25 Jahre Super Cross Dortmund (Archivversion) Only Rock »n« Roll

Seit 25 Jahren jagen zu Jahresbeginn Motocross-Maschinen durch die Dortmunder Westfalenhalle. Geändert hat sich an dem Winterbahnspektakel außer dem Boden – anfangs Holz, heute Erde – wenig. Trotzdem ist die Stimmung auf den meist ausverkauften Rängen nach wie vor bestens.

Ohrenbetäubender Lärm – vornehmlich aus Druckluftnebelhörnern –streitet sich mit Trockeneisschwaden und bunten, aber hauptsächlich grünen Laserlichtkaskaden um die Lufthoheit in der Dortmunder Westfalenhalle. Unten, mitten in der Halle, passt Sprecher Thomas Deitenbach, unterstützt von einem mar-tialischen Kanonenschlag, einen etwas ruhigeren Moment ab und brüllt und jubelt zugleich: »Hallo Dortmund.« Jedes Kind weit und breit weiß, was dies zu bedeuten hat. Es ist Supercross-Zeit in Dortmund, und das schon seit 25 Jahren.

Tatsächlich präsentiert sich das Top-Ereignis der deutschen Motorsport-Wintersaison seit den Anfängen nur wenig ver-ändert und bleibt damit erfolgreich. Auch 2008 waren alle drei Renntage ausver-kauft. Das Konzept »keine Experimente« geht hervorragend auf, weil auch die Haltung des Publikums sich deutlich an scheinbar ewig währenden Institutionen orientiert. »I know it‘s only rock ’n’ roll but I like it – ich weiß, es ist bloß Rock ’n’ Roll, aber ich mag es«, sangen die Rolling Stones schon 1974. Und wie zu den Stones-Konzerten nach wie vor die Fans pilgern, und zwar in ziemlich genauer Kenntnis, was sie dort erwartet, so füllen die Cross-Fans alljährlich die Westfalenhalle. Mit dem einzigen Unterschied vielleicht, dass das Supercross-Publikum nicht mit dem ehrbaren Event in Würde gealtert ist, sondern sich sehr jugendlich präsentiert.

Dies liegt hauptsächlich an den be-jubelten Helden. Ein erfolgreicher Motocrosser ist nur in einzelnen Ausnahmefällen älter als 30 Jahre. Und stört somit kaum den sehr jugendlichen Lifestyle, welchen vor allem, aber nicht nur die Freestyler mit halsbrecherischen Aktionen unter die Hallendecke zaubern. So war der jüngste Aktive in Dortmund, der 13-jährige 85-cm-Junioren-Motocross-Weltmeister Ken Roczen aus Thüringen, noch lange nicht auf der Welt, als in der Westfalenhalle noch auf Holzboden der damalige Weltmeister George Jobé 1983 die Hallencross-Premiere gewann. Außerdem donnerten in dieser Zeit – unter den Bedingungen heutiger extrem schwieriger Naturbodenpisten völlig unvorstellbar – sogar Motocross-Gespanne durch die Halle.

Auch die Siegesserien des schwäbischen Brettergotts Harald Ott Mitte der 80er Jahre sowie die gesamte Ära der schnellen Holzbahnrennen kennt Roczen natürlich nur vom Hörensagen. Was den Suzuki-Junior allerdings nicht daran hinderte, gleich bei seinem allerersten Auftritt in einer Supercross-Arena die Fans im Sturm zu erobern. Auf Anhieb fand der Kleine sich auf der für ihn neuen 250er-Viertakt-Suzuki zurecht und stand am Ende unter frenetischem Applaus als Dritter der Gesamtwertung der kleinen SX2-Klasse (250er-Viertakter und 125er Zweitakter) auf dem Siegerpodest. Er durfte sich als der echte »Prinz von Dortmund« fühlen, auch wenn der Franzose Marvin Musquin mit sechs Siegen in sechs Rennen den Ehrentitel des SX2-Siegers errang.

1989 hielt der Erdboden Einzug und damit echte Supercross-Bedingungen in der Westfalenhalle. Und ein Jahr später war schon einer dabei, der mit ein paar Jährchen mehr, als Ken Roczen heute ist, ebenfalls blitzartig zum Liebling der Massen wurde, Collin Dugmore. Und der nun 39-Jährige fährt immer noch. Der längst als Deutscher naturalisierte gebürtige Süd-afrikaner war 1990 einer der ersten, der noch aus dem Rennen heraus mit spektakulären Einlagen wie zum Beispiel freihändigen Flügen und Landungen glänzte. Allerdings konnte der Dauerbrenner das Dortmunder Hallenspektakel nie gewinnen, da kamen ihm aus deutscher Sicht Bernd Eckenbach und Jochen Jasinski zuvor. Aber die Lufthoheit der frühen Jahre lag eindeutig bei »Superflyer« Collin.

Die heutigen Könige der Lüfte sind hochspezialisierte Artisten, die auf ihren speziell präparierten 250er-Zweitaktern mit den Rennen nichts mehr zu tun haben. Dafür schaffen sie es, selbst im Anschluss an das noch so nervenzerfetzende Final-rennen der Hauptklasse SX1 (450er-Viertakter, 250er-Zweitakter) die Halle nochmal zum Beben zu bringen. Ein Rückwärts-salto, abgesprungen von einer speziellen Rampe und gelandet am Zielhügel der Rennstrecke, gehörte in diesem Jahr zum Standard-Programm aller sechs in Dortmund aktiven Freestyler.

Für einen kollektiven Herzstillstand der rund 14000 Zuschauer pro Abend sorgte aber der Franzose Rémi Bizouard mit seinem »Tsunami-Salto«, einem in den Überschlag eingearbeiteten Handstand auf dem Lenker.

Gegen diesen Wahnsinn setzten die Rennfahrer vor allem ein sehr ausge-glichenes Feld, was im Jubiläumsjahr zu überaus spannenden Rennen führte, zu drei verschiedenen Tagessiegern, aber auch zu einem eher farblosen Gesamtsieger Mike Brown aus den USA. Doch er wurde von den Fans ebenfalls begeistert gefeiert wie die gesamte Veranstaltung. Dem 50-jährigen Jubiläum steht folglich nichts im Wege. Und dann werden die Rolling Stones als Vergleich nicht mehr taugen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel