24 Stunden Magny-Cours/F (Bol d’Or) (Archivversion) Das verflixte siebte Jahr

Sechs Jahre lang war das Suzuki-Werksteam beim Bol d‘Or in Magny-Cours, dem vielleicht prestigeträchtigsten aller 24-Stunden-Rennen, unschlagbar. Im siebten Jahr riss die Serie mit spektakulären Stürzen. Für den vorzeitigen Langstrecken-WM-Titel hat‘s trotzdem gereicht.

Zwei fast schon eherne Gesetzmäßigkeiten zeichneten Langstrecken-WM-Rennen in jüngerer Zeit aus: Aufgrund höchster industrieller Fertigungsqualität der trotz vergleichsweise liberalem Superbike-Regelwerk nur sanft getunten Maschinen gibt es kaum noch technische Defekte wie Motorschäden. Und: 57 Motorräder fahren im Kreis herum, und nach 24 Stunden gewinnt eine Werks-Suzuki.
Beim diesjährigen Bol d’Or war plötzlich alles anders. Die französische Formel-1-Bahn hatte einen neuen Asphaltbelag, welcher die Rundenzeiten deut­lich verbesserte. In Kombination mit dem materialfordenden Charakter der Strecke aufgrund vieler harter Brems- und folglich auch Beschleunigungsmanöver sorgte dies dafür, dass die Motoren deutlich stärker beansprucht wurden als vorhergesehen.
Nach den Trainingstagen kristallisierte sich auch heraus, dass der Verbrauch deutlich höher liegen würde als fünf Wochen zuvor in Oschersleben. »Wir dachten zuerst an ein Verbrauchsproblem an den 2008er-Werks-Motoren, die wir hier zum ersten Mal einsetzen«, erklärte Mandy Kainz, Yamaha-Austria-Teamchef, vor dem Start, »weil nach unserer Rechnung die 24-Liter-Tankfüllung nur für 45 Minuten reichen wird. Aber die anderen kommen auch nicht weiter.«
Einem geringen Verbrauch nicht gerade förderlich ist außerdem, dass heuer auch im Langstreckensport, zumindest im WM-Spitzenfeld, reinrassige Superbike-Triebwerke am Start sind. Noch einmal Kainz: »Natürlich setzen wir keine so hochgezüchteten Motoren wie in der Superbike-WM ein, die sicher um 220 und mehr PS haben. Gleichwohl leisten unsere neuen Yamaha-Vierzylinder um die 205 PS, deutlich mehr als der Serienmotor.«
Ausgerechnet die österreichische Yamaha-Crew, im Vorjahr hinter den unantastbaren Suzuki noch Vizeweltmeister,
war dann nach nur vier Stunden erstes prominentes Opfer der neuen Hochrüstungspolitik in der Langstrecken-WM. »Völlig aus heiterem Himmel kam das bekannte, böse Rattergeräusch, und es war sofort klar: Lagerschaden«, erinnert sich Yamaha-Austria-Fahrer Igor Jerman aus Slowenien. Auch Maschinen anderer Hersteller zeigten Überlastungserscheinungen. In der Werks-Kawasaki von Plater/Giabbani/Mazuecos kollabierte nach knapp 14 Rennstunden ebenfalls ein Pleuellager. Das Trio kam damit gerade mal eineinhalb Stunden weiter als ihre Team-Gefährten Nigon/Marchand/D’Orgeix. Deren ZX-10R fiel mit kapitalem Getriebeschaden aus.
In der letzten Rennstunde erwischte es schließlich noch die werksunterstützte National-Motos-Honda-Fireblade. Mitten auf der Zielgeraden stieg plötzlich Rauch auf, nur mit Mühe erreichte die havarierte Maschine die Box. Nach einer schnellen Notreparatur konnte die Honda sich noch auf Rang sechs ins Ziel schleppen.
Keinerlei Motorprobleme gab es erwartungsgemäß bei Suzuki. Dafür ganz andere: Mitte der fünften Rennstunde kollidierte die führende Weltmeister-GSX-R-1000 mit Julian da Costa am Lenker mit einer privaten Yamaha derart heftig, dass buchstäblich die Fetzen flogen. Von der Yamaha des unverletzt gebliebenen Briten Lee Jackson blieb praktisch nichts übrig. Da Costas Suzuki dagegen wurde, ebenfalls nicht weit von einem Totalschaden entfernt, vom Franzosen heldenhaft in die Box geschoben und lebte kaum 40 Minuten später wieder. Und Vincent Philippe, Matthieu Lagrive sowie nach einer längeren Erholungspause auch wieder da Costa jagten die Werks-Suzuki aus den Tiefen des Hinterfelds noch bis auf Rang zwei im Ziel.
Die Führung war derweil sicher bei der anderen Werks-Suzuki mit William Costes, Guillaume Dietrich sowie dem deutschen Max Neukirchner. Die Le-Mans-Sieger vom April dieses Jahres kamen aber in den Vormittagsstunden zunehmend unter Druck und mussten um die Spitze kämpfen. Durch einen Boxenstopp der immer heftiger angreifenden GMT94-Yamaha mit David Checa, ­Sébastien Gimbert und Olivier Four wieder in Führung gegangen, kam Dietrich nur zwei Kurven weit, bevor er stürzte. Erneut bewies die Suzuki-Mechaniker-Crew ihre Sprinter-Qualitäten. Auch die Nummer zwei wurde wieder flott gemacht und am Ende noch Dritte. Der siebte Suzuki-Bol d’Or-Sieg in Folge indes war weg. Dafür konnte GMT-Teamchef Christoph Guyot erstmals überhaupt in Magny-Cours feiern.
Die zwei Werks-BMW wurden ebenfalls von Stürzen gebeutelt, eine kam wenigstens als 23. an. Fahrer Rico Penzkofer brach sich zu allem Überfluss ein Schlüsselbein. Die deutsche RMT21-Honda fiel gegen Rennhalbzeit auf Rang zehn mit defekter Kupplung aus. Den stärksten Abgang hatte Bolliger-Kawasaki aus der Schweiz. Auf Rang fünf schaltete der Österreicher Horst Saiger 30 Minuten vor Schluss bei der Ausfahrt nach dem letzten Stopp den Speed-Limiter für die Boxengasse aus-gerechnet bei Vollgasstellung des Gasgriffs aus. Die ZX-10R stieg blitzartig in die Senkrechte auf, Saiger stürzte harmlos, die Maschine aber knallte derart hart auf den Boden, dass das Vorderrad zerstört war und sich nicht mehr drehte. Der Unglückspilot hatte keine Chance mehr, das Gefährt in die nur wenige Meter entfernte Box zurückzubringen. Ein Langstrecken-Grundgesetz gilt somit doch auch weiterhin: Ein 24-Stunden-Rennen dauert 24 Stunden, und keine Sekunde weniger.

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