Superbike-WM Magny-Cours (Archivversion) Über die Dörfer

Ben Spies (19) wie auch Noriyuki Haga (41), die beiden miteinander befreundeten Erzrivalen im Kampf um die Superbike-WM, hatten jeder genug Chancen, den Titel vorzeitig zu sichern. Aber sie müssen durch die harte Ochsentour, die sie auch nach Magny-Cours in der tiefsten zentralfranzösischen Provinz führte.

Beide hatten sie jeweils ein Rennen gewonnen auf dieser fahrerisch sehr anspruchsvollen Piste in der Nähe des Dorfes Magny-Cours. Dort wo sich an der ehemals berühmten Route Nationale 7 außer den ebenso bleichen wie wohlschmeckenden Charolais-Rindern so gut wie niemand ?gute Nacht" sagt. Dennoch umgab Ben Spies wie auch Noriyuki Haga, die Duellanten im Kampf um den Superbike-WM-Titel 2009, nicht gerade die Aura unwiderstehlicher Siegertypen. Auch in ihrem jeweiligen Umfeld, dem Yamaha-Italia-Team von Spies mit Chef Massimo Meregalli sowie Hagas Ducati-Werksmannschaft unter Führung von Davide Tardozzi, der als Teamchef schon acht Superbike-WM-Titel erstritten hat, herrschte statt Siegerlaune gespannte, ja fast gedrückte Ruhe. Der Grund ist ganz einfach: Die zehn Punkte Vorsprung, mit denen Nitro-Nori Haga und Ducati zum WM-Finale in Portimão an der südportugiesischen Algarve am 25. Oktober anreisen werden, sind in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Unentschieden. Teamchef Tardozzi jedenfalls wiegelte alle Glückwünsche zum Magny-Cours-Ergebnis ab, obwohl Haga als Zweiter des ersten Rennens und Gewinner des zweiten klarer Tagessieger war und seinen Tabellenvorsprung um sieben Zähler ausgebaut hatte. ?Du darfst bei alledem nicht vergessen, erklärt der Ducati-Manager die trügerische Situation, ?wenn Spies die zwei Rennen in Portugal gewinnt, holt er genau die zehn Punkte auf, wird punktgleich Weltmeister, weil er mehr Siege hat als wir. Und wir können nichts dagegen tun." Hagas Auftrag könnte also nicht klarer sein: Der Renn-Samurai muss das erste Portimão-Rennen unbedingt gewinnen, um das Gesetz des Handelns wieder zu erlangen für die letzte Entscheidungsschlacht in der Algarve. Gut für Nori Haga und Ducati ist dabei, dass sein Nachfolger im Yamaha-Italia-Team zwar genau das Gleiche vorhat, aber von der legendären lockeren Überheblichkeit, die Texaner in ähnlichen Situation oft umweht, bei Ben Spies und seiner italo-amerikanisch-niederländischen Mulitkulti-Truppe nichts zu bemerken ist. Ganz im Gegenteil: Teamchef und Ex-Rennfahrer Massimo Meregalli fand gleich mehrere Gründe, sein Image als Grübler zu bestätigen. ?Natürlich haben wir es, wie Ducati auch, selber in der Hand, in Portimão den Titel aus eigener Kraft zu holen. Aber wir könnten schon viel weiter sein. Und ich muss klar sagen, an unserem Fahrer Ben Spies liegt das überhaupt nicht." Meregalli dachte dabei wohl zuerst an das zweite Rennen von Magny-Cours, als Haga, verfolgt vom immer stärkeren Max Biaggi auf seiner Werks-Aprilia und dem nordirischen Heißsporn Jonathan Rea auf Ten-Kate-Honda, sich immer weiter von Ben Spies entfernte, der außergewöhnlich wehrlos als Vierter ins Ziel eierte. Während Spies selber unmittelbar nach dem Rennen im Parc fermé alle vorlauten Fragen durch Auflassen des Helms und Herunterklappen des Visiers erfolgreich abwehrte, lieferte Meregalli anschließend die Erklärung. Nicht etwa, wie von allen Beobachtern zunächst ver-mutet, der radikale Wechsel in der Wahl des Hinterrad-reifens nach dem siegreichen ersten Rennen von der härtesten zur Verfügung stehenden D-Spezifikation auf die weichste A-Variante beraubte Spies, der zu diesem Zeitpunkt immerhin schon wieder WM-Tabellen-führer war, jeglicher Chancen auf eine Podestrang. ?Der Hinterradwechsel war in Ordnung. Das haben andere Fahrer auch gemacht, analysierte Meregalli, ?das war nötig wegen der gegenüber dem recht kühlen Wetter im ersten Rennen deutlich gestiegenen Temperaturen. Das Problem war vielmehr das Vorderrad." Und hier hatte Spies wie im ersten Rennen einen Gummi mittlerer C-Härte aufziehen lassen. ?Aber die beiden Reifen hatten, obwohl sie identische Eigenschaften haben müssten, nichts miteinander zu tun, beschwerte sich Spies noch spät nach dem Rennen, ?es war fast unmöglich, das Motorrad einzulenken." Ganz abgesehen davon fielen ?Majo" Meregalli und seinen Mannen im weiteren Rückblick auch noch der Spritmangel in der letzten Runde von Monza sowie der lächerliche Schalthebeldefekt von Kyalami ein und damit weitere 50 entgangene WM-Punkte, welche die jetzige Vorfinal-Situation aus Yamaha-Sicht wesentlich hätten entspannen können. Solche Gedankenspiele allerdings helfen jetzt nicht mehr. Und außerdem hätte auch Ducati-Chef-Philosoph Tardozzi genügend Gegen-argumente, die erklärten, wo Haga gänzlich überflüssig Punkte gelassen hat. Etwa die sehr bemerkenswerte Mittsaisonkrise, während der der Japaner nach dem Doppelsieg von Kyalami Mitte Mai zehn Rennen in Folge nicht mehr gewinnen konnte. Als Höhepunkt und Abschluss dieser Phase wurde Haga auf dem Nürburgring durch den Brachialangriff des hochtalentierten, aber mitunter noch recht eindimensionalen Jonathan Rea zu Boden gezwungen und um ein Ergebnis gebracht. Tatsache ist, die Teilung der zwei Siege von Magny-Cours brachte trotz leichter Vorteile für Haga und Ducati keinen der Duellanten entscheidend voran. Der Druck auf beide steigt ganz massiv, weil eigentlich weder Haga noch Spies auf den WM-Titel verzichten können. Für den Japaner steht als Ducati-Werksfahrer und damit Nachfolger von Überflieger Troy Bayliss der WM-Sieg quasi als Minimalziel im Arbeitsvertrag. Außerdem jagt Nitro-Nori selbst genau die-sen Superbike-Weltmeistertitel schon seit zwölf Jahren. Und die Zeit wird nach ungezählten zweiten und dritten WM-Rängen ganz allmählich knapp. Ben Spies wiederum hat in Magny-Cours seinen direkten Durchstieg in die MotoGP-WM zum Tech3-Yamaha-Team nach nur einem Superbike-WM-Jahr bekannt gegeben. Und dies sollte angesichts der geradlinigen Denkungsart des jungen Texaners nicht anders denn als Super-bike-Weltmeister stattfinden. Das Herzschlagfinale in Portimão am 25. Oktober ist also programmiert. Sie sollten es sich nicht entgehen lassen. Es ist zwar weit da hinunter, aber Flüge und vor allem Hotelzimmer sind überraschend billig.

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