24 Stunden von Oschersleben (Archivversion) Das kann doch nicht alles gewesen sein

Das BMW-Werksteam etabliert sich in der Spitzengruppe der Langstrecken-WM. Wie aber wird es weitergehen mit dem internationalen Straßen-Rennsport in Weißblau?

Trotz vorherbstlichen Schmuddelwetters rund um die Motosport-Arena Oschersleben war das BMW-Werksteam im Vorfeld des 24-Stunden-Rennens bester Stimmung. Auf der verwinkelten, fahrerisch anspruchsvollen Strecke mit sehr kurzen Geraden fühlte sich der gegenüber den japanischen 1000er-Vierzylinder-Superbikes um 50 PS schwächere R 1200-Rennboxer sehr wohl. Im Regen würde sich das Leistungsmanko der Gummikuh noch weiter verflüchtigen und vielleicht sogar eine Sensation ermöglichen, hofften die glühenden Augen der bayerischen Regentänzer.
Rainer Bäumel, BMW-Projektleiter des Sport-Boxers und Teamchef, hatte recht konkrete Hoffnungen. »Sollte es wirklich ein regendominiertes Rennen werden, dürfen wir mit einem Ergebnis unseres schnelleren Teams unter den ersten fünf und einen Top-Ten-Rang für das zweite Team rechnen«, so der frühere technische Redakteur von MOTORRAD.
Dabei setzte Bäumel auf den allgemeinen Wetterbericht, der mehr oder weniger durchgehenden Regen vom Start am Samstag um 15 Uhr bis weit in die Nacht hinein vorhersagte. Erst im Morgengrauen sollte es allmählich trockener werden.
Folglich ließen sich die BMW-Strategen auch nicht vom Ende der Niederschläge mehr oder weniger unmittelbar vor dem Start beunruhigen. Die Regenreifen blieben trotz einiger bereits abtrocknender Stellen auf der Zielgeraden der Motorsport-Arena an den Rädern. Womit die Bayern wie alle anderen Spitzenteams komplett daneben lagen.
Kein einziger Regentropfen fiel während der 24 Rennstunden mehr in Oschersleben, und die erste BMW stand nach zehn Minuten schon wieder in der Box. Auf-wallende Unheilserinnerungen an das 24-Stunden-Rennen von Barcelona, welches Anfang Juli für die Werks-BMW nach gerade mal 16 Minuten zu Ende gewesen war, wurden aber sofort zerstreut. Es ging »nur« um Trockenreifen. Und da waren die beiden Bayern-Bikes in bester Gesellschaft. Die Langstrecken-WM-Spitzenteams Yamaha-Österreich, Bolliger-Kawasaki, Phase-One-Yamaha, D’Antin-QMMF-Kawasaki sowie viele anderen sorgten für eine frühe Rushhour in der Boxengasse und fielen alle erst mal weit ins Mittelfeld zurück.
An der Spitze kam es derweil zu einer interessanten Mischung aus den zwei verbliebenen absoluten Top-Teams, die mit ihrer schieren fahrerischen Gewalt versuchten, ihre ebenfalls falsche Reifenwahl förmlich zu überfahren, und klugen Strategen andererseits. Das Suzuki-Werksteam ließ ihren Startfahrer Vincent Philippe ebenso mit Regenreifen draußen wie Kawasaki-France den in dieser Phase schier unglaublichen Gwen Giabbani. Während die beiden ihre weichen Profilgummis auf der trockenen Oschersleben-Bahn fast schon in Fetzen rissen und deshalb den ersten Turn vorzeitig nach knapp einer Dreiviertel- statt der vorgesehenen vollen Stunde beenden mussten, tauchte plötzlich und unerwartet die weiße Triumph Daytona 675 des PS-LSL-Team ganz vorn auf.
Mit einer sensationellen Fahrt auf Supersport-Trockenreifen, also nur leicht profiliert, trieb Philipp Hafeneger das hubraumschwächste Fahrzeug des 54 Maschinen starken Feldes bis auf Rang zwei hinter die Weltmeister-Suzuki und das Grinsen seines Teamchefs Matthias Schröter geschäftsführender Redakteur unserer Schwesterzeitschrift »PS – Das Sport-Motorrad Magazin« in rekordverdächtigen Breiten.
Als Hafeneger schließlich nach einer Stunde und zehn Minuten an Arne Tode übergab, erinnerte Schröter an einen anderen Überraschungshelden der jüngeren Vergangenheit: »Ich habe heute schon mehrfach an Markus Winkelhock und seinen Husarenstück beim verregneten Formel-1-GP auf dem Nürburgring gedacht.«
Wobei der Spaß für die PS-Underdogs und ihre unschuldig weiße kleine Triumph um einiges länger hielt als Winkelhocks Eifelglück. Denn die Augenhöhe zum scheinbar turmhoch überlegenen BMW-Werksteam war hergestellt. Und die Wiederholung des Sieges in der Open-Klasse, im Vorjahr noch mit einer Yamaha R1 errungen, erschien plötzlich selbst mit der Baby-Daytona im Bereich des Möglichen.
Arne Tode und der dritte Fahrer auf der ersten von zwei eingesetzten PS-LSL-Triumph, Ex-Grand-Prix-Star Jürgen Fuchs, verteidigten den kleinen, aber feinen Vorsprung aufgrund des frühen BMW-Reifenstopps, hielten sich in den Top-Ten der Gesamtwertung wie an der Spitze der Open-Klasse. Bis gegen 18 Uhr Fuchs – ausgerechnet im direkten Kampf mit BMW-Mann Markus Barth – beim Anbremsen in die Hasseröder-Linkskehre ausrutsche, der PS-LSL-Crew jede Menge Arbeit bereitete und den Winkelhock-Vergleich leider doch noch komplett machte. Kurz vor Mitternacht sollte die Triumph mit der Startnummer 13 dann wegen eines Getriebeschadens endgültig stillstehen.
Das BMW-Trio mit dem Österreicher Thomas Hinterreiter und den beiden Deutschen Rico Penzkofer und Barth hatte also fortan zumindest Ruhe, was ihr Minimalziel anging: den Sieg in der bei den 24 Stunden von Oschersleben traditionell um ein Vielfaches stärker als bei anderen Langstrecken-Rennen besetzten Open-Klasse. Sie glänzten neben den längsten Tank- und damit auch Fahrerwechselintervallen aller Teams vor allem mit hervorragender Arbeit bei den Boxenstopps. »17,3 Sekunden war unser Rekordstopp für Reifenwechsel vorn/hinten und Tanken«, freute sich Bäumel, »und das war sogar der letzte überhaupt, wo man ja glauben könnte, dass die Jungs in Gedanken schon im Ziel sind.«
BMW agiert mit dieser Mannschaft im inzwischen dritten Langstrecken-Rennen in höchster Professionalität bis ins Detail, auf einem Niveau, das zumindest in der Endurance-WM sonst nur das legendäre Suzuki-Werksteam des Endurance-Generals Dominique Méliand annähernd erreicht. Und die gewannen in Oschersleben die Gesamtwertung mit bescheidenen zwölf Runden Vorsprung gegen das auf der Strecke schnellere, in der Box- und der Gesamtorganisation aber deutlich chaotischere Kawasaki-France-Werksteam.
Doch wie soll der BMW-Weg zurück in die internationale Motorrad-Rennsport-Welt weitergehen? Denn mit dem unterlegenen Boxer ist kaum mehr als der nun sogar auf trockener Fahrbahn erreichte fünfte Gesamtrang drin. Da fallen kleinere Probleme wie der nach 17 Stunden ausgefallenen vierte Gang oder das im Morgengrauen ersetzte Kardan-Hinterachsgetriebe nicht ins Gewicht. Und außerdem wird es für den nicht homologierten Rennboxer in der Open-Klasse nie WM-Punkte geben.
Zu diesem Thema beißen sich sämtliche BMW-Verantwortlichen selbst in Momenten der größten Freude wie etwa nach der Zieldurchfahrt ihrer Maschinen auf den Rängen fünf und neun mit größtem Nachdruck auf die Lippe und erklären standhaft, dass auch 2008 Werks-BMW-Straßenrenn-Motorräder nur bei Langstrecken-Events zu bestaunen sein werden.
Dies mag vielleicht sogar stimmen, andererseits ist die künftige Zusammenarbeit von BMW Motorrad Motorsport und dem bisherigen Honda-IDM-Team Alpha-Technik inzwischen in trockenen Tüchern. Und das heißt mit großer Wahrscheinlichkeit, dass 2008 mit dem neuen, bereits getesteten BMW-1000er-Vierzylinder ein Entwicklungsjahr zusammen mit Alpha Technik eingelegt wird, um dann 2009 werksseitig an der Superbike-WM teilzunehmen.
So viel Spannung wie dieses Thema künftig verspricht, erlebte die leider aus Wettergründen mit knapp 20000 Zuschauern etwas spärliche Fankulisse in Oschersleben im Finale des 24-Stunden-Rennens. Igor Jerman trug in der letzten Rennstunde die trotz eines Kühlerwechsel hoffnungslos überhitzende Yamaha-Österreich R1 mit Rundenzeiten, die bis zu 15 Sekunden langsamer waren als normal, in Richtung rettende Zielflagge.
So flog zunächst Kawasaki-France vorbei und wurde trotz dreier Stürze des Heißsporn-Trios Plater/Giabbani/Mazuecos noch Zweiter. Und hinter der Alpen-Yamaha hoffte das Schweizer-Bolliger-Team bis zum Schluss, dass der R1-Motor doch noch hochgehen würde. Aber Igor war diesmal nicht der Schreckliche, sondern der Glückliche und konnte sich zusammen mit seinen australischen Partnern Steve Martin und Damian Cudlin sowie dem sichtlich urlaubsreifen Teamchef Mandy Kainz auf dem Siegerpodest erholen.

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