24-Stunden-Enduro (Archivversion) Auf Sand Gebaut ...

... und baden gegangen: Zuerst sollte der Cargolifter-Zeppelin in der riesigen Halle gebaut werden – Pleite. Dann wurde eine tropische Freizeit-Landschaft geschaffen – dort baden Menschen. Jetzt tummelten sich Enduro-Fahrer 24 Stunden lang ums »Tropical Island« – und auch sie wurden geduscht.

Christian Aurnhammer stapft durchs Fahrerlager wie der sprichwörtliche Storch im Salat. Aus einer topmodischen blauen Polyester-Sporthose des Jahrgangs 1979/80 lugen arktis-weiße Beine, die verloren in nagelneue schwarze Crossstiefel münden. Der 47-jährige Aurnhammer fühlt sich für ein 24-Stunden-Enduro bestens gerüstet. Die erste Wortgrätsche kommt seitlings von Kumpel Froder, auch gerne das »Helferlein« genannt. »Nichts gegen kurze Hosen, Chris, aber Gurken gehören ins Glas.« Den gebürtigen »Augschburger« und hauptberuflichen Motorrad-Instruktor kratzt so was nicht. Als Mitglied des »Wombat-Racing-Teams« steht er nun unbeirrt in den Rasten seiner auf dem Seitenständer geparkten, leicht betagten Suzuki DRZ 400 und testet Haltung plus Schuhwerk.
Während seine Teamkollegen bereits im Frühjahr in Südfrankreich ein Offroad-Training absolvierten, nagelte der stets gut gelaunte Bayer höchstens mal feldwegs mit der Geländemaschine in den nächsten Biergarten. »Ruhe und Konstanz« sind das Motto von Chris Aurnhammer, und so schrecken ihn weder die abgesteckte Runde über elf Kilometer Sandgeläuf noch die zahlreichen Auf- und Abfahrten über Flugzeug-Hangars, in denen früher die Russen ihre Migs parkten.
Promoter Baboons wählte für das bislang vierte Tag-und-Nacht-Rennen im deutschen Geländesport eine spektakuläre Kulisse. Das rund 60 Kilometer südöst-lich von Berlin gelegene Areal diente einst als russischer Militärflugplatz, dann als Kuppelstandort für den nie von der Leine gegangenen Cargolifter-Zeppelin. Nach dessen Aus drohte der weltgrößten frei-tragenden Halle ein ungewisses Schicksal. Bis schließlich ein malaysischer Investor in dem riesigen, 107 Meter hohen, fünf Millionen Kubikmeter fassenden Freiraum mit Wasser, Palmen und vielen Milliönchen Euro das »Tropical Islands – Europas größte tropische Freizeitwelt« schuf.
»Ich schau‘ mir das jetzt mal an«, meint Lebenskünstler Chris und hofft insgeheim auf exquisite Badenixen. Beeilen muss er sich nicht, denn im Wombat-Team ist ein Kollege Startfahrer. In der Freizeit-Enduristen-Klasse bringt übrigens jedes der vier Teammitglieder sein eigenes Motorrad an den Start. In der Prestigeklasse teilen sich vier Fahrer eine Maschine – und dann gibt es noch die ganz Harten: ein Mann und ein Motorrad für 24 Stunden.
Um Punkt 17 Uhr erfolgt an diesem schwül-heißen Samstag der Start in Le-Mans-Manier, und die über 140 Motorräder gehen gleichzeitig auf eine unglaublich staubige Reise. Blindflug, Stürze, Staus und nicht enden wollende Dramen an den Auffahrten stehen zusammen mit einem immer dunkler werdenden Himmel im Drehbuch für die ersten anderthalb Stunden. Nach Wombat-Startfahrer Werner Lutz, der sich achtbar schlägt, heißt es nun Bühne frei für Power-Chris. Die erste Panne gleich beim Losfahren. Schalthebel und Crossstiefel wollen nicht zusammenpassen. Neujustierung des Gangwechslers, und dann nochmals ab. Erscheint eine wellige Sandpiste für den Betrachter harmlos, treibt unser unbeschwerter Held durch die weiche Masse wie ein steuerloser Krabben-kutter in orkanverblasener Nordsee. Völlig außer Puste nimmt er den einsetzenden Wolkenbruch zum Anlass, nach einer einzigen, endlos langen Runde den ersten Boxenstopp einzulegen.
Kollege Froder feixt: »Endlich mal was, was er nicht kann, der Poser. Manchmal ist er nämlich sehr wohl eitel.« Eine Streckenbewertung aus Sicht von Ex-WM-Motocrosser Bernd Eckenbach lautet: »Ist auch nicht mehr zerbombt als eine WM-Cross-Piste.« Aber eben auch nicht weniger, und so trennen sich schnelle und langsame Piloten deutlich erkennbar. Die einen mit Ellen-bogen, Vorderrad und Drehzahl oben, die anderen sitzend, keuchend und fluchend. Kurz vor der hereinbrechenden Nacht, als die Wassermassen langsam im Sand versickern, meint Chris augenzwinkernd: »Jetzt weiß ich, wie es geht – ich muss nur schneller fahren.« Körperlich befindet er sich allerdings bereits auf dem Stand eines 90-jährigen Dorfschmieds.
Neuer Tag, neues Glück. Den Teilnehmern steckt die Nacht noch in den Knochen. Kraft, Konzentration, Kondition – alles weg, viele rollen fast apathisch über die Buckelpiste, die ihnen den Rhythmus vorgibt. Die Wombat-Truppe hat sicherheitshalber nächtens sechs Stunden kollektiv Fahrpause eingelegt. Aufgrund eines Getriebeschadens gleich am Anfang war der Rückstand ohnehin immens. Die schnellen Teams balgen sich unterdessen gnadenlos weiter, trotz inzwischen teilweise mannshoher Sandfurchen.
Genug für Christian Aurnhammer, er wirft zwei Stunden vor Rennende das Handtuch. Glasiger Blick, schwankender Gang, nur der Schalk ist nicht verschwunden: »Eigentlich einfach...«, dann korrigiert er: »Nein, nein, aber ab jetzt bin ich zu meinen Lehrgangsteilnehmern nur noch sanftmütig und gütig...«
Das Rennen war für Chris und viele andere Teilnehmer eine Grenzerfahrung. Doch Chris will die Schmach nächstes Jahr vergessen machen. Und es tatsächlich mit Training probieren.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel