Porträt Lucy Glöckner Vom R6-Cup in die IDM-Welt

Wie im Himmel – so ist es Lucy Glöckner 2012 vorgekommen nach ihrem Aufstieg vom R6-Cup in die große IDM-Welt. Auf der Wilbers-BMW HP4 kämpfte sie 2014 bis zum letzten Rennen um den Superstock-Titel. Und zeigte allen, was für ein großes Rennfahrerherz sie hat.

Foto: SUPERBIKE*IDM

Der Himmel über Hockenheim war trüb und grau zum Saisonfinale der IDM Superbike. Nachts hatte es ausgiebig geregnet. Und kurz vor dem Start des zweiten Laufs begann es wieder zu nieseln. Ein Albtraum für alle Rennfahrer und Teamchefs dieser Welt. Wird der Regen stärker, oder hört er auf? Lucy und ihr Team entschieden falsch, setzten beim Setup der BMW HP4 auf Wetterbesserung. Dann goss es wie aus Kübeln. Der Titel war futsch.

Dabei war Hockenheim für Lucy trotz eines Qualifying-Crashs in der Nordkurve an diesem Wochenende eigentlich ein gutes Pflaster gewesen. Platz zwei im ersten Lauf, nur noch sechs Punkte Rückstand auf den Superstock-Führenden Marco Nekvasil. Für die einzige Frau im Superstock-Feld schien plötzlich wieder alles möglich: „Das Ziel heu­te? Zwei saubere Rennen abliefern. Und am besten Meister werden!“ Am Morgen vor den Rennen war die 24-Jährige noch ganz entspannt gewesen. Deshalb war sie schließlich um- und abgestiegen – von den Superbikes in die technisch bodenständigere Superstock-Klasse.

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Ihre Schwäche: Bescheidenheit

Meister werden – ein kühner Plan für eine 1,63 Meter große Frau mit entsprechenden Hebelverhältnissen auf einem Männermotorrad wie der über 200 PS starken, langen und hohen HP4. Zudem in einer testosterongesteuerten Macho-Welt erfahrener Renn-Haudegen und ehrgeiziger Nachwuchskräfte, die von Berufs wegen alle nur auf eines fixiert sind: vor dem Gegner ankommen, koste es, was es wolle. Was das für die einzige Gegnerin im Feld bedeutet, kann man sich vorstellen.

„Zu Anfang wurde die Lucy regelmäßig abgeräumt“, erinnert sich denn auch ihr Coach, Berater und Mentor Gerhard „Gegesch“ Lindner. „Natürlich wollte sich niemand vorführen lassen. Vor allem nicht auf der Bremse. Aber da, wo die Lucy bremst – später kann man nicht bremsen. Oder besser: Da liegt Mann dann ganz flott im Kies.“ Es habe daher auch länger als sonst gebraucht, die ungestüme Lucy zu überzeugen, hier und da einen Hauch früher zu ankern, um im Gegenzug auch früher Gas geben zu können und am Ende die bessere Rundenzeit zu erzielen. Eine der größten Stärken seines Schützlings aber sei, so Lindner, ­aufmerksam zuhören zu können. Und im Zweifel zuerst bei sich selbst nach Fehlern zu suchen, bevor man über das Material schimpft. „Im Übrigen ist sie extrem talentiert, hat viel Gefühl, ist völlig angstfrei und unglaublich ehrgeizig. Typisch Frau eben.“ Lindner, 1992 selbst Supersport-Champion, ist sichtlich stolz auf seine Lucy. Ihre einzige Schwäche sei ihre Bescheidenheit, und die sei im Rennsport ja eher von Nachteil. „Und ihre Körpergröße, aber das kann man nicht ändern. Sie kann sich einfach nicht weit ­genug raushängen. Dann kommt sie nicht mehr an den Lenker. Leider dürfen wir ihr ja in dieser Klasse laut Reglement keinen kürzeren Tank bauen.“

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Klasse: Superstock. Klassenziel: Meisterschaft

Das Hanging-off also. Daran arbeitet Lucy, nutzt jede Gelegenheit, dreht Runde um Runde. Weil sie sich keine längeren Arme wachsen lassen kann – und weil sie einfach heiß ist aufs Fahren. „Die Lucy beißt wie Sau“, rapportierte Teamkollege und
Ex-IDM-Meister Stefan Nebel, der sich auf seinem HP4-Superbike so manches Mal über den Speed seiner Superstock-Kollegin wunderte. Wie übrigens viele im Fahrerlager. Beispiel Zolder: zweimal unter den Superbike-Top-Ten, zweimal Superstock-Klassensieg – so lautete ihre überragende Bilanz. Die ­Rundenzeitdifferenz auf Teamkollegen Nebel: eine halbe Sekunde. Das ist nichts angesichts des enger gesteckten Superstock-Reglements. Und macht Mut für die nächste Saison. Klasse: Superstock, Klassenziel: Meisterschaft. Dann wäre die vermutlich schnellste Frau, die in Deutschland je Motorrad fuhr, wohl endgültig im Rennsporthimmel.

Lucy Glöckner

1990 wurde Lucy Glöckner in Zschopau als jüngere von zwei Töchtern geboren. Die Eltern: Jaqueline und Holger, Schwester: Franziska. Die Familie ist bei allen Rennen dabei

2000 fährt Lucy ihr erstes Rennen im ADAC Mini Bike Cup, Gesamtrang 20

2001–2003 Start im ADAC Mini Bike Cup, Gesamtränge 13 und 9, MZ Youngster Cup

2004 Start IG Königsklasse 125 cm3, Platz 1

2005–2006 IDM 125, Platz 24 und 17

2007 Red Bull Rookies Cup (als einziges Mädchen aus 1100 Bewerbungen weltweit), Platz 14

2008 Motorrad-EM 250 cm³, schwerer Sturz in Rijeka

2009–2011 Yamaha R6-Cup, 4./3./2. Platz

2012–2013 IDM Superbike im Wilbers-Team, Plätze 12 und 11

2014 IDM Superstock, Platz 2

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