Superbike: WM-Entscheidung in Imola/I Ich bin wieder da

13 Jahre musste Max Biaggi warten, bis er nach den vier 250er-WM-Titeln 1994 bis 1997 wieder einen ganz großen Erfolg feiern durfte. Dabei hätte ihm der Druck, dass es unbedingt zuhause und damit vorzeitig passieren musste, fast die Party verdorben - die dann doch noch mit Rauch und Feuer stieg.

Foto: 2snap

Max Biaggi in der Start-aufstellung eines Rennens - das ist immer das gleiche Bild: versteckt hinter einer fast schwarzen Sonnenbrille mit einer Restmimik knapp unterhalb eines neutralen 50-Prozent-Durchschnittsausdrucks, fokussiert scheinbar auf unendlich. Diesmal war alles anders. Beim Superbike-WM-Heimspiel in Imola überprüfte der Italiener unruhig mehrfach die korrekte Position der Fußrasten. Der richtige Sitz seiner Lederkombi war ebenfalls mehreren Korrekturen unterworfen. "Mann, war ich nervös vor dem Start zum ersten Rennen", erinnerte sich der römische Imperator später, "dabei hätte mir eigentlich klar sein müssen, dass es so ganz sicher nicht geht."

Dabei ging es zugegebenermaßen um sehr viel, an der wundervoll am Rande der Kleinstadt Imola östlich von Bologna gelegenen Strecke - mehr jedoch für die knapp 60000 Tifosi als für Biaggi selbst. Der langersehnte Titel des Superbike-Weltmeisters hätte schließlich auch noch eine weitere Woche bis zum Saisonfinale am 3. Oktober im französischen Magny Cours auf ihn gewartet.

Das aber war überhaupt nicht vorgesehen. Der Titel musste jetzt her - zuhause, auf der auch dem Aprilia-Werk in Venetien nächst gelegenen WM-Bahn. Und die Aufgabe erschien ja auch lösbar. 58 Punkte Vorsprung hatte Biaggi mitgebracht. Acht davon durfte er an den englischen Suzuki-Werksfahrer Leon Haslam her schenken, um immer noch als glänzender neuer Superbike-Kaiser Hof halten zu können.

Nach den Trainingstagen schien dies allerdings gar keine so leichte Aufgabe zu sein. "Wir konnten unsere Aprilia RSV4 einfach nicht zu einer vernünftigen Harmonie mit der Piste bringen", so Biaggi, der tatsächlich nur mit etwas Glück in der Superpole-Qualifikation auf nasser Fahrbahn als Siebter gerade noch in die zweite Reihe rutschte. Haslam dagegen stand als Superpole-Dritter in der ersten Reihe mit freier Sicht auf die Imola-Start-"Gerade", die ganz leicht nach links führt. Wäre es in den Rennen dabei geblieben, hätten Biaggi, Aprilia und die Tifosi die WM-Feier vertagen müssen, was für viele auf den Naturtribünen einer herben Niederlage gleich gekommen wäre.

"Und im ersten Rennen ging es dann gerade so weiter wie im Training", ärgerte sich Biaggi, "wir waren nicht konkurrenzfähig." Dazu reihte der 39-Jährige, der als vierfacher 250er-Weltmeister (1994 bis 1997)und 13-facher 500er- respektive MotoGP-Sieger eigentlich weit mehr als genügend Routine aufweisen müsste, kleinere und größere Fahrfehler nur so aneinander. Der dickste Klops passierte schon in Runde drei, als eingangs der Villeneuve-Schikane der Druck auf Max Biaggi offenbar größer war als der, den er selbst auf den Bremshebel ausüben konnte.

Die Aprilia mit der Nummer drei verpasste den perfekten Einlenkpunkt in die Links-Rechts-Links-Kombination. Und der große Feldherr donnerte nach einer Kieseskapade von rechts innen weitgehend unkontrolliert wieder auf die Piste. "Da hätte weiß Gott was passieren können", wusste der gerade eben nicht gefallene Held selber. Immerhin ging Biaggis Berg- und Talfahrt weiter und führte ihn nach 21 Runden auf Rang elf.

Titelrivale Haslam konnte allerdings von den blank liegenden Nerven des Italieners nur bedingt profitieren, weil es seinen eigenen gar nicht so viel besser ging. Auch der gute Leon nahm - Ende der achten Runde in der neuen Zielschikane - einmal einen Notausgang und verlor dadurch den Kontakt zu Überraschungsspitzenreiter und Pole-Mann Tom Sykes auf Kawasaki.

In der letzten Runde war der Brite allerdings wieder am Hinterrad des jetzt führenden Carlos Checa und bremste dessen private Althea-Ducati eingangs der Rivazza-Doppellinkskurve grandios aus. Sich selber allerdings auch. "Ich habe schon gedacht: Respekt Leon, an dieser Stelle kann ich nicht mehr bremsen", grinste der Spanier im Ziel, "aber er konnte es auch nicht."

Haslam war im Ziel Fünfter hinter drei Ducati (Checa, Lorenzo Lanzi, Noriyuki Haga) und der Aprilia des Privatfahrers Jakub Smrz aus Tschechien - in den Augen der Fans die falsche Aprilia. Damit hatte Biaggi von seinem WM-Punkte-Bonuskonto bereits sechs von acht Zählern abgebucht. Um die vorzeitige Party zu retten, hätte es für ihn also nicht mehr ge-reicht, nur am Hinterrad der Haslam-Suzuki einher zu rollen, solange der Brite seinerseits sich auf Platz eins bis drei halten könnte.

Ganz Italien war also wachgerüttelt. Ganz Italien? Nun, für manchen gelb gekleideten notorischen Biaggi-Hasser in und um das kleine Dorf Tavullia mochte das vielleicht nicht gelten, aber für den Rest schon. Und wie Max Biaggi wussten auch seine extrem erfahrenen Jungs - die Mehrzahl seiner Crew hat ja schon zur 250er-Zeit mit ihm gearbeitet -, worum es ging. "Wir haben das Motorrad fürs zweite Rennen gewechselt, das hat etwas gebracht", erläuterte Max, "und vor allem war ich wieder der Alte, was die Konzentration auf das Rennen angeht."

Blitzartig war Biaggi an Haslam dran, verdrängte ihn in der siebten Runde von Rang drei und hätte schon mit diesem Ergebnis den Titel doch noch vorzeitig im Sack gehabt. Mit der Zieldurchfahrt als Startschuss zur Party.

Tatsächlich kam der Schuss bedeutend früher, ungleich spektakulärer als das höchste Siegerwheelie - und er kam von Leon Haslam. Inzwischen auf Rang sechs zurückgefallen, verabschiedete sich sein Suzuki-Triebwerk mit gewaltiger Rauchwolke vom Superbike-WM-Titel 2010. Und wahrscheinlich auch vom noch lang konsterniert an der Strecke stehenden Leon Haslam. Denn am Tag nach dem Rennen bestätigte Suzuki-Alstare-Teamchef Francis Batta, was kaum noch ein Geheimnis war: "Das Suzuki-Stammhaus kann mir bis heute immer noch nicht verbindlich erklären, ob es 2011 überhaupt noch ein Superbike-WM-Projekt gibt, und falls doch, ob dies wieder mit mehr oder gar noch weniger Werksunterstützung laufen kann als 2010. Vor diesem Hintergrund kann ich Leon, der längerfristig vertraglich an uns gebunden wäre, nur freistellen, damit er seine Karriere vernünftig fortsetzen kann."

Heißt auf Deutsch: Leon Haslam wird irgendwann zwischen Redaktionsschluss und Erstverkaufstag dieser Ausgabe den längst bereit liegenden Vertrag mit BMW signiert haben, leider ohne das begehrte Mitbringsel Startnummer eins.

Die klebt 2011 auf Biaggis Aprilia, der seinen fünften WM-Titel mit den Fans ausgelassen feierte, jedoch in einer pseudoclownesken Weise, die ein wenig zu sehr an die Siegesfeiern seines Erzrivalen Rossi erinnerte. Tatsächlich dürfte bei Max Biaggi tief innen sowieso eine eher ruhige, dafür umso größere Genugtuung darüber vorherrschen, es allen noch einmal gezeigt, nach 13 quälenden Jahren doch wieder einen Titel abgeräumt zu haben. Ein WM-Comeback nach derart langer Zeit hat bisher noch keiner geschafft.

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