24 Stunden von Oschersleben (Archivversion) Von Siegern und Unbesiegbaren

Das französische Yamaha-Team GMT 94 holte sich beim deutschen Endurance-Klassiker mit einem makellosen Sieg vorzeitig den Titel der Langstrecken-Weltmeisterschaft – aber die wahren Helden von Oschersleben fuhren MZ.

Auf gewisse Weise ist Langstreckensport unfair. Denn es sind fast nie die siegreichen Teams, die von den
Berichterstattern in epischer Breite ge-
würdigt werden. Weil die Geschichten der Sieger oft nur mäßig spannend sind.
Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks
drehen sie ihre Runden, insgesamt
883 waren es bei den 24 Stunden von Oschersleben. Ihre Motorräder sind
perfekt vorbereitet, Bauteile, mit deren Versagen gerechnet werden muss, im Vorfeld aussortiert – nach menschlichem Ermessen geht da nichts kaputt. Die
Fahrer sind meist Profis, Siegen ist ihr Geschäft. Wenn der Job getan ist, dämpft die Müdigkeit nach dem Motoren-Marathon auch das Glücksgefühl dieser Spezialisten. Überschäumende Freudenkundgebungen? Eher selten. Deshalb
animieren Fotos von Endurance-Siegerehrungen kaum zum Mitfeiern.
Eher lösen sie Mitleid aus, neben
der Befriedigung über ein erfolgreiches Rennen die andere Komponente des Endurance-Sports. Die tragischen Helden, die sich auf exotischen Motorrädern in das 24-Stunden-Abenteuer werfen, deren Chancen auf Zielankunft gleich null taxiert werden, erfreuen sich dagegen der Höchstachtung der Fans. Sie stehen für Schicksale, die in Fahrerlager-Sagen aufgehen. Sie sind die Unbesiegbaren – weil sie schon verloren haben, bevor sie überhaupt losgefahren sind.
Oschersleben 2004 war keine Ausnahme. »Was soll ich sagen: Wir hatten keinerlei Probleme«, erklärte Christophe Guyot, Chef des französischen Yamaha-Werksteams, nach dem Sieg seiner Fahrer David Checa, Sébastien Gimbert und William Costes, die damit vorzeitig den WM-Titel sicherstellten. Die Gründe für den Erfolg? Zum einen das störungsfreie Rennen. Zum anderen die mutige Entscheidung Guyots, vor zwei Jahren von der Suzuki GSX-R 1000 auf die Yamaha YZF-R1 zu wechseln. In Oschersleben standen gleich drei R1-Teams auf dem Podest. Derweil kämpft die Suzuki-Gemeinde mit platzenden Motoren. Wie das französische Werksteam mit den Fahrern Philippe Vincent, Olivier Four und Christophe Cogan, das vor Oschersleben noch Titelchancen hatte.
Sicher mit ein Grund für den GMT-Erfolg: Als Four auf der Werks-Suzuki kurz nach Mitternacht der Motor hochging und eine 350 Meter lange Ölspur hinterließ, lag die GMT-Yamaha drei Sekunden vor der Suzuki und hatte bis zur Unfallstelle fast eine ganze Runde zu fahren, Zeit genug
für die Streckenposten, die Gefahrenstelle zu markieren. Die Piloten, die direkt hinter der Suzuki fuhren, rasten mit 200 km/h
ins Verderben. Sieben auf einen Streich, darunter Arne Beitlich vom Team der
MOTORRAD-Schwesterzeitschrift PS, der mit seinen Kollegen Robert Glück und
Georg Jelicic eine Suzuki GSX-R 750 bis dahin auf den respektablen zwölften Rang gesteuert hatte. Nicht betroffen: das Yamaha Austria Team (siehe Rennprotokoll ) und die französische Mannschaft Yamaha Endurance Moto 38, die – auch deshalb – auf den Plätzen zwei und drei ins Ziel kamen.
Natürlich wurden die Sieger bejubelt. Das war’s dann aber auch. Sie hatten es einfach nur geschafft. Waren mit Glück an der tückischen Ölspur vorbeigefahren, die neben einem Haufen Schrott auch die
Heroen der Nacht produzierte. Wie Arne Tode. Der Pilot aus der deutschen Supersport-Meisterschaft war als dritter Fahrer des Bridgestone-Deutschland-Teams bei Tim Röthig und Thomas Czyborra eingestiegen. Als bester Deutscher im Feld hatte er die Suzuki-GSX-R 1000 vor Mitternacht auf Platz vier übernommen. Er war einer der ersten, der auf dem Öl ausrutschte. Das Bike war zwar verbogen, doch der Vierzylinder sprang an, und Tode konnte an die Box tuckern. Die Mühe wurde belohnt: Rang fünf – ein Top-Resultat.
Markus Mrohs sicherte sich ebenfalls seinen Eintrag in die Annalen der 24 Stunden von Oschersleben. Am Samstagvormittag hatte er sich noch beim Yamaha-Cup mit den Kollegen Peter Ungemach und Pascal Eckhardt im Rennen gemessen, wenige Stunden später standen die drei als Fahrer des Teams Motokram-Yamaha-Dunlop-Cup 24 (siehe Rennprotokoll) am Start des Endurance-WM-Laufs. Mrohs wurde nach seinem Ölsturz ins
Medical Center gefahren, wo der Rennarzt
jedoch keine ernsthaften Blessuren fand. Also ließ sich der 26-Jährige wieder zu seinem ziemlich zerstörten Motorrad chauffieren und schob es zur Box. 65 Minuten wurde repariert, danach teilten sich Ungemach und Eckhardt die Nachtschicht auf der R6. Um 6.30 Uhr stieg Mrohs, ungeachtet einer Ganzkörperprellung, wieder in den Sattel. Die Yamaha-Truppe dankte, wie es in Langstrecken-Kreisen guter Brauch ist, und ließ ihn den letzten Turn fahren, die Zielflagge passieren – dieses Gefühl ist es, das die Unbesiegbaren für alle Anstrengungen entschädigt.
Dabei ist es unerheblich, ob dieser
Status durch Ereignisse während des
Rennens erreicht oder bei der Planung des Einsatzes zum Programm erhoben wird. Wie bei Konrad Schittko und Toni Kurpas, die mit einer Zweizylinder-KTM-LC8 angereist waren. »Eine rein private Aktion«, sagt Kurpas. Der Motor sei komplett durchgerechnet, kritische Teile durch verbesserte ersetzt worden. Kurpas: »Auf der peniblen Superflow-Bremse haben wir 126 PS.« Was damit bei den 24 Stunden zu holen gewesen wäre, bleibt ein Geheimnis, weil Kinderkrankheiten im Training verhinderten, dass eine ausreichende Qualifikationsrunde zustande kam. Trotzdem blieb die KTM, zur Freude vieler Fans, im Fahrerlager als Show-Stück stehen. Irgendwann wird sie fahren. Kurpas: »Vielleicht ist das KTM-Werk ja interessiert...«
Hersteller Buell hat bereits ein Auge auf die Aktivitäten seines Händlers Volker Schirmer aus Hannover geworfen. »Wir sind im zweiten Jahr dabei«, sagt Schirmer, »nur in Oschersleben, weil es hier
die offene Proto-B-Klasse gibt, in der wir mit einer XB12R antreten können.« Sehr seriennah sei der Zweizylinder, mit überarbeiteten Zylinderköpfen und frei programmierbarer Motorsteuerung aufgepeppt. Schirmer: »Damit haben wir 107 PS am Hinterrad.« Das Werk schickte zwei Techniker aus den USA nach Oschersleben. Zur Hälfte des Rennens wurde das Buell-Team auf Platz 26 geführt. Eine Stunde später war das Bollern der XB12R verstummt. »Vermutlich hat sich das Schwungrad der Lichtmaschine gelockert«, meinte US-Pilot Rundy Rega, »see you next year.«
Weil sich die einzige Dreizylinder-Benelli (Motorschaden mit formidabler Rauchentwicklung) und die einzige MV Agusta F4 1000 (irreparable Kupplungsprobleme) frühzeitig verabschiedet hatten, fiel der MZ 1000 S vom Obi-Breckle-Race-Promotion-Team die Rolle des letzten lebenden Exoten zu. Nach 22 Stunden kurvten MZ-Testfahrer Rico Richter und seine Mitstreiter Max Müller und René Knöfler sensationell um den 15 Platz herum, und MZ-Vertriebschef Carl Schmidt verriet Details: »Wir wollten zeigen, dass wir, fast serienmäßig, ein zuverlässiges Motorrad haben.« Zwei offene Auspuff-Endtöpfe, eine passend abgestimmte Motorelektronik: »Macht etwa 130 PS«, so Schmidt.
Längst war die MZ mit dem sonoren Sound zum Publikumsliebling avanciert, zum Star des Finales wurde das MZ-Team aber, als Rico Richter in der vorletzten Rennstunde auf einer Ölspur stürzte und die MZ im Schiebebetrieb an die Box bringen musste. Das Team reparierte innerhalb von 25 Minuten – und die MZ konnte aus eigener Kraft ins Ziel fahren.
Dass am Wochenende der 24 Stunden die Olympischen Spiele 2004 in Athen
eröffnet worden waren, interessierte in Oschersleben niemanden so richtig. Zwar geht es auch dort nicht nur um die Sieger, doch lautet das Motto eines 24-Stunden-Rennens etwas anders als das olympische: Ankommen ist alles.

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