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MOTORRAD 26/1976: Kommentar ... und den Menschen ein Wohlgefallen Auch in unserer Zeit der Hektik, der ewigen Zeitnot und der Unpersönlichkeit finden die meisten von uns an den Feiertagen um Weihnachten und den Jahreswechsel ein paar Spannen besinnlicher Rückerinnerung und des Ausblicks auf das Jahr, das sich anschließt. Da wird vielerorts Bilanz gezogen und da werde nicht wenige Vorsätze gefasst, die da neue Jahr besser noch besser machen sollen, als es das vergangene war. Uns, die wir diese Zeitschrift für viele hunderttausend Leser erarbeiten, geht es natürlich nicht anders. Auch wir versuchen die Frage zu beantworten: Haben wir es, alles in allem gesehen, richtig gemacht im abgelaufenen Jahr? Haben wir all den vielen Lesern die Informationen gegeben, die sie erwarten? Und nicht weniger wichtig: Konnten wir das Vertrauen rechtfertigen, das eine so große Zahl von Motorradfahrern in Deutschland, aber auch in Österreich und in der Schweiz, in uns setzten als Vertreter ihrer ureigenen Interessen als Sprachrohr? Wenn wir das Inhaltsverzeichnis des Jahrgangs 76, das dieses Heft enthält, überfliegen, dann könnten wir wohl zufrieden sein. Weit mehr von Themen als je in den Jahren zuvor wurden behandelt und wer als langjähriger Leser in der Lage ist, Vergleiche anzustellen, der wird, wenn er unvereingenommen ist, zugeben müssen, dass viele Probleme gründlicher, bestimmt auch vieles unkomplizierter dargeboten und erklärt wurden. Aber abgesehen davon, dass es auf der Welt nichts gibt, was man nicht noch besser machen könnte, sollte niemand übersehen, dass bei einer die Viertelmillion überschreitenden Käuferzahl die Interessen außerordentlich vielschichtig sind. Anders gesagt: Das alte Wort, dass jedem es recht zu machen eine Kunst ist, die niemand kann, muss man auch uns zubilligen. Wir versuchten schon bisher (und in Zukunft soll das noch differenzierter geschehen) »für jeden etwas« zu bringen. Eines wird freilich keiner von uns je zuwege bringen: Die Zustimmung aller Leser zu erhalten. Immer wird die Gruppe meinen, auf ihre speziellen Interessen werde zuwenig eingegangen für eine andere Gruppe, die andere Interessen hat, war es schon zuviel. So blieben wir auch im abgelaufenen Jahr nicht ohne Kritik. Soweit sie sachlich war, versuchten wir, sie uns anzunehmen oder dem kritisierenden Leser zu erklären, warum wir im Widerspruch zu seiner Meinung standen (und vielleicht auch weiter stehen müssen). Aber die Kritik betraf nicht nur den thematischen Inhalt vom MOTORRAD. Zunehmend sehen sich ja Motorradfahrer heute wieder mit Problemen konfrontiert, über die sie sich ärgern müssen, die an ihren Geldbeutel gehen oder die geeignet erscheinen, ihnen den ganzen Spaß am Motorradfahren zu verleiden ja vielleicht sogar darauf abzuzielen, eines Tages die Möglichkeit des Motorradfahrens rigoros einzuschränken. Mit Bezug auf solche Probleme erwarten Leser einer Motorrad-Zeitschrift mehr als Information; sie sehen dann zu einem Großteil in »ihrer« Zeitschrift ihre Lobby ihre Interessenvertretung gegen Angriffe von den verschiedensten Seiten, gegen die sie sich schutzlos fühlen. Freilich gehen die Wünsche hinsichtlich solcher aktiver Interessenvertretung meist über den einer Zeitschrift gesetzten Rahmen hinaus. Die bevorstehende erneute Erhöhung der Versicherungsprämien war das eklatante Beispiel dafür. Viele unserer Leser haben es uns verübelt, dass wir nicht dazu aufforderten, die Post von Abgeordneten oder Ministern mit Ziegelsteinpaketen anzureichern, dass wir keine Unterschriftensammlungen arrangierten oder dass wir nicht, Krönung solcher »Aktionen« , zu Demonstrationen in Bonn oder anderswo aufriefen. Wir taten es nicht weil wir wussten, dass dabei nicht der geringste Nutzeffekt für die betroffenen Versicherten herauskommen würde. Für solche Aktionen wären andere prädestiniert gewesen, Verbände nämlich, die ihre Mitgliedsbeiträge als Gegenleistung für die von ihren Mitgliedern erwartete Interessenvertretung kassieren. Im letzten Heft sagten wir das dem ADAC an dieser Stelle aber wir mussten vorab (eine ausführliche Gegendarstellung zu unseren »Angriffen« wurde angekündigt) belehren lassen, dass der ADAC sich gar nicht gegen die anstehende Prämienerhöhung stellen konnte weil, man höre, man dort über Unterlagen verfüge, aus denen hervorginge, dass die Motorradfahrer froh sein müssten, diesmal noch so glimpflich davongekommen zu sein. Tatsächlich hätten die Versicherungsunternehmen die Prämien nämlich nicht nur um runde 100, sondern um etwa 300 % erhöhen müssen. Sie hätten jedoch diesmal noch davon abgesehen, und die entstandene Differenz müssten nun die Autofahrer zahlen! Ist es, wenn man von solchen Einstellungen weiß, verwunderlich, dass viel mehr an Kritik als aus dem Leserkreis uns von denen zuging, die sich, sei es als Hersteller, Importeur, als Händler, als Sportveranstalter oder als Clubfunktionär von uns »angegriffen« (und dann meist auch gleich noch geschäftlich geschädigt) fühlten? Natürlich wäre es leichter und bequemer, solchen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Natürlich kann man, weil man ja als Berichterstatter im darauffolgenden Jahr, wenn man dort wieder aufkreuzen muss, keinen Ärger haben möchte, grundsätzlich jede Veranstaltung übern grünen Klee loben. Natürlich kann man »großzügig« darüber hinweggehen, dass die im Inserat so hochgepriesene Fahrerbekleidung Mist, der angeblich vom Superstar XYZ gefahrene Helm gefährlich und der angebotene Umbausatz niemals TÜV-fähig ist. Und man brauchte ja die Testmaschinen auch nicht bis an Grenzen zu fahren, die angeblich der »normale« Kunde nie erreicht die aber gravierende Fehler aufzeigen, die angeprangert gehören, weil auch nur ein dadurch entstandener »unerklärlicher« Unfall schon zuviel wäre. Hier allerdings sehen wir eine Aufgabe echter Interessenvertretung unserer Leser. Dieser Aufgabe haben wir uns unter Hintansetzung anderer Interessen in der Vergangenheit unterzogen und diese unsere Einstellung wird in Zukunft eher noch härter werden. Auch in Zukunft wird das, was im MOTORRAD steht, nicht allen gefallen. Entscheidend ist nur eines: dass es einem möglichst großen Teil der Leser gefällt. Siegfried Rauch
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