Sport: Superbike-WM Portimão/P Don't mess with texas

Trotz zehn Punkten Rück- stand auf Noriyuki Haga galt Yamaha-Werksfahrer Ben Spies als Favorit im Superbike-WM-Finale von Portimão, bestimmte das gesamte Wochenende und holte sich den Titel mit zwingender Unwiderstehlichkeit als Rookie.

Foto: 2snap

Als Valentino Rossi am frühen Sonntagmorgen aus Malaysia grüßte, brach die Yamaha-Delegation in Portimão nicht in Jubel aus. Obwohl der Doktor eben erneut MotoGP-Weltmeister geworden war. Wie auch, genau in dem Moment begann in Portimão das Warm Up, der letzte Check für Mensch und Maschine zum Showdown um die Superbike-WM-Krone. Trotz aller Anspannung nahm Laurens Klein Koerkamp, Yamaha-Europa-Rennsportchef, vorlaute Glückwünsche zum "ersten von drei großen Siegen heute" hintergründig lächelnd doch entgegen. Auch er sah wohl seinen Superhelden Ben Spies trotz Zehn-Punkte-Rückstand keinesfalls als Außenseiter im finalen Duell mit Noriyuki Haga.

 

Vor allem auch, weil der Japaner auf seiner Werks-Ducati trotz aller Routine aus zwölf Jahren im Motorrad-Spitzenrennsport, zehn davon in der Superbike-WM, zwei im MotoGP, ziemlich nervös in das Finalwochenende an der Algarve ging. Ganz im Gegensatz zum selbsternannten "Texas Terror" Ben Spies, der in seiner allerersten Superbike-WM-Saison auch beim Endspiel aufreizend unbekümmert die Yamaha mit der Nummer 19 auf die Pole Position stellte.

 

Nitro-Nori Haga dagegen spürte gleich dreifache Herkuleslast auf seinen Schultern. Zum einen gehört der Superbike-WM-Titel bei einem Ducati-Nummer-eins-Fahrer sozusagen zur Arbeitsplatzbeschreibung und wird entsprechend selbstverständlich eingefordert. Zweitens ist Haga insgesamt wohl der beste WM-Superbiker der letzten zehn Jahre, schrammte aber als dreimaliger Vizeweltmeister, viermaliger WM-Dritter, dazu noch einmal auf Gesamtrang vier regelmäßig haarscharf am tatsächlichen Triumph vorbei. Und ist darüber inzwischen auch schon 34 Jahre alt geworden. Die Uhr tickt also. Dazu kommt als Drittes, dass Haga, gewänne er endlich den Titel, der erste Fahrer-Weltmeister aus dem übermächtigen Motorradland Japan in einer der beiden Top-Klassen MotoGP oder Superbike wäre. All diese Bürden bremsten den Renn-Samurai offenbar nachhaltig ein. Schon in der Superpole-Qualifikation schaffte er es als Zehnter nicht in das Finale der schnellsten Acht, welche die ersten Startreihen unter sich ausfahren.

 

Was seinen Ducati-Teamchef Davide Tardozzi nicht sehr beunruhigte, schließlich gilt Haga als unwiderstehlicher Blitzstarter und hat Superbike-WM-Rennen sogar schon vom noch viel schlechteren 18. Startplatz aus gewonnen. Doch der eher diskrete Start ins erste Rennen ging sowohl dem Italiener als auch dem zurückfallenden Helden selber gehörig an die Nerven. Während Spies aus der Pole Position heraus an der Spitze dem Feld zu enteilen versuchte, um so den ersten Teil seiner Aufgabe - zwei Siege in Portimão würden ihn aus eigener Kraft zum Weltmeister machen - zu erledigen, konnte sich Haga im Verfolgerfeld nicht so recht durchsetzen und machte in der siebten von 22 Runden die Katastrophe komplett.

 

Eingangs der Bergablinkskehre hinter dem Fahrerlager rutschte er aus. Und plötzlich waren aus den zehn Punkten Vorsprung gegenüber Ben Spies, der dieses Rennen kontrolliert vor Ten-Kate-Honda-Fahrer Jonathan Rea und Max Biaggia auf Aprilia gewinnen konnte, 15 Punkte Rückstand geworden. Das Gesetz des Handelns war endgültig auf den Texaner übergegangen. Selbst bei einem Haga-Sieg im zweiten Rennen würde ein sechster Rang zum Titel reichen. Nori haderte derweil mit sich selbst. "Wir hatten uns gewaltig vertan mit der Reifenwahl. Die C-Reifen mittleren Härtegrads haben nicht funktioniert. Es gab überhaupt keinen vernünftigen Grip. So war der Sturz fast unvermeidlich."

 

Das konnte man als kritischer Beobachter auch ganz anders sehen. Haga hatte in der fraglichen Kurve erst zu spät, dann zu hart und nach einem virtuos abgefangenen Vorderradrutscher in zu tiefer Schräglage gebremst, statt die großzügige Auslaufzone für einen weiten Sicherheitsbogen zu nutzen. Fürs zweite Rennen übernahm Haga die Reifenwahl von Ben Spies, vorn weich, hinten hart, trat also quasi mit gleichen Waffen zum Endkampf an, was vielleicht kein Nachteil, allerdings auch kein Vorteil war. Denn Spies, nachdem er erkannt hatte, dass "ich ohne größeres Risiko nicht an der Spitze wegfahren konnte" richtete sich möglichst komfortabel irgendwo unter den ersten Sechs ein.

 

In dieser Phase des Rennens vermisste nicht nur der mit dramatischem Blick in die Bildschirme an seinem Kommandostand starrende Teamchef Tardozzi den Haga-typischen Vorwärtsdrang. Erst ganz am Ende des Rennens, für Spies war längst klar, dass er nicht mehr weiter als auf Rang sechs zurückfallen würde und somit der WM-Titel gewonnen war, spitzte sich die Situation zu. Durch Fahrfehler vor allem von Max Biaggi, aber auch Jonathan Rea wurde Haga plötzlich auf Rang zwei vorgespült - hinter seinem Ducati-Teamkollegen Michel Fabrizio. Zu diesem Zeitpunkt hätte eine Stallregie zugunsten des Japaners zwar auch nicht mehr helfen können, weil der im Ziel fünftplatzierte Spies selbst dann noch mit einem Punkt in der WM-Tabelle vorn gewesen wäre. Angesichts des zweiten Rennens im vergangenen September beim Ducati-Heimspiel in Imola, das Fabrizio ebenfalls knapp vor Haga gewonnen und das den Japaner weitere fünf Punkte gekostet hatte, musste Tardozzi sich dennoch einige Fragen anhören.

 

"Das ist alles Unsinn", konterte er sofort, "Ben Spies hatte die Geschichte heute im zweiten Rennen absolut unter Kontrolle. Er hätte jeden Platz erreicht, den er gebraucht hätte, um Weltmeister zu werden. Wir sind dieses Jahr nur Zweiter geworden und müssen deshalb Ben und Yamaha zu einer fantastischen Leistung gratulieren." Ganz am Schluss überraschte Tardozzi aber doch mit einer Erklärung zum in Portimão indisponierten Haga-san. "Ich denke nicht, dass Nori übermäßig nervös war an diesem Wochenende, aber er war nicht hundertprozentig fit. Er kam schon mit einer starken Erkältung hier an, und es wurde nicht besser. Er hat zwar alles getan, um es zu überspielen, aber es klappte halt nicht."

 

Der neue Weltmeister dagegen blickte auf eine perfekte Debütanten-Saison zurück: "Es war alles neu für mich, das Leben in Europa, die meisten Rennstrecken, die neuen Yamaha R1. Aber unser Gesamtpaket passte wunderbar zusammen. Trotzdem war mir schon relativ bald klar, dass es für meine persönliche Weiterentwicklung nötig wäre, möglichst bald in die MotoGP-Klasse aufzusteigen. Aber davor wollte ich Yamaha zum ersten Superbike-WM-Titel in der Geschichte verhelfen. Dass wir das geschafft haben, erfüllt mich umso mehr mit Stolz und macht den Abschied etwas leichter." Zumindest nach der Papierform wird Ben Spies standesgemäß ersetzt. Der Brite Cal Crutchlow, dem in Portimão ein vierter Rang reichte, um für Yamaha auch noch den Supersport-600-WM-Titel zu sichern, rückt auf. Zusammen mit dem in die Superbike-WM zurückkehrenden Weltmeister von 2004 und 2006, James Toseland, übernimmt er die Aufgabe, den Titel von Spies zu verteidigen.

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