30 Jahre 1000 Kilometer von Hockenheim (Archivversion) Kult-Tour

Stars, Sternchen und jede Menge Hobbyracer – auch nach 30 Jahren ziehen die 1000 Kilometer von Hockenheim die Rennsport-Szene magisch an. Warum? Weil die Marathon-Tour längst Kult ist.

Vielleicht, nein ganz bestimmt war es gut, dass Gustav Lux konditionell nichts drauf hatte. »Ich war halt ein Bürohengst, ein Sesselfurzer«, lacht der 71-Jährige über sich selbst. Enduro- und Langstrecken-Wettbewerbe, das war seine Welt in den sechziger Jahren. Eine Welt, der er nicht gewachsen war. Lange Arme, schlaffe Schenkel – nicht die Voraussetzungen, um stundenlang im Motorradsattel durchgeschüttelt zu werden. Weniger hinderlich
jedoch für das Faible Nummer zwei des Elektroingenieurs: Dinge anzuzetteln, zu organisieren. So kam’s. Fahrer Lux sattelte zum Organisator Lux um, Schwerpunkt Zuvi, wie die Zuverlässigkeitsfahrten auf Rennstrecken in jener Zeit mit deutscher Präzision bezeichnet wurden.
Doch 400 Kilometer, die damals übliche Distanz im Seriensport, reichten dem Orga-Neuling nicht. Eine Herausforderung musste her. 1000 Kilometer Gesamtdistanz, ein Sprintrennen und Zweier-Teams, das reizte. Termin Ostersamstag, Hockenheimring. 1975 war es soweit. Eine Veranstaltung, die Epoche machte und zur damaligen Epoche passte: Resultate aus einem Beschleunigungs- und Bremstest, einem Slalom, ja sogar der gemessene Lärmpegel der Maschine zählte mit zum Gesamtergebnis. 60 Duos traten an. Noch behauptete sich Europa gegen die japanische Übermacht. Zündapp, Hercules, Maico und jede Menge BMW leisteten den Honda CB 500 und 750 oder Yamaha RD Widerstand.
Und vor allem einer: Helmut Dähne. Mit dem Nimbus des Tourist-Trophy-Kämp-
fers und Nürburgring-Spezialisten auf dem Weg zur sportlichen Legende, dominierte er auf Anhieb auch in Hockenheim: Gesamtsieg. 18 weitere Triumphe sollten bis heute folgen.
Der Promi-Erfolg brach das Eis end-
gültig. Ob Hagen Klein, Reinhold Roth, Gustav Reiner oder sonstige Größen aus der WM und DM (siehe Kasten links) – wer im Rennsport was auf sich hielt, suchte sich vor Ostern einen Partner. Die 1000 Kilometer avancierten zum Szene-Treff. 170 Startplätze waren regelmäßig überbucht, Siege bedeuteten Prestige und Image. Normalerweise. Nicht so für Edeltuner Schwingen. MOTORRAD-Redakteur Horst Vieselmann und Langstrecken-Koryphäe Egid Schwemmer traten 1980 für den Odenwälder auf einer Kawasaki Z 1000 an. Allerdings besaß das US-Modell noch einen Meilentacho, Schwemmer verrechnete sich um eine Runde, fuhr zu früh in die Box und tauschte den sicheren Sieg gegen Rang 24.
Im Laufe der Zeit wurden die einst
so populären BMW von der japanischen Übermacht verdrängt. 1983 ließ sich nur noch eine einzige Bajuwarin im Starterfeld blicken. Zeitgleich schoben sich in der 500er-Klasse neun Yamaha RD 350 unter die Top Ten. Nicht für lange. Jedes Jahr hatte das badische Frühlingslüftchen ein paar Zweitaktfahnen weniger zu verwehen. Der Boom der 600er machte die Supersport-Kategorie zur dominanten Größe.
Dennoch distanzierte sich der Zeitgeist zunehmend von der Veranstaltung. Egal, ob es an den gelegentlich frostigen Witterungsbedingungen im Badischen oder der zunehmenden Konkurrenz der europaweit organisierten Renntrainings lag, Fakt war: Der motorisierte Osterspaziergang kämpfte ums Überleben. Lediglich 145 Teams begeisterten sich 1993 noch für das Rennen. Meister Lux schaltete auf Notprogramm. Nur durch begeisterungsfähige Sponsoren und höhere Nenngelder ließ sich die harte Zeit überbrücken.
1997 kletterte der Kult-Event endlich wieder aus seinem Krankenbett. Ein zeitgemäßes Reglement, das nicht zugelassene Maschinen erlaubt und einen Reifenwechsel vor dem Abschlussrennen gestattet,
sowie eine moderne Zeitnahme heilten alle Wunden. Die Starterfelder wuchsen drastisch. Helmut Dähne hatte 1994 einen schweren Unfall auf der Isle of Man überstanden, war bereits jenseits der Fünfzig angekommen – und gewann noch immer. Meistens jedenfalls.
Leichter wird’s für ihn nicht. Denn mit der Masse kam auch die Klasse zurück. Inzwischen gasen selbst Cracks wie Superbike-WM-Pilot Andy Meklau oder Claus Ehrenberger an – es geht weiterhin rund am Ostersamstag. Genau 219 Runden lang.

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