80 Jahre TT Assen (Archivversion) Tempo, 80

Als jener Herr links am 11. Juni 1925 beim ersten »snelheidswedstrijd met motoren« kurz nach der Windmühle abbog, wird er wohl kaum geahnt haben, welch brillante Zukunft dieses Rennen haben sollte. 2005 feiert die legendäre Dutch TT ihr 80-jähriges Jubiläum.

Rio, Barcelona, Sepang – kein Zweifel, die Welt der Grand Prix ist mondän, illuster, klingt nach Jetset, Glamour und ewigem Sommer. Regionen wie das notorisch windige und regnerische Nordhol-
land wollen nicht so recht in diese Reihe passen, Provinznester wie Assen schon gar nicht. Und doch: Assen ist Mythos und Historie, Mekka und Kult. Ein Synonym für den Motorradrennsport. Circuit van Drenthe – nur die wenigsten werden diese Piste
am Rande der 60000-Seelen-Stadt unter ihrem eigentlichen Namen kennen. Assen ist eben Assen. Punkt. Eine Piste, die Geschichte schrieb. So erblickte dort vor 80 Jahren eines der ganz frühen Motorrad-
rennen das Licht der Welt.
Eine Zeit, als Straßenrennen – nomen est omen – eben auf öffentlichen Straßen stattfanden. Von Sturzräumen sprach damals noch niemand, genauso wenig von zuschauer- und medienfreundlich kurzen Renndistanzen. Bei satten 28,4 Kilometer Rundenlänge interessierte weder Rundenzeit noch Durchschnittsgeschwindigkeit. Vielleicht nannte man sie deshalb TT,
Tourist Trophy.
Auch wenn die Strecke schon ein Jahr danach auf 16,5 Kilometer verkürzt werden sollte, änderte sich die Situation grundsätzlich erst viel später. Obwohl sich die Renngrößen der Vorkriegszeit wie Georg Meier oder die Engländer Jimmy Guthrie und Stan Woods längst in die Annalen eingeschrieben hatten, entstand der 7,7 Kilometer lange eigentliche Circuit van Drenthe erst 1955. Eine Rennstrecke damaligen Standards, deren Trasse – zu jener Zeit nicht ungewöhnlich – an rennfreien Tagen immer noch als Gemeindeverbindungs-
wege diente. Mit diesem endgültigen Ja zum Rennsport erwachte das Interesse der Fans vollends. 1962 knackte der »Groote Prijs van Nederland« zum ersten Mal die Marke von 100000 zahlenden Zuschauern am Renntag. Apropos Renntag. Gefahren wurde und wird bis heute nur am Samstag,
immer dem letzten im Juni.
Die Kulisse wurde größer, das
Renommee der Stars ebenfalls. Jim
Redman, Mike Hailwood, Phil Read und Giacomo Agostini prägten die sechziger und siebziger Jahre. Die Zuschauerzahlen stiegen unaufhörlich, markierten aber erst 1990 mit akribisch genau dokumentierten 143532 Rennfans den Rekord, davon
wie heute etwa 20 Prozent aus dem
angrenzenden Deutschland. Damit ist
die TT die größte Sportveranstaltung
Hollands. Inklusive eines Campingareals in der Größe einer Kleinstadt.
Doch die gewaltige Kulisse ist lediglich ein Teil des Reizes dieses Rennens. Die Strecke spaltet das Fahrerfeld. Entweder man liebt oder man hasst sie. Die stark überhöhten Kurven, der besonders im Nassen extrem griffige Belag und das unkonventionelle Layout, das mit den ineinander übergehenden Kurven nahezu permanente Schräglagen erzwingt, setzen ungewohnte Reize. Trotz der 1976 gebauten kniffligen Schikane vor dem Zielstrich – seither das Wahrzeichen dieser Strecke – ist der Kurs mit 181,5 km/h die GP-Piste mit der der-
zeit höchsten Durchschnittsgeschwindigkeit. Das wechselhafte, niederschlagsreiche Wetter in Hollands Norden macht die Situation nicht einfacher. Rennabbrüche wegen Regens gehören in Assen zum sportlichen Standardprogramm.
Und asphaltierte Fahrerlager waren
bis in die siebziger Jahre hinein nicht
die Regel. Toni Mang, mit fünf WM-Titeln Deutschlands erfolgreichster Motorradrennfahrer, erinnert sich: »Wir haben damals auf der Wiese geschraubt. Wenn dann einer etwas zügiger durchs Fahrerlager gefahren ist, musstest du schnell den geöffneten Motor abdecken, damit der Dreck nicht
ins Kurbelgehäuse spritzte.« Und doch
war es gerade diese Nähe zu den Fans, die
Assen zum Publikumsmagnet werden ließ.
»Den Weg zur technischen Abnahme legten die Veranstalter ganz bewusst durch den Zuschauerbereich. Da hast du vor Autogrammeschreiben und Händeschütteln fast die Kontrolle verpasst«, erzählt der heute 55-Jährige und weiß, »dass es in Assen immer ein paar Scheine mehr Startgeld gab, als vom Reglement vorgeschrieben. Freiwillig und ohne weitere Verpflichtungen.« Das schafft Sympathie. Gewonnen hat der Bayer obendrein. In Assen immerhin viermal, davon 1981 ein Doppelsieg in der 250er- und 350er-Klasse.
Angel Nieto steuert in jener Epoche
bereits auf die Rekordmarke zu. 15 Siege wird der Spanier insgesamt auf dieser
Piste einheimsen – und auch das Glück des Tüchtigen zu schätzen wissen. »Ich balgte mich in der 50er-Klasse mit dem Holländer Jan de Vries um den Sieg. Plötzlich starb mein Motor ab. Ich winkte bereits den Fans zum Abschied, doch als
ich die Kupplung wieder einrückte, sprang die Derbi wieder an. Ich gab Gas und schnappte de Vries in der letzten Schikane noch den Sieg weg«, grinst der inzwischen 58-Jährige.
Insgesamt brillieren die Deutschen beim, wie manche frotzeln, Norddeutschland-GP zu jener Zeit immer wieder. Reinhold Roth, der ein Jahr später in Rijeka schwer verunglückte, siegt 1989 in der 250er-Klasse – direkt nach dem Triumph von Peter Öttl bei den 80ern. Später werden auch Dirk Raudies und Ralf Waldmann zwei Siege ihrer Karriere in Assen feiern. Der ausgewiesene Regenspezialist Waldi ist bis heute ein glühender Fan dieser
Piste. »Durch die Überhöhung der Kurven musst du am Kurvenausgang, wenn die Piste wieder flacher wird, arg aufpassen. Da fliegst du ruck, zuck per Highsider ab«, spielt die Frohnatur auf die Erfahrungen vor allem Mick Doohans an. Der Australier stand trotz insgesamt fünf Siegen mit der Piste auf Kriegsfuß. 1991 bricht sich der Honda-Werkspilot zwei Wirbelfortsätze, 1992 zertrümmert er sich das Schien- und Wadenbein und sah sein Urteil bestätigt, dass Assen »eine altmodische Strecke mit unüblichem Charakter« sei.
Wobei Assen stets für Spektakel gut war. Etwa 1993, als der Amerikaner John Kocinski mit seiner 250er-Werks-Suzuki den Kampf um Platz zwei wegen eines
defekten Getriebes verliert, in der Aus-
laufrunde vor vollzähliger Fankulisse den Motor hochdreht, ohne zu kuppeln den Gang reintritt und damit das Motor-
gehäuse zum Platzen bringt. Worauf der
impulsive US-Boy stante pede von den Suzuki-Bossen entlassen wird.
Erfreulichere Momente wie der 250er-Doppelsieg von Ralf Waldmann und Jürgen Fuchs 1996 oder der erste 250er-
GP-Sieg von Valentino Rossi zwei Jahre später sollten folgen und überwiegen. Die Auftritte der sich seit der Saison 2002
zum absoluten Highlight entwickelnden MotoGP-Klasse sowieso. Dass das auch so bleibt, dafür haben die pfiffigen und motorradverliebten Veranstalter – vor drei Jahren wurden für 17000 Motorradparkplätze betonierte Standstreifen installiert – vorgesorgt. Als einziger aller Veranstalter erhielt Assen vom spanischen GP-Vermarkter Dorna die WM-Austragungsrechte für die kommenden zehn Jahre zugesprochen – aus gutem Grund.

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