerika das Motorrad zu neuer Bedeutung gekommen und technisch weiterentwickelt worden ist, so sind auch bei uns in Deutschland viele Ressentiments und Widerstände abgebaut worden. Weitgehend sind, die Beobachtung der Tagespresse und anderer Massenpublikationsmittel beweist es, Aversion und böswillig Diskriminierung einem wohlwollenden Verständnis gewichen ist das Motorrad als Fahrzeug des Individualisten und als hochinteressanter Teilbereich moderner KfZ-Technik anerkannt und aufgewertet. Noch sind die jährlichen Neuzulassungszahlen effektiv gering aber sie steigen von Jahr zu Jahr. Und zu dem vielfältigen Angebot aus den Motorradindustrien des Auslandes kommen auch oberhalb der nach wie vor für unser Land so wichtigen Kategorie der Fünfziger bereits vereinzelt Neuentwicklungen unserer eigenen Industrie; der Trend zum größeren Hubraum ist unverkennbar dem Motorradinteressenten in Deutschland steht in allen Hubraumklassen ein Angebot zur Verfügung, das vielgestaltigen Wünschen entspricht. So starten wir also in die siebziger Jahre von einer wesentlich festeren, breiteren Basis aus als jener, auf der wir vor zehn Jahren mühsam balancierten. Freilich die Sorgen um die weitere Entwicklung all dessen, was die Welt des Motorrads ausmacht, sind nicht geringer geworden. Nur zwei Stichworte aus dem Katalog der Probleme, die vor uns stehen: die Werkstattbetreuung der Motorräder und der privatgerechte Motorradsport. Mit diesen und anderen Problemen wird es auch in den vor uns liegenden Jahren Ärger geben, gemeinsam werden alle am Motorrad Interessenten sich mühen lassen, Lösungen zu finden. Wie weiß heute wohl noch niemand. Eines aber wissen wir: Im kommenden Jahrzehnt wird der Kreis derer, die Freude an Motorrädern haben, größer und größer werden auch bei uns in Deutschland. S. R. |
|
||||
|
|
^ |
||||