Rohrers Welt: Superbike-WM 2011 Phillip Island Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Ducati von Carlos Checa war auf der Zielgeraden das langsamste Motorrad im ganzen Feld. Dennoch landete der Spanier auf Phillip Island einen unwiderstehlichen Doppelsieg. Auch sonst ist vieles anders auf dieser verträumten Insel an der Südspitze Australiens.

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Sonntagmorgen auf Phillip Island: Strömender Regen aus dunkelgrauem Himmel und kaum nennenswerte Sichtweite lassen das Schlimmste befürchten. An der Südspitze Australiens kann ein verregneter Spätsommertag ganz schön übel sein. Erinnerungen an 2001 werden wach, als die Superbike-WM hier buchstäblich ins Wasser fiel und das zweite Rennen wegen fehlender Schwimmfähigkeit des Renngeräts ausfallen musste.

Ja, genau: Phillip Island, das ist doch das Rennen, auf das man sich das ganze Jahr über freut wie ein kleines Kind. Dann geht irgendwas derart gewaltig schief, dass du an jedem anderen Platz der Welt die Bude einreißen würdest. Hier aber freust du dich, noch bevor du in Melbourne in den Rückflug einsteigst, schon wieder wie ein Kind auf das nächste Jahr.

Aber warum? Hier ist wirklich vieles anders, als an jeder anderen Rennstrecke auf dieser Welt. Das fängt schon bei der Reiseplanung an. Obwohl die kleine Insel absolut auf Tourismus ausgerichtet ist, gibt es nur wenige Hotels. Das Gros der Fahrerlagerbesatzung bewohnt also mehr oder weniger kleine Ferienhäuser in unmittelbarer Strandnähe - schon fängt das Urlaubsfeeling an, das du bei aller hochprofessioneller Konzentration übers ganze Wochenende nicht mehr los wirst.

Mitten im Gewühl der Partyzone von Cowes, dem Hauptstädtchen der Insel, läuft dir dann Troy Corser über den Weg. Denn was es auf Phillip Island auch nicht gibt, ist diese hermetische VIP-Kultur, aus der die Stars kaum noch heraus finden. Und der Lokalheld und zweifache Superbike-Weltmeister, bekanntermaßen seinen Fans gegenüber sehr freundlich im Auftreten, ist nicht der Einzige. Auch andere Helden wie Carlos Checa, Michel Fabrizio, Aprilia-Teamchef Gigi dall'Igna und eine ganze Reihe mehr mischen sich in den Tagen vor dem Rennen in bester Laune unters Rennvolk - etwas, was es in Valencia, Monza oder Silverstone einfach nicht gibt.

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Troy Corser bringt es an der Bar von "Pino's Trattoria" auf den Punkt, während er höchstpersönlich seinem Sohn eine Tüte Softeis abfüllt: "Hier in Phillip Island ist es total cool, kein hysterisches Gehabe der Fans und so. Alles ist völlig selbstverständlich, da habe ich dann auch kein Problem, zum x-ten Mal für Fotos zu posieren oder ein bisschen Smalltalk zu halten. Weißt du übrigens, dass ich schon
25 Jahre hier fahre und zum 17. Mal bei einem Superbike-WM-Rennen?"

Corsers Crewchief in Phillip Island war sein australischer Landsmann Peter Goddard. Der Fahrwerksspezialist im BMW-Werksteam kann sich, zumindest was die Superbike-WM angeht, noch weiter zurück erinnern. Das allererste WM-Rennen hier in Australien gewann Goddard im Jahr 1990. "Und der Bastard, mit dem ich mich damals am meisten rumärgern musste, der fährt sogar heute noch hier", grinst er angesichts von Robbie Phillis, der damals um Zentimeter das zweite Rennen gewonnen hat und mit genau der Suzuki GSX 1100, auf der er Anfang der 80er-Jahre seine ersten Rennen gefahren ist, in einem historischen Rahmenrennen die Fans in Phillip Island erfreute.

Weniger Freude als in "Pino's Trattoria" hatten Troy Corsers Fans am Renntag. Zwar hatte sich der Regen inzwischen verzogen und der fast 40-Jährige ging mit höchster Motivation in die Rennen, angestachelt wohl auch von seinem neuen Kollegen im BMW-Werksteam, Leon Haslam, Vizeweltmeister von 2010. Doch im ersten Rennen blieb Corser nur Rang zehn, während der junge Brite als Dritter gleich beim Debüt für BMW einen Podestplatz holte.Das zweite Rennen beendete Corser überhaupt nur, weil er das vor seinen einheimischen Fans als Ehren-sache ansah. Im Kampf um Rang zwei erwischte er beim Herunterschalten einen falschen Leerlauf, ritt aus, fiel zurück und konnte in den letzten Runden wegen eines verendenden Hinterreifens kaum noch im Renntempo fahren.

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Auch am anderen Ende des Feldes war Langsamkeit ein entscheidendes Thema, vielleicht sogar das Erfolgsgeheimnis. Mit geradezu aufreizender Gelassenheit, und das ohne Unterbrechung schon seit Beginn der dem Saisonauftakt-Rennen vorgeschalteten Testfahrten, reihte Carlos Checa Bestzeit an Bestzeit. Dabei musste er mit seiner privaten Althea-Ducati 1098 R regelmäßig die schlechtesten Höchstgeschwindigkeitswerte auf der leicht bergab führenden Zielgerade von Phillip Island hinnehmen. Seine Duc erreichte nur mit Mühe 300 km/h, während die meisten Wettbewerber um die 310 fuhren und Weltmeister Max Biaggis Aprilia sogar mit bis zu 320 Sachen in Richtung Southern Ocean donnerte, den man auf der Geraden im unmittelbaren Sichtfeld hat.

Aber es war dennoch der 38-jährige spanische Routinier, der zwei völlig unantastbare Siege holte. Fragen zu diesem scheinbaren Widerspruch erzeugen bei Senor Checa nur ein spitzbübisches Grinsen: "Du musst halt spät bremsen und in der Kurve schnell fahren. Aber im Ernst, mir gefällt es hier sehr gut in Phillip Island, und die Strecke mit den vielen langgezogenen Kurven mit großer Schräglage und trotzdem hohem Tempo kommen unserem Zweizylinder-Motor mit seinem breiten Leistungsband doch sehr entgegen."

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Dass er mit seinem gegenüber den versammelten Werks-Vierzylindern deutlich schwächeren Motor zum Rennende hin vielleicht sogar einen Vorteil hat, erwähnt der alte Fuchs Checa lieber erst gar nicht. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass sein Motor die Pirelli-Einheits-Reifen schont und für das Rennfinale frischer hält. Psychologisch geschickt tut der Spanier so, als wisse er nicht einmal, welches Motorrad er da so erfolgreich bewegt: "Klar haben wir im Althea-Privat-Team mehr Werksunterstützung als im Vorjahr, als es noch das echte Ducati-Corse-Werksteam gab. Aber ganz ehrlich, ob ich eine 2010er-Werksmaschine fahre oder nicht, das weiß ich gar nicht. Es ist mir auch egal. Tatsächlich funktioniert die Maschine um einiges besser als letztes Jahr."

Auf der Geraden allerdings nicht, denn dort war Checa in der vergangenen Saison schon in Salt Lake City der Langsamste von allen, als er ebenfalls zwei unwiderstehliche Führungsfahrten vor Max Biaggis Top-Speed-Aprilia zeigte, die Duc aber auch zweimal vor der Ziellinie verendete.

Wenn sie dies in der Saison 2011 unterlässt, dann dürfte Carlos Checas Stimmung dem Sonntagabend auf Phillip Island entsprechen. Der Regenschauer vom Morgen ist längst vergessen. Mit einem gewaltigen Sonnenuntergang, wie man ihn nur auf der Südhalbkugel genießen darf, verabschiedet sich unsere Trauminsel. Und alle im Fahrerlager haben schon wieder glänzende Augen. Klar freuen wir uns auf nächstes Jahr.

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