Reportage IDM-Finale Hockenheim Der ganz normale Wahnsinn

Mit zusammengekniffenen Augen sitzt Arne Tode Freitagmittag auf der Tribüne der Sachskurve. Konzentriert verfolgt er das Treiben unten auf dem Asphalt. Eigentlich sollte er gerade selbst im Sattel sitzen. Schließlich läuft das letzte freie Training für die IDM-Superbikes. Aber der G-Lab-Pilot hat eine Zwangspause. Seine Fireblade macht Probleme, und er selbst ringt mit seinem Fahrstil. Als Supersport-Meister in die Klasse der 1000er aufgestiegen, verlangt gerade der Kurs hier in Hockenheim nach radikaleren Linien als beim flüssigen Stil der 600er. ?Bauer oder Teuchert fahren die Sachskurve so spitz an – echt brutal", kommentiert Tode seine Beobachtungen und trottet zurück in die Box. Teamchef Dietmar Franzen steckt seinen Kopf förmlich in den Flachbildschirm am Chefpult und analysiert konzentriert die Daten, die Todes Runden bisher ausgespuckt haben. Es gilt, ein passendes Setup zu finden. Die Blade, Tode und Hockenheim passen noch nicht recht zusammen. Das Gewusel in der Box ist enorm. Allein sieben Mechaniker kümmern sich um die Mororräder, zu denen neben Arnes Einsatz-Blade das Ersatzmotorrad und drei Triumph-Daytonas gehören – G-Lab hat in Hockenheim neben den festen Supersport-Piloten Kevin Wahr und Marc Moser noch Marco Eismann als Gaststarter dabei. Dazu kommen diverse Freunde und Verwandte, Reifentechniker von Pirelli und der eine oder andere aus der Rennszene, der auf einen Plausch vorbeikommt. Zusätzlich unentspannt wird die Situation, wenn das 125er-Team direkt nebenan den Zweitakter anwirft und in nervtötender Monotonie am Gasgriff zupft. Heute wird Tode nicht mehr fahren, in wenigen Minuten endet das letzte Training. Doch damit ist sein Arbeitstag noch nicht zu Ende. Nachdem er sich umgezogen hat, steht die Besprechung mit dem Team an, die jeden Tag eines Rennwochenendes beschließt. Fahrer, Teamchef und die direkt zugeteilten Mechniker treffen sich in einem abgetrennten Raum in der Box. Tode erläutert die problematischen Ecken. Franzen tüftelt anhand dieser Aussagen, der elektronischen Daten und Notizen über Reifen und Fahrwerk konkrete Setup-Änderungen aus. ?Der beste Kompromiss ist unser Ziel", gibt er Einblick in die Strategie. ?Arne hat Schwierigkeiten eingangs des Motodrom – eine Schlüsselstelle. Da liegt viel Zeit. Wir müssen das Motorrad so hinbekommen, dass er an solchen Stellen keine Zeit liegen lässt. In anderen Ecken, wo es nicht so drauf ankommt, wird das Motorrad dann eben nicht ganz so perfekt sein." Außerdem soll Tode weniger Speed zum Scheitelpunkt hin mitnehmen, da er mit diesem Stil sonst die Gabel ans Limit bringt. Das erste Qualifying morgen muss zeigen, ob man einen Schritt nach vorn gemacht hat. Danach beginnt für Franzen das Spiel von vorn. Die Mechaniker wechseln und die Supersport-Piloten kommen einzeln zu ihren Besprechungen. Da sitzt Tode schon in der Hospitality von Hertrampf-Racing und isst mit seinem Kumpel Dario Giuseppetti zu abend, bevor er aufs Fahrrad steigt und ein paar gedankenversunkene Runden um die Rennstrecke radelt. Danach ?chillt" Arne noch ein bisschen, dann ist Nachtruhe. Franzen kauert da noch immer am Rechner und lässt die Gedanken kreisen. Abschalten kann der Koblenzer nur schwer ?und ungern" – wie er selbst sagt. Als das erste Quali ansteht und Tode umgezogen in der Box auftaucht, gibt ihm Franzen letzte Infos zu den Setup-Änderungen, die Arne etwas überraschen. ?Ich vertraue Dietmar. Es hat sich während der ganzen Saison gezeigt, dass er ein Händchen dafür hat", gibt sich Tode locker, macht ein paar Dehnübungen, hockt auf seinen Stuhl und streift sich dann den Helm über, klappt das Visier fast zu und taucht ab in seine Welt – die Welt eines Racers. Ab jetzt bekommt er nichts mehr um sich herum mit. Anhand seiner Bewegungen kann man erkennen, dass er über die Piste bügelt. Sein Körper macht dabei jede Richtungsänderung, jede Bodenwelle und jeden einkalkulierten Rutscher mit. Als er den Kopf hebt, ist das für die Mechaniker das Zeichen. Sie lassen die Maschine an. 10:40 Uhr, es kann losgehen. 1:28,595 min. Tode setzt sich mit einer gewaltigen Verbesserung seiner Trainingszeit an die Spitze. Ein leichter Anflug eines Lächelns huscht über das sonst angespannte Gesicht des Teamchefs. ?Ein schönes Gefühl, wenn man richtig liegt", lächelt Franzen kurz und kümmert sich augenblicklich wieder um den Zeitenmonitor und sein Klemmbrett. Die Freude währt nur kurz. Schon in der dritten Runde kommt Arne an die Box und gestikuliert aufgeregt, dass das Motorrad Aussetzer produziert. In der Zwischenzeit knacken die ersten Konkurrenten Todes Zeit. Eilig berät sich Franzen mit Tom Daumen, so etwas wie das technische Fireblade-Mastermind bei G-Lab. Irgendein Elektronikfehler scheint die Traktionskontrolle selbst auf der Geraden regeln zu lassen. In der kurzen Zeit bleibt nur die Hauruck-Methode. Ein paar Stecker werden gezogen und Tode wieder auf die Strecke geschickt. Als er schon nach einer Runde wieder in die Boxengasse rollt, ist klar, das Problem ist gravierend. Das erste Quali ist damit gelaufen. Am Ende ist die Startnummer 41 auf Platz neun. Arne verzieht sich sichtlich enttäuscht: ?Das ist das Schlimmste für mich als Fahrer. Ich bin so heiß auf dieses Rennen. Aber bei so etwas bist du machtlos." Statt Mittagspause hat das Team jetzt richtig Arbeit. Anhand der Daten lässt sich nicht genau sagen, woran es liegt. Nach eingehender Beratung schnappt sich jeder eins der belegten Brötchen, die Franzens Frau Chantal im Hospitality-Zelt bereit gelegt hat – dann geht’s ans Werk. Bis 14:35 Uhr muss die Lösung her. Fieberhaft wird jetzt das Rapid-Bike-Modul, ähnlich einem Power Commander, aus dem Ersatzmotorrad aus- und in das Rennmotorrad eingebaut. Die HRC-Unterstüzungselektronik wird deaktiviert und diverse andere Teile getauscht. Nebenan werden gerade die Daytonas angelassen. Die gehen schon ins zweite Quali. Wenigstens läuft es da gut: Wahr liegt an zweiter Stelle hinter Hommel. Zu allem Überfluss knattert die 125er hinter der Stellwand mal wieder markerschütternd und nebelt alles ein. Die Blade steht längst wieder in blitzsauberem Antlitz auf Reifenwärmern, als Tode im Leder in der Box auftaucht. Der künftige Moto2-Fahrer macht vor seinem letzten Quali in der IDM einen lockeren, aber konzentrierten Eindruck: ?Druck", so sagen Tode und Franzen einhellig ?spüren wir." Nachdem jetzt jeder in der Szene weiß, dass das Team in den Grand Prix wechselt, sind noch mehr Augen auf das G-Lab-Team gerichtet. ?Da schaut jeder, was wir drauf haben. Motivieren muss mich keiner", hakt Tode mit ernster Mine nach, beginnt sein Ritual von vorn, schwingt sich auf die CBR und rückt aus. All die Arbeit war vergebens. Tode kommt viel schneller wieder an die Box, als jedem hier lieb sein kann. ?Sie fängt schon wieder an", ruft er beim Absteigen und man merkt an den Gesichtern der Mechniker, dass sofort jedes Rädchen im Kopf rattert. Konsterniert sitzt Tode in seinem Drehstuhl im hinteren Teil der Box, ein Handtuch über den Kopf gestülpt. In Panik oder wildem Gefuchtel ergeht sich unterdessen hier niemand. Analytisch, ruhig und sachlich erörtert die Truppe denkbare Fehlerquellen, bespricht und verwirft mögliche Lösungen und legt schließlich einen Plan fest. Die für den Abend angesetzte Team-Party zum Saisonfinale dürfte für die Mechniker und den Teamchef deutlich kürzer ausfallen als geplant. Die Rede für die Gäste – Sponsoren, Freunde und Angehörige – fällt aus. Franzen sitzt bis spät am Abend über Daten und Lösungsversuchen in der Box. Doch jetzt sitzt das Team erst einmal mit einem Laptop und dem Datarecording im Besprechungsraum. Die Köpfe rauchen. Dann herrscht Einigkeit: Die große Lösung muss her. Danach wird der komplette Gabelbaum ausgebaut und getauscht, sämtlichen elektronischen Bauteilen auf den Leib gerückt. Als der letzte Mechniker sein verdientes Feierabend-Bier trinkt, tobt auf dem Boxendach in Hockenheim die wilde Saison-Finale-Party. Da liegt Arne Tode längst im Tiefschlaf im Wohnmobil. Um neun Uhr am nächsten Morgen ist das Warm-up. ?Mir ist immer noch richtig flau am Rennsonntag – nach all den Jahren", sagt Tode nach dem Aufstehen. Als er vom Warm-up zurück kommt und keinerlei Probleme an der Elektronik feststellen kann, ist die Erleichterung bei allen spürbar. Bis zum ersten Rennen ist noch Zeit, etwas zu relaxen. In der Startaufstellung wirkt der G-Lab-Racer erstaunlich entspannt. Kleine Scherze mit dem Mechaniker, ein Interview mit dem Streckensprecher und der eine oder andere Kommentar zu den Grid-Girls lassen kaum vermuten, dass er gleich sein ganzes Können daran setzt, mit über 200 PS am Hinterrad von Startplatz 11 ganz nach vorn zu kommen. Als alle Helfer von der Strecke müssen, setzt die volle Konzentration ein. Beim Start steht Franzen vor dem Monitor. Das Team draußen am Zaun signalisiert einen perfekten Start. Tode ist unter den Top 5. Als Fünfter beendet er das Rennen – die Bremse war nicht nach seinem Geschmack. Eine Folge der ungenutzten Fahrzeit in Training und Quali. Man ist dennoch zufrieden und hofft auf Rennen zwei. Dazwischen liegt Kevin Wahr an der Spitze der Supersportler, dann auf zwei. Zwei Runden vor Schluss wirft er das Motorrad in der Sachskurve weg. Marc Moser kann mit Platz elf zufrieden sein – Franzen freut sich mit ihm, tiefer trifft ihn aber der verschenkte Podiumsplatz. Und dann macht Todes Honda im zweiten Rennen erneut Ärger. Sie regelt und ruckelt wieder, mehr als Platz zehn ist nicht drin. Noch spät abends, als sich der Work-aholic Franzen endlich ein Bier gönnt, bekommt er das Wochenende nicht aus dem Kopf: ?Warum das alles? Ich brauche das. Es ist ja Gott sei Dank nicht immer so. Wir haben Rennen gewonnen und waren einige Male auf dem Podium. So ist Racing – der ganz normale Wahnsinn."
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Wahn- sinn

Ein komplettes Rennwochende schaute PS dem G-Lab-Racing-Team in der IDM über die Schulter und wurde Zeuge, wie viel Leidenschaft für ambitioniertes Racing nötig ist.

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