Sport: Superbike-WM Superbike-WM in Monza

Genau ein Jahr nach der offiziellen Präsentation des BMW-Superbikes S 1000 RR erreichte Werksfahrer und Ex-Weltmeister Troy Corser den ersten Podestplatz für das weiß-blaue Racing-Projekt und weckte den Hunger nach noch mehr.

Foto: 2snap
Und das war erst der Anfang", brach es bei aller Riesenfreude fast schon wieder trotzig kämpferisch aus BMW-Motorsportchef Berti Hauser heraus. Dann wurde er wieder staatstragend: "Unser gesamtes Team hat heute bewiesen, dass wir genau in die richtige Richtung zusammengewachsen sind."

Grund für das weiß-blaue Frohlocken war der dritte Rang von BMW-Werks-Superbiker Troy Corser im zweiten WM-Rennen auf der Hochgeschwindigkeitsbahn von Monza. Es war der erste Auftritt eines BMW-Fahrers auf dem Siegerpodest eines Motorradweltmeisterschaftsrennens seit dem dritten Platz von Hans-Günter Jäger beim deutschen 500er-Grand-Prix 1961 in Hockenheim. Entsprechend ausgelassen war die Jubelstimmung in der Box wie auch im VIP-Zelt der Bayern. Angefangen von BMW-Motorrad-Chef Hendrik von Kuenheim (siehe Interview auf Seite 125) bis zur Spülhilfe lag sich alles, was eine BMW-Motorrad-Motorsport-Uniform trug, in den Armen.

Der lang ersehnte Erfolg des BMW-Superbikes indes kam nicht einfach so aus der magischen Aura des ehemals königlichen Parks von Monza mit seiner tatsächlich ältesten noch aktiven Rennstrecke der Welt. "Unsere Annäherung an die Spitzenränge vollzog sich in einer Reihe von kleineren, aber sehr logischen Schritten, die wir seit unserem Einstieg in die Superbike-WM zu Beginn der Saison 2009 hinter uns gebracht haben", stellt Hauser klar. "Auch wenn einige Unkenrufe uns vorzeitig schon abgeschrieben haben, waren wir immer im Plan."

Der Hinweis auf Mitbewerber Aprilia, der mit dem italienischen Altstar Max Biaggi in Monza einen makellosen Doppelsieg, jeweils aus der Pole Position heraus, feiern konnte, und mit der RSV4 Factory ebenfalls erst 2009 in die WM eingestiegen ist, möchte BMW-Superbike-Teamchef Davide Tardozzi so nicht stehen lassen. "Natürlich ist mein erster Gedanke, wenn ich das heutige Ergebnis, zwei überlegene Aprilia-Siege und unseren dritten Platz, sehe: Mann, die sind viel zu schnell, wir haben noch so viel aufzuholen", räsoniert der mit insgesamt 17 für Ducati gewonnenen WM-Fahrer- und Hersteller-Titeln erfolgreichste Superbike-Teamchef aller Zeiten nicht ohne ein Grinsen. "Aber im Ernst, ich bin ja erst seit Anfang dieser Saison bei BMW. Die gesamte Mannschaft besteht zwar aus hervorragenden Leuten, ist als Team aber noch sehr jung, hat mit der S 1000 RR ein komplett neues Motorrad und entsprechend geringe Erfahrungsdaten. Das ist mit Aprilia nicht zu vergleichen. Die sind zwar mit ihrem Vierzylinder-Motorrad gleichzeitig mit uns in die Super-bike-WM eingestiegen, haben jedoch mit ihrer bestehenden Struktur eine immense Erfahrung aus den 250er-GP, MotoGP und auch der Superbike-Weltmeisterschaft."

Tardozzis Erfahrungsschatz ist dennoch unschätzbar wertvoll für das Erfolgsstreben des BMW-Superbike-Projektes. Der 50-jährige Italiener bringt sehr klare Vorstellungen über Abläufe und Strukturen in einem Spitzen-Racing-Team mit und soll damit den Lernprozess der Truppe drastisch verkürzen. "Klar konnte ich einiges stringenter gestalten hier, aber allein kann auch ich gar nichts erreichen", gibt der Star-Teamchef ganz brav den Mannschaftsspieler, "wir haben bei BMW eine hochmotivierte Truppe zu Beginn dieser Saison an entscheidenden Stellen noch verstärken können."

Und damit meint der gute Davide noch gar nicht einmal sich selbst allein: "Ganz, ganz wichtig für den Erfolg, den wir mit BMW haben wollen, war, dass es uns gelungen ist, Massimo Bartolini mit mir von Ducati zu BMW zu bewegen. Bartolini - er war bei Ducati der Renn-Ingenieur von Michel Fabrizio - ist ein genialer Techniker, nicht nur in Sachen Elektronik, und hat in seiner kurzen Zeit bei BMW schon sehr viel bewegt."

Womit wir bei den zwei größten Baustellen sind, welche die BMW-Crew mit ihrer S 1000 RR noch bereinigen muss, um tatsächlich ganz nach vorn, in Reichweite des ersten Sieges zu kommen. Pure Motorleistung hat das weiß-blaue Superbike vielleicht sogar mehr als genug. Das Problem ist eher das etwas heftige Ansprechverhalten und der damit im Vergleich zur Konkurrenz übermäßige Reifenverschleiß. Es gehörte in der jüngeren Vergangenheit fast schon zum Standard-Programm, wenn Troy Corser die BMW mit den ihm eigenen Blitzstarts in eine Spitzenposition manövrierte, aus der er sich dann im weiteren Verlauf des Rennens ebenso allmählich wie wehrlos in Richtung vorderes Mittelfeld verabschieden musste. Wie leider auch im ersten Rennen von Monza, das Corser schließlich als Achter noch zwei Plätze hinter seinem Teamkollegen Ruben Xaus beendete.

Das war in Monza im zweiten Rennen zum ersten Mal anders. Aus seiner eher bescheidenen zwölften Startposition in der dritten Reihe pfeilte der Ex-Weltmeister wie gewohnt nach vorn, konnte aber dann das Tempo von Sieger Biaggi und WM-Tabellenführer Leon Haslam auf der Werks-Suzuki einigermaßen mithalten und sogar gegen Rennende den überraschten Haslam einige Male attackieren, wenn auch schlussendlich nicht erfolgreich. "Und genau daran hat Max Bartolini großen Anteil, er hat unsere Elektronik-Abteilung gewaltig nach vorn gebracht", freut sich Tardozzi.

Als mindestens genauso wichtig gilt allerdings, was Troy Corser nach dem dritten Platz von Monza als "sehr radikale Fahrwerksveränderung zwischen dem ersten und zweiten Rennen" bezeichnete. "Wesentlich mehr Gewicht", wie sich Berti Hauser deutlich ausdrückte, lastete nämlich im zweiten Rennen auf der Hinterhand der S 1000 RR. Und das war der Schlüssel zum Erfolg. "Die Maschine ließ sich viel präziser einlenken. Der Hinterreifen arbeitete sich wesentlich langsamer auf, ich konnte sogar zu Rennende hin noch einmal angreifen", freut sich der Australier, "heute funktionierte die Maschine, wie sie soll."

Von höchstem Interesse dürfte jetzt sein, ob die BMW eine Woche später auch in der südafrikanischen Höhenluft von Kyalami (knapp 1800 Meter Meereshöhe) auf der langsamsten Strecke des Superbike-WM-Zirkus deutlich verbessert angreifen kann. Der Technikchef des BMW-S 1000 RR-Projekts, unser früherer MOTORRAD-Kollege Rainer Bäumel, ist eher skeptisch: "Kyalami ist - auch nach dem heutigen Erfolg - sicher eine der schwierigsten Strecken für uns, extrem eng und verwinkelt. Da sehe ich im Moment noch andere im Vorteil, vor allem was das Herausbeschleunigen aus den vielen langsamen Kurven angeht."

Tiefstapler Bäumel spricht es zwar nicht direkt aus, hebt aber damit Ducati auf den Favoritenschild für Kyalami, selbst wenn von den erfolgsverwöhnten Roten beim Heimspiel in Monza kaum etwas zu sehen war. Die Ränge zehn und sechs für Publikumsheld Noriyuki Haga, Platz sieben und ein Sturz für Jungstar Michel Fabrizio sind ganz und gar nicht, was die Tifosi zuhause erleben wollen, und zweimal nicht, so lange mit Aprilia eine andere einheimische Marke absahnt.

Fehlen vielleicht im Bologneser Vorort Borgo Panigale Davide Tardozzi und sein Adlatus Bartolini weit mehr, als alle zugeben wollen? Der viel Gelobte selber wiegelt ab: "Nein, nein, Ducati ist weiterhin eine hervorragende, erfahrene Truppe, während BMW erst am Anfang steht."

Dies darf allerdings durchaus als Kampfansage an seinen alten Arbeitgeber gewertet werden, nachdem ausgerechnet in der Hölle des königlichen Parks von Monza Tardozzis neue weiß-blaue Welt das ehemals kaum zu schlagende rote Imperium weit hinter sich gelassen hat. Trotz des Sturzes von Ruben Xaus gleich zu Beginn des zweiten Rennens holten die zwei BMW-Superbiker 34 Punkte in Monza gegenüber 24 der zu Jahresanfang hoch gewetteten Ducatisti Haga und Fabrizio.

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