24 Stunden von Oschersleben (Archivversion) Zwei in eins

Der 24-Stunden-Marathon war in diesem Jahr zum
achten Mal Höhepunkt der German Speedweek in Oschersleben – und noch nie einfach nur ein Rennen. Sondern mindestens zwei in einem: das der WM-Teams und das der deutschen Endurance-Enthusiasten.

Kupplungskorb gebrochen – ein Materialfehler«, lautete die trockene Diagnose. Ausgerechnet beim Boxer-Team, das wie so oft als einzige Mannschaft
eine bildschöne Boxer-BMW in den 24-Stunden-Wettkampf von Oschersleben geschickt hatte. Bei diesem Motorradtyp ist die Kupplung ziemlich zentral angeordnet – entsprechend viel muss für eine Reparatur demontiert werden. Doch davon ließ sich die zwischenzeitlich als eingetragener Verein firmierende bayerische Truppe nicht einschüchtern. Nach knapp zwei Stunden war die KB 35 genannte Maschine – KB wie Kampfboxer – wieder im Rennen.
Nach nur wenigen Runden musste dann die defekte Benzinpumpe gewechselt werden, später brach auf der linken Motorseite ein Einlassventil und zerstörte den Kolben. Das Boxer-Team reparierte unverdrossen weiter. Obwohl klar war, dass es sicher nicht aller Aluspäne habhaft wer-
den würde, die der zerbröselte Kolben im Motorgehäuse verteilt hatte. Der Restmüll vollendete sein Vernichtungswerk just zu dem Zeitpunkt, als Bernd Papilion in eine neue Runde startete, die er regelkonform schiebend zurücklegen musste. Kaum
hatte er die BMW am Eingang der Boxen-
gasse an seine Mechaniker übergeben, klappte er mit Kreislaufkollaps zusammen. Nach zwei belebenden Infusionen erfuhr er: Lagerschaden. Aus der Traum.
»That’s racing«, lautet unter solchen Umständen eine viel verwendete Fahrerlager-Floskel. Bei den 24 Stunden von Oschersleben ist es selbstredend mehr
als das: Es ist Langstreckensport, wo ein schnelles, erfahrenes Fahrerteam mit einer ebenso flinken, eingespielten Mechanikertruppe sowie perfekt vorbereiteter Technik und genialer Strategie der Schlüssel zum Erfolg sind. Wobei der Begriff Erfolg in
diesem Zusammenhang relativ ist. Denn da gibt es die fest eingeschriebenen WM-Teams, gerade mal 21 an der Zahl, die in der Superbike-Kategorie starten und zumindest theoretisch um den Weltmeistertitel kämpfen. Für Rennsiege war aus dieser Riege in der laufenden Saison freilich nur das Suzuki-Werksteam fähig, neben dem maximal vier weitere Mannschaften der absoluten Top-Liga zugerechnet werden dürfen. In Oschersleben ist jeoch die Prototypen-Klasse, kurz »Open« genannt, fast wichtiger. Denn hier treten die deutschen Teams an, denen die WM egal ist, die nur für diesen Event ein Motorrad gebaut und sich 365 Tage ausschließlich auf diese
24 Stunden vorbereitet haben. Wie das Boxer-Team, das in der sechsten Stunde immerhin bis auf Rang 24 vorgefahren war.
Oder Konrad Schittko, der mit sei-
ner zum Langstreckenrenner umgebauten KTM 990 Superduke einen orange Farbtupfer im Feld setzte. 2004 hatte das
KTM-Team beim ersten Auftritt wegen technischer Probleme die Qualifikation verpasst, dieses Jahr war das kein Thema. Nach 15 Stunden wurde das österreichische Naked Bike auf Rang 29 gelistet – das hätte eine kleine Sensation werden können. Dann wurde Axel Mironiuk von
einem Konkurrenten abgeschossen. Mit
einem zweifach gebrochenen Schienbein war er jedoch nicht in der Lage, den nur leicht lädierten Zweizylinder zur Reparatur an die Box zu schieben.
Es gab aber auch glückliche Menschen im Prototypen-Lager. Zwei von ihnen: die MZ-Geschäftsführer Dr. Christoph Baumgärtner und sein malaysischer Kollege Ramasamy Vasuthewan. Nachdem der 17. Gesamtrang einer nur wenig modifi-
zierten MZ 1000 S im vergangenen Jahr
viel Beachtung gefunden hatte, waren zur aktuellen Ausgabe der 24 Stunden von Oschersleben gleich fünf der Paralleltwins angetreten. Nach 22 Stunden glänzte die schnellste MZ mit den deutschen Endurance-Cracks Rico Penzkofer, Rigo Richter und René Knöfler auf einer Top-Ten-Platzierung, die ihr im spannenden Schlussspurt allerdings von den deutschen Suzuki-Mannschaften Abbco und Engel-Racing abgeknöpft wurde. Dennoch kam am Ende mit Rang drei in der Prototypen-Wertung gar ein Podestplatz für die MZ heraus.
Die besten Deutschen sind noch weiter vorne in den Ergebnislisten zu finden –
bei den Superbikes, den WM-Teilnehmern. Tim Röthig, Stefan Strauch und Toni Heiler hatten ihre Suzuki fast das ganze Ren-
nen über unter den ersten zehn gehal-
ten und profitierten am Ende verdient von
den Fehlern der Konkurrenz: Platz fünf. Der Dresdener Steve Mizera schaffte es
als Kollege der Briten James Hutchins und Russell Baker als Dritter sogar auf das Gesamtwertungs-Siegerpodest, wo er seinen Kollegen aus dem zweiten Kawasaki-Team des Schweizers Hanspeter Bolliger zu Rang zwei gratulieren konnte.
»Du kannst alles üben, bloß nicht das Glück«, seufzte Mandy Kainz, Teamchef der Yamaha-Austria-Truppe, die 16 Stunden lang die führende Werks-Suzuki gehetzt hatte, am Sonntagmorgen. Gerade war sein Pilot Thomas Hinterreiter mit
einem kapitalen Sturz aus dem Rennen
geflogen, bei dem beide Felgen zu Bruch gingen: »Keine Chance, das Bike an die Box zu bringen.« Ein Yamaha-Sieg hätte die WM bis zum letzten Rennen offen
gehalten – so durfte Dominique Meliand den Titel schon in Oschersleben feiern. Vor
einem Vierteljahrhundert hat der knitze
57-Jährige das Suzuki Endurance Racing Team (SERT) gegründet, dessen Chef er heute noch ist. Einige seiner Mechaniker sind bald zwei Jahrzehnte an Bord – im Endurance-Sport ein eminenter Vorteil.
»Den kann ich nur schlagen, wenn er Probleme hat«, weiß Mandy Kainz, dessen Equipe seit fünf Jahren existiert. »Aber wir werden besser. Was Meliand jetzt weiß, das habe ich vielleicht in fünf Jahren drauf.“

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