Sport: Superbike-WM Superbike-WM in Assen/NL

Rennveteran Troy Corser fühlte sich mit der weiter optimierten S 1000 RR pudelwohl inmitten seiner jungen Gegner und bescherte BMW das bislang beste Wochenende in der Superbike-WM. Doch auch Max Neukirchner sieht nach der Umstellung auf den neuen, heißen Fahrstil der Klasse einen Silberstreif am Horizont.

Foto: 2snap
Das private Team Reitwagen-BMW, mit hochtrabenden Plänen in die Superbike-WM gestartet, fuhr sich noch vor dem Assen-Wochenende im Morast finanzieller Probleme fest. Wegen überfälliger Darlehensrückzahlung hatte ein privater Geldgeber die Rennmaschinen kurzerhand unter Sicherheitsverwahrung gestellt. Ob das Wiener 1,5-Millionen-Euro-Projekt damit vorzeitig zum Scheitern verurteilt ist, konnte auch Teamchef Andreas Werth nicht abschätzen.

Für die Fahrer Andrew Pitt und Roland Resch war die unfreiwillige Pause doppelt bitter. Sie verpassten das beste BMW-Rennwochenende seit dem Superbike-WM-Einstieg 2009, mit dem sich die Weiß-Blauen im Reigen der sieben Werksteams zum Mitfavoriten mauserten. Schon der Hattrick von Ayrton Badovini, dritter klarer Sieg im dritten Rennen des seriennäheren Superstock-1000-FIM-Cups für junge Fahrer deutete an, dass es ein gutes Wochenende werden würde. "In dieser Klasse hat die S 1000 RR 20 PS mehr als die Konkurrenz. Ein guter Fahrer ist damit schwer zu schlagen", rieb sich BMW-Projektleiter Rainer Bäumel die Hände. In der für Tuningmaßnahmen offeneren Superbike-WM verliert sich dieser Vorteil. Dafür bestätigte Troy Corser die BMW-Fortschritte bei Fahrbarkeit und Fahrverhalten aus den letzten Monaten. Schnellster im freien Training am Freitag, holte der Australier als Superpole-Dritter erstmals mit der BMW einen Startplatz in der ersten Reihe. Er führte fast das halbe erste Rennen, bevor er nur knapp geschlagen auf Rang fünf zurückfiel. Im zweiten Rennen katapultierte er sich erneut zunächst an die Spitze und wurde wieder Fünfter.

"Ein tolles Gefühl, wieder ums Podium zu kämpfen", schwärmte der Weltmeister von 1996 und 2005. "Wir sind so schnell wie die anderen, von Aprilia vielleicht abgesehen. Endlich habe ich wieder Spaß am Fahren, ohne über das Motorrad nachdenken zu müssen", grinste der 38-Jährige.

"Dass Troy jetzt das nötige Vertrauen zum Motorrad gefunden hat, ist der entscheidende Faktor", bestätigte auch Rainer Bäumel, der die entscheidenden Weichen zum Erfolg bereits im September 2009 mit einem im mittleren Drehzahlbereich stärkeren Motor und einer neuen Hinterradschwinge mit mehr Torsions- und Seitensteifigkeit gestellt hatte. Seither wurden nur die Abstimmung und das elektronische Motormanagement an Corsers Bedürfnisse angepasst. Dazu kommt eine neue Elektronik für Traktionskontrolle und Motorbremswirkung, die der mit Davide Tardozzi von Ducati zu BMW gekommene Technik-Chef Max Bartolini ausgetüftelt hat.

Wenn Corsers Hinterreifen nicht so stark abgebaut hätte, wäre vielleicht der erste große Erfolg möglich geworden. So aber wurde nicht der älteste, sondern der jüngste Fahrer im Feld zum großen Helden von Assen: Der 23-jährige Ten-Kate-Honda-Fahrer Jonathan Rea holte nach Superpole und Rundenrekord beide Rennsiege.

Ganz anders sein Teamkollege Max Neukirchner. 16. in der Superpole, 19. nach verpatztem Start und erster Rennrunde. Letzter nach einem Sturz in Runde fünf. Ausgerechnet in der Heimat seines neuen Teams schien der Sachse direkt ins Desaster zu steuern.

Erst im zweiten Rennen kam die Wende zum Guten. Plötzlich war Neukirchner wieder da, kämpfte sich von Rang 16 ins vordere Mittelfeld, hatte die Spitze bis zum Zieleinlauf in Sichtweite. Am Ende reichte es für Rang neun, nur neun Sekunden hinter dem Sieger. "Bis jetzt war in Assen immer riesengroßer Kurvenspeed gefragt. Für mich war damit klar, dass ich hier meinen alten Fahrstil gut umsetzen konnte. Doch dann zeigte sich: Die letzte Sekunde ging einfach nicht", schilderte Neukirchner. "Im zweiten Qualifying habe ich dann versucht, mit frischen Reifen übelst spät und länger in die Kurve reinzubremsen. Auf einmal hatte ich viel mehr Grip hinten, die Maschine ließ sich besser aufrichten, ich konnte früher beschleunigen und war so auch auf der Geraden schneller. Da schoss es mir durch den Kopf: Ich muss vielleicht doch meinen Fahrstil ändern."

Für das zweite Rennen ließ Neukirchner das Setup von Teamkollegen Rea einbauen, mit deutlich härterer Gabel für geringeres Eintauchen beim harten Bremsen und mehr Gewicht auf dem Hinterrad für besseren Grip beim Beschleunigen. "Das Rennen wurde für mich zum Riesenerfolg. Ich hätte nie gedacht, dass du mit einer Honda so brutal reinfahren musst."

Neukirchners Fortschritte waren überzeugend - vor allem gemessen an den Leistungen des offiziellen Ducati-Teams, das, so der neue Teamchef Ernesto Marinelli, "außer Kontrolle" geraten ist. Noriyuki Haga liegt nach Rang zehn im ersten und einem Motorschaden im zweiten Rennen an fast schon aussichtsloser sechster Stelle der WM. Die einzige realistische Hoffnung, im Titelkampf mithalten zu können, ruht auf dem konstanten Carlos Checa. Doch der Spanier fährt im Althea-Kundenteam, dessen Motoren nur 12 000/min drehen dürfen, und hat so Mühe, mit den WM-Protagonisten von Suzuki, Aprilia und Yamaha mitzuhalten. Die Werksmaschine dreht 12 800/min. Das hat vor allem finanzielle Ursachen: Die Werksmotoren müssen viel öfter zur Revision, die Wartungskosten von ohnehin schon über 100000 Euro im Jahr verdoppeln sich damit.

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