IDM: Das kostet Rennsport Kassensturz beim Rennfahrernachwuchs

Nach seiner ersten Saison als Teamchef in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft hat Thomas Schwarz Kassensturz gemacht und aufstrebendem Rennfahrernachwuchs von seinen Erfahrungen berichtet. Das Zahlenwerk erlaubt einen Blick hinter die IDM-Kulissen.

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Foto: Wiessmann

Wir haben uns teilweise ganz schön verkalkuliert, sowohl in die eine wie die andere Richtung." Thomas Schwarz redet nicht lange um den heißen Brei herum. 2010 erlebte er seine erste Saison als Teamchef in der Supersport-Klasse der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM), kümmerte sich um den Markgröninger Rennfahrer Flori Bauer. Der 25-Jährige hatte 2009 den Yamaha-R6-Nachwuchs-Cup als Dritter beendet und den Aufstieg in die IDM gewagt. Thomas Schwarz, 45, 1994 selbst im Yamaha-Cup aktiv, hatte Bauers Talent schon 2006 erkannt und dessen Förderung zu seiner Sache gemacht. Klar, dass er seinen Schützling beim Aufstieg in die Supersport-IDM begleitete.

Neuland für beide, wie sich zeigen sollte, auf dem es viel zu entdecken gab: für Bauer, der zwar seiner Yamaha R6 treu blieb, sich plötzlich aber mit der Qual der Reifenwahl und komplexen Fahrwerkseinstellungen konfrontiert sah; für Schwarz, der als Budgetverantwortlicher Mitte des Jahres erkannte, dass er seine Vorauskalkulation in nicht unwesentlichen Teilen anpassen musste. Normalerweise verliert darüber keiner ein Wort, wenn der Chef eines IDM-Newcomer-Teams seine Berechnungen aktualisiert und stillschweigend zur Tagesordnung übergeht.

Thomas Schwarz aber ist einer, der die Chancen entdeckt, die in derartigen Lernprozessen stecken. "Die Probleme hat doch jeder Fahrer, der in die IDM einsteigen will", dachte er sich und überraschte Yamaha-Cup-Organisator Thomas Kohler mit dem Vorschlag: "Ich könnte Deinen Nachwuchs-Racern doch mal über meine Erfahrungen berichten, damit sie wissen, worauf sie sich einlassen." Kurzerhand wurde am Freitag des IDM-Wochenendes in Assen die Box des SKM-Teams, dem Flori Bauer organisatorisch angeschlossen ist, zum Seminarraum erklärt. Mit Beamer und Powerpoint-Präsentation sowie den Gastdozenten Ralph Christmann von Reifenhersteller Dunlop und Klaus Thiele vom Fahrwerksspezialisten Öhlins stimmte Schwarz rund drei Dutzend interessierte Youngster darauf ein, was sie in der IDM so erwartet.

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Foto: Wiessmann

Etwa jede Menge hochkarätiger Konkurrenz. Am Beispiel einiger Cup-Gesamtsieger aus den vergangenen Jahren zeigte Schwarz, dass so ein Titel kein Anlass dafür ist, in der ersten IDM-Saison euphorisch auf Topresultate zu hoffen. Wahrscheinlicher ist, als Cup-Gewinner komplett in der Versenkung zu verschwinden, daran ließ Schwarz Statistik keine Zweifel. Wer dagegen in der heutigen Zeit eine Erfolgsgeschichte nach der Art ehemaliger Cup-Helden wie Martin Wimmer, Dirk Raudies, Jörg Teuchert oder Kenan Sofuoglu erleben will, muss laut Thomas Schwarz drei Voraussetzungen mitbringen: Disziplin beim Fitnesstraining, weil jedes gesparte Kilogramm Körpergewicht bessere Rundenzeiten bringt und den Etat entlastet. Zeit, weil die ernsthafte Arbeit mit dem Motorrad und dem Team pro Jahr leicht 50 Tage in Anspruch nimmt. Und Geld - mindestens 50000 Euro für den Einstieg in die IDM Supersport. "Sponsorengelder sollten da nicht mitgerechnet sein", sagt Thomas Schwarz, "denn echte Sponsoren, die dafür bezahlen, dass ihre Marke durch die Erfolge des Fahrers bekannt wird, gibt es für IDM-Frischlinge nicht - höchstens Gönner und Mäzene."

50000 Euro - das dürfte mehr sein als das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen der Deutschen. Warum ist Motorradsport schon auf IDM-Niveau so teuer? Die Liste der Kostenfaktoren, die Schwarz den Junioren vorstellte, hat er für MOTORRAD weiter präzisiert und dabei zwischen Minimalanforderungen und Luxuslösungen unterschieden. Während das Extrem am unteren Ende der Preisskala höchstens für einen Hobbysportler ohne Ambitionen auf Top-20-Platzierungen taugen dürfte, enthält das Maximalpaket einige Posten, die durchaus der Kategorie "vergoldete Wasserhähne" zuzuordnen sind. Dazwischen liegt reichlich Spielraum, in dem aufstrebende Nachwuchsrennfahrer das passende Rezept für ihre individuelle Situation und ihre sportlichen Ziele zusammenstellen müssen.

Wie das zu verstehen ist, erklärt Thomas Schwarz an einigen Beispielen. Los geht es schon mit der Wahl des Basismotorrads. Zwei nagelneue R6, eine als Ersatzteilträger, eine, die zur Rennmaschine umgebaut wird, sind natürlich eine feine Sache. Aber teuer, denn dann müssen unverzichtbare Bauteile wie der Yamaha-Rennkit, ein Satz Ansaugtrichter, der Schaltautomat und die Umrüstung der Federelemente extra beschafft werden. Wer sich dagegen für einen gebrauchten Renner aus der Supersport-IDM entscheidet, kauft diese Dinge gleich mit. "Außerdem wird die R6 erst mit einer gewissen Kilometerleistung richtig schnell", sagt Schwarz, "die hat sie so ungefähr nach einer Rennsaison erreicht."

Ein fetter Posten sind die Rennreifen, der jedoch erst dann richtig aufträgt, wenn der Jungsportler alle Trainingsmöglichkeiten außerhalb der Qualifikationsläufe nutzt. Wie die kostenpflichtigen Probefahrten am Freitag vor den IDM-Veranstaltungen oder Wintertests etwa in Spanien. Wer dieses Programm kürzt, spart Reisekosten, Rennbenzin sowie vielleicht das eine oder andere Sturzteil. "Muss jeder selbst wissen", so Schwarz, "aber ich denke: Erfahrung kommt von Fahren."

Riesige Unterschiede gibt es bei der Motorsteuerung. Die R6 läuft prinzipiell auch mit ihrer Serienelektronik. Wer will, kann an der Stelle jedoch High-End-Equipment für 20000 Euro oder mehr verbauen. "Und hat hoffentlich jemanden, der das bedienen kann", merkt Thomas Schwarz dazu an. Einen Trost hat er freilich für die Rossis von übermorgen, falls ihm ob dieser Euro-Orgien der Kopf schwirrt: "Schaut Euch Michi Ranseder an. Der wurde 2010 mit Serienkühler, Serienbremsscheiben und ohne teure Elektronik Supersport-Vizemeister. Geht auch - wenn man den Hahn spannen kann."

Auflistung: Das kostet eine Rennsaison

Mit der Unterstützung von Teamchef Thomas Schwarz hat MOTORRAD diese beispielhafte Liste wichtiger Kostenpositionen erstellt, mit denen sich ein Fahrer in der IDM Supersport beschäftigen muss. Sie kann jedoch lediglich als Anhaltspunkt dienen, da die individuelle Situation jedes einzelnen Piloten zu berücksichtigen ist.

 


Minimal/Optimal
Rennmotorrad
Yamaha YZF-R6 als Basis für das Rennmotorrad, 
evtl. Zweitmotorrad als Teileträger13.000 €40.000 €
Yamaha-Rennkit (Elektronik und Teile) 
2.000 €2.000 €
Ansaugtrichter500 €500 €
Aluminium-Kupplungen (4 x)0 €600 €
Schaltautomat (2 x)300 €300 €
Kühler (2 x) 
0 €1.160 €
Auspuff (6 x)3.600 €3.600 €
Ketten (6 x)600 €600 €
Gabelumbau bzw. Spezialkomponenten (1 x)600 €2.900 €
Federbeinumbau bzw. Spezialteil (2 x)600 €600 €
Fußrastenanlagen (Sturzteil)600 €600 €
Felgensätze (2 x)1.600 €1.600 €
Reifensätze für Training und Rennen (64 x)18.000 €25.000 €
Bremsscheiben (8 x)1.600 €2.400 €
Bremsbeläge (10 x)880 €880 €
Verkleidungssatz (3 x mindestens, Sturzteil)1.350 €2.700 €
Lenker (1 x, Sturzteil)100 €300 €
Lackierungen (6 x, Sturzreparatur)900 €1.800 €
Traktionskontrolle, Motorsteuerung0 €20.000 €
Datarecording-Equipment0 €1.500 €
diverse Sturzteile2.500 €5.000 €
diverser Kleinkram1.000 €2.000 €
Tuning
Motoroptimierung vom Spezialisten, Steuerelektronik1.800 €5.000 €
Motorrevisionen (2 x)3.000 €3.000 €
Servicevertrag Fahrwerk
0 €2.900 €
Ausstattung
Schutzkleidung Fahrer (2 x)2.000 €3.500 €
Reifenwärmer (3 x)780 €780 €
Werkzeug1.500 €1.500 €
Countdown-Timer (2 x)0 €600 €
Stromgenerator500 €500 €
Boxenausstattung (Wände, Böden, Uhren etc.) 
0 €10.000 €
Repräsentation und Kommunikation
0 €5.000 €
Laufende Kosten, Gebühren, Verbrauchsmaterial
Reisekosten zu IDM-Läufen2.500 €2.500 €
Reisekosten zu Renntrainings (2 x Spanien)0 €2.000 €
Trainingsgebühren (10 x)0 €4.000 €
Betrieb Transportfahrzeug (Reparaturen, Diesel)5.000 €5.000 €
IDM-Einschreibung und Nenngelder3.220 €3.220 €
Boxenmiete0 €1.600 €
Zusätzliche Tickets für Gäste, Sponsoren, Gönner0 €1.100 €
Team-Verpflegung (10 Veranstaltungen à 10 Personen)0 €4.000 €
Rennbenzin720 €3.000 €
Schmierstoffe300 €300 €
Zwischensumme71.050 €175.540 €
Erlös Verkauf Einsatzmotorräder-9.000 €-25.000 €
Einsparmöglichkeit bei Verwendung einer gebrauchten SSP-Maschine -9.000 €
Summe53.050 €150.540 €

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