Rohrers Welt: Superbike-WM und Ducati Warum dominiert Carlos Checa mit seiner Althea-Ducati die SBK-WM?

Gegen Carlos Checa und seine private Althea-Ducati sind alle anderen WM-Superbiker chancenlos, auch und gerade die großen Werksteams wie etwa BMW mit der starken S 1000 RR. Sind es die Reifen, die Vierzylinder oder gibt es einen anderen Grund?

Foto: 2snap

Carlos Checas Althea-Ducati ist das wahrscheinlich leistungsschwächste WM-Superbike des Universums. Darüber sind sich die Techniker der anderen in der Weltmeisterschaft der Produktionsmotorräder engagierten Hersteller schon länger einig. Auch darüber, dass dies am Ende der Runde und vor allem am Ende des Rennens nicht unbedingt ein größerer Nachteil ist.

Ausgerechnet dieser 40-jährige alte Mann, der zwar auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblickt, allerdings niemals einen internationalen Titel gewonnen hat, und seine kaum 210 PS starke Ducati 1098 R aus dem Privatteam von Genesio Bevilacqua, Besitzer der Keramikfirma Althea, tanzen in diesem Jahr allen auf der Nase herum. Allen voranden vor Hightech und rund 230 PS Motorleistung strotzenden Werksgeräten von BMW und Titelverteidiger Aprilia. Und dies berührt die Superbike-Welt doch sehr, einige durchaus auch etwas peinlich.

Woran liegt's nun also, dass die sichtbar nicht mehr ganz taufrische Ducati mit dem Kampfstier in der Startnummer sieben nicht nur in den wohlbekannten Hochburgen ihres Piloten Checa brilliert, dem Miller Motorsports Park bei Salt Lake City zum Beispiel oder auf Phillip Island in Australien, wo der Spanier in seinen geliebten flüssig-schnellen Kurvenkombinationen wirklich fast zaubern kann, sondern zum Beispiel hier in Silverstone, der Highspeed- und Powerbahn in Mittelengland?

"Nun", wird Carlos Checa selbst nachdenklich, "die Ducati verliert zwar etwas auf den Geraden, aber in den Kurven ist das Motorrad fast perfekt ausbalanciert. Ganz besonders auf welligem Belag, und davon hat es hier eine ganze Menge, erlebe ich die Ducati viel ruhiger und damit leichter zu dirigieren als die Maschinen meiner Gegner."

Checa führt dies im Übrigen auf den guten alten Gitterrohrrahmen zurück, von dem Ducati bei ihrer Superbike-Neuentwicklung für 2012 interessanterweise nichts mehr wissen will. "Meine Rennmaschine ist das Gegenteil von steif", grinst der kommende Weltmeister, "das hilft uns." Und zwar in allen Lebenslagen. Denn die alte 1200er V2-Zylinder-Duc erleichtert ihrem sensiblen Fahrer nicht nur das flüssig-schnelle Fahren, sondern behandelt nicht ganz nebenbei auch die Pirelli-Einheitsreifen ganz offensichtlich um einiges schonender als die versammelte 1000er Vierzylinder-Konkurrenz, ganz gleich ob diese in echter oder simulierender V-Konfiguration oder als Reihenmotor antreten.

"Ich konnte die zwei Rennen in Silverstone zum Beispiel in zwei völlig unterschiedliche Abschnitte trennen", erinnert sich der Doppelsieger, "zunächst musste ich sehr aggressiv fahren, mich durchkämpfen, einige Gegner überholen und dabei sehr harte, enge Linien fahren. Als ich mich an der Spitze frei gefahren hatte, konnte ich wesentlich smoother, sanfter fahren, ohne dabei langsamer zu werden. Das ist unser großer Vorteil, dass auch am Rennende die Reifen noch gut mitspielen."

Klingt alles ganz einfach, bringt allerdings die Wettbewerber in Weiß-Blau und Grün-Weiß-Rot zur Weißglut, vor allem wenn dann auch noch Teambesitzer Genesio Bevilacqua klarstellt, dass Althea Racing ein echtes Privatteam ist. "Natürlich bekommen wir jetzt wesentlich mehr Unterstützung aus dem Ducati-Werk, seit die Ende 2010 ihr offizielles Team geschlossen haben", so der 52-Jährige, "aber wir bleiben eine unabhängige Struktur mit nicht mehr als 25 Leuten - inklusive PR- und Hospitality-Team. Und die Maschinen gehören uns."

Dies wird von Ernesto Marinelli bestätigt. Der Superbike-Projektleiter von Ducati Corse, bis letztes Jahr auch noch Direktor des Superbike-Werksteams, hat zwar zwei Renn-Ingenieure für Althea abgestellt und erscheint selbst, wenn auch in demonstrativ inoffizieller Kleidung, bei der Mehrzahl der Rennen, stellt aber klar: "Althea Racing ist kein verkapptes Werksteam, sondern nur einer von zwei von uns bevorzugt betreuten Racing-Kunden. Das andere Team ist Effenberg-Liberty mit Jakub Smrz und Sylvain Guintoli."

Dies soll 2012 so bleiben. Auch mit dem revolutionären neuen Superbike werden die Roten also nicht mit einer offiziellen Ducati-Corse-Mannschaft zurückkehren, sondern weiterhin auf das Engagement ihrer Edelkunden wie Althea vertrauen. "Wir wollen natürlich auch mit dem neuen Motorrad und Carlos Checa in ähnlicher Weise weitermachen wie bisher", stellt Teameigner Bevilacqua klar.

Folglich dürften die Nerven zum Beispiel im BMW-Werksteam angespannt bleiben. Denn Rennleiter Rainer Bäumel weiß zwar einerseits, dass er den wahrscheinlich stärksten und modernsten Motor im Feld zur Verfügung hat, dazu eine in der Serien-Basis in allen Belangen überlegene S 1000 RR und mit Vizeweltmeister Leon Haslam einen ganz vorzüglichen Fahrer.

Dennoch fehlen die Erfolge. Der noch sieglose Tabellenrang fünf für Haslam nach zwei Dritteln der WM-Saison wird im weiß-blauen Lager niemand wirklich befriedigen. Woran aber hängts? Der BMW-Reihenvierer, erklärt uns Bäumel, bezahlt Vorteile in Sachen Leistung und Drehfreude mit höherem Verschleiß der Reifen. "Wir müssen über das Fahrwerk die Reifen entlasten."

Eine ziemliche Herkulesarbeit, die allerdings in Silverstone schon erste Früchte zeigte. Wir sahen zwar nicht die üblichen Blitzstarts von Haslam und seinem Kollegen, dem an diesem Wochenende immer noch an den Sturzfolgen drei Wochen zuvor in Brünn laborierenden Ex-Weltmeister Troy Corser. Dafür aber auch nicht, wie die beiden Werks-BMW in der zweiten Rennhalbzeit mit ihren verendenden Hinterreifen dahinschmolzen. Im Gegenteil, Haslam konnte etwa im ersten Rennen von Rang sieben bei Halbzeit noch auf vier nach vorn fahren.

Das ist erfreulich. Allerdings fehlen dem jugendlichen Vizeweltmeister auf seiner Hightech-Granate immer noch gut sieben Sekunden zu dem alten Mann mit der demnächst ausrangierten Gebrauchtmaschine. Deren Nachfolgerin muss jedoch auch erst noch beweisen, ob sie in die großen, sanften Reifenabdrücke der Ducati 1098 R passen wird.

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"Wir haben super Testergebnisse"

Auch wenn die alte Ducati 1098/1198 noch immer gewinnt, steht das revolutionäre neue Superbike bereits in den Startlöchern.

Für die Superbike-WM-Saison 2012 bricht Ducati das eherne Sportgesetz "Never change a winning team"mit System und - hoffentlich auch - mit Bedacht. Von der meisterlichen 1098 R, so heißt das Superbike aus Homologationsgründen nach wie vor, auch wenn auf den Maschinen längst die aktualisierte Serien-Bezeichnung 1198 steht, findet sich im neuen Ducati-Superbike nichts mehr wieder. "Die neue Serien-Maschine hat mit der 1198 noch die Lenkerstummel und die Fußrasten gemein", grinst Ernesto Marinelli optimistisch, "das Rennmotorrad", so der Projektleiter Superbike bei Ducati Corse weiter, "nicht mal mehr das."

Noch vor den ersten öffentlichen Testrunden schlägt die 2012er Duc im Superbike-WM-Fahrerlager ein wie eine Bombe. Gleich in Orchesterstärke fordern Vertreter nahezu aller Konkurrenzhersteller schon im Vorfeld neue Reglementsfesseln für den 1200-cm³-Twin, weil die 1000er Vierzylinder sonst komplett untergingen.

Aber ist diese pauschale Furcht vor der heißen Roten nicht vielleicht unnötig? Zweierlei sollte zu denken geben. WM-Favorit Carlos Checa ist nicht übermäßig scharf auf die Neue: "Bevor die WM gewonnen ist, interessiert mich das neue Motorrad noch nicht." Außerdem wird der spanische Altmeister nicht müde, ständig die Flexibilität des alten Gitterrohrchassis zu loben. Genau hier allerdings geht das neue Superbike mit der Kombination aus Aluminium-Monocoque und selbst tragendem Motor den entgegengesetzten Weg, an dessen vorläufigem Endpunkt derzeit sogar ein Gigant wie der neunfache Grand-Prix-Weltmeister Valentino Rossi im Scheitern begriffen ist. Tut Ducati nach der GP11-Desmosedici nicht vielleicht auch beim Superbike des Guten zu viel? Marinelli wiegelt ab: "Die bisherigen Tests laufen super, das neue Ducati-Superbike wird ein Riesenschritt vorwärts."

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