(Archivversion) »Einige deutsche Fahrer sollten jetzt Highlights zeigen“

Martin Wimmer, dreifacher Grand-Prix-Sieger und zweifacher WM-Vierter der 250er-Klasse, gilt als einer der scharfsinnigsten und scharfzüngigsten Analytiker der
GP-Szene. Für MOTORRAD beurteilte er Stärken und Schwächen der deutschen Piloten
und kam dabei zum Schluss, dass der ADAC-Red-Bull-Nachwuchscup unbedingt weitergehen sollte. »Diese Talentquelle darf nicht versiegen«, fordert der Münchner, wenngleich er denkt, dass Georg Fröhlichs Aufstieg in die Weltmeisterschaft womöglich zu
rasant verlaufen ist. Für das größte deutsche Nachwuchstalent hält er Stefan Bradl – schnell, durchsetzungsstark und von seinem berühmten
Vater Helmut bestens betreut.

Alex Hofmann
MotoGP, 24 Jahre, erster MotoGP-
WM-Lauf: 2002
in Spanien. Keine Siege, keine Podiumsplätze,
WM-Position 2004 (nach acht von
16 Läufen): Platz 15 mit 24 Punkten
Shinya Nakano ist ein absoluter Ausnahmekönner, der für mich zu den Top Five der Welt zählt und der mindestens so viel aus unserem Motorrad rausholt, wie es auch ein Gibernau oder ein Biaggi tun würde. Ich sehe mit Genuss, dass ich im Training bis auf wenige Zehntel an ihn heranfahren kann und dass wir in Rio sogar die gleichen Rennzeiten vorgelegt haben. Das bestätigt mir, in der Klasse meinen Rhythmus gefunden zu haben. Sollte es mir gelingen, in der zweiten Saisonhälfte vollends mit Shinya mithalten und eventuell sogar mal vor ihm ins Ziel kommen zu können, wäre das natürlich der Hit. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, habe ich nach einem enttäuschenden Saisonauftakt bewiesen. Ich fahre konstant in die Punkte, bin zweimal knapp an den Top Ten vorbeigeschrammt und habe am Sachsenring schließlich Platz zehn geschafft. Die Fortschritte im Vergleich zum Vorjahr sind enorm, unsere einzigen Handicaps sind Drehzahlband und Leistung des Motors. Ich hoffe, dass auch in
Japan erkannt wurde, wo unsere Grenzen liegen, und ich bin guter Dinge, dass es bald Fortschritte geben wird. Wenn ich mit einem besseren Motor freier auffahren kann, ist es logisch, für die Zukunft regelmäßige Top-Ten-Plätze anzupeilen. Dass es im derzeitigen Entwicklungsstadium auch Technik-Probleme gibt,
ist für die Fahrer zwar nicht schön, aber trotzdem
akzeptabel. Schließlich arbeiten alle zu 100 Prozent
im Grenzbereich, da kann schon mal was passieren.
+++ Wimmer über Hofmann +++
Alex ist dran am Ball. Jeder, der sich in der MotoGP-Klasse qualifiziert, ist ein Top-Mann, und es ist erfreulich, dass ein deutscher Fahrer auf diesem Niveau mithalten kann. Sein Teamkollege Shinya Nakano
ist aus dem Holz, aus dem Champions geschnitzt
werden, und wenn es Alex jetzt noch gelingt, den
Ex-Vizeweltmeister ein-, zweimal zu knacken, ist das die Visitenkarte, um weiterzukommen. Der Teamkollege muss für Alex der Maßstab sein, nicht die absolute Weltspitze, denn von der ist sein Motorrad technisch noch weit entfernt. Über den Winter ist Kawasaki – auch dank Reifenhersteller Bridgestone – zweifellos ein Schritt nach vorn gelungen. Seither fehlt aber die Konstanz bei der Entwicklung, der Beweis, dass der Fortschritt aus mehr als Einzelschritten und Glückstreffern besteht. Das Grundprinzip im Rennsport, dass ein bestimmter Fehler nur einmal passieren sollte, scheint für Teamchef Harald Eckl nicht zu gelten. Wenn mir in Le Mans schon ein paar Motoren hochgegangen sind, dürfen sie am Sachsenring nicht schon wieder platzen. Bei so massiven Motorproblemen kämen mir nur noch Triebwerke an die Rennstrecke, die bereits 150 Kilometer auf dem Prüfstand absolviert haben und für die es entsprechende Leistungsprotokolle gibt. Im Fahrerlager Einspritz-Kenn-
felder hin und her zu bugsieren und andere Drosselklappen einzubauen, in der guten Hoffnung, dass
es funktioniert, ist Alchemie auf dem Niveau eines Nachwuchs-Pokals. Ähnliches gilt für Nakanos Reifenplatzer von Mugello: Das Kawasaki-Heck erzeugt ab Tempo 280 zu viel Auftrieb, der Stoßdämpfer geht
auf Negativ-Federweg, am unbelasteten Hinterreifen wird die Fliehkraft zu hoch. Es genügt einfach nicht, eine schöne Verkleidung zu modellieren, ich muss mich auch der Frage stellen, was damit passiert.
Steve
Jenkner
125 cm3, 28
Jahre, erster
125-cm3-WM-Lauf: 1996 in Deutschland. Ein Sieg,
14 Podiumsplätze, WM-Position 2004 (nach acht von 16 Läufen): Platz acht mit 63 Punkten
Der Sachsenring-GP wäre zu meinem Rennen geworden: Ich war felsenfest davon überzeugt, als Erster
anzukommen. Deshalb war die Zeitstrafe wegen
Überholens bei gelber Flagge eine besondere Enttäuschung. Ich war auf der Innenspur neben Dovizioso und sah außen bloß einen Helm und den Himmel – vielleicht sollte man die Flaggen künftig auf beiden Seiten schwenken. Dieses Pech eingerechnet, fehlen uns von acht möglichen guten Resultaten sechs.
Doch wir arbeiten motiviert und gut gelaunt weiter und versuchen unser Bestes, Fehler in der zweiten Saisonhälfte zu vermeiden. Wenn ich von den acht noch ausstehenden Rennen vier gewinnen könnte, wäre das natürlich eine optimale Visitenkarte für
meine Zukunft in der 250er-Klasse. Am liebsten wäre es mir, mit meinem derzeitigen Team weitermachen
zu können, und ich habe keinen Zweifel, dass wir die Weichen entsprechend stellen können. Fahrerisch freue ich mich auf die neue Herausforderung: Ich habe schon mal die Aprilia von Waldi ausprobiert und bin mir sicher, dass ich schneller fahren könnte als die
anderen Deutschen bei den 250ern – auch wenn ich mich erst zu einer Werksmaschine hochdienen muss.
+++ Wimmer über Jenkner +++
Steve war zu lange in den Händen von Harald Eckl. Denn wichtig ist, wie ein junger Fahrer auf die WM vorbereitet wurde. Das geht nicht auf die Weich-
spültour. Du musst frühzeitig versuchen, Härte zu
erzeugen. Sonst kannst du dich in technischen Fragen verlieren, wie es zum Teil auch mir als Fahrer passiert ist. Wenn du dich zu sehr auf die Federvorspannung konzentrierst, führt das immer dann zu schlechten
Ergebnissen, wenn die Maschine nicht perfekt abgestimmt ist. Wie bei Steve Jenkner: Auch wenn alles passt, etwa letztes Jahr im Regen von Assen, holt er einen Sieg, danach aber drei Rennen keine Punkte.
Die fahrerisch-mentale Konstanz vermisse ich bei
Steve, vollen Einsatz zu zeigen, wenn die Maschine nicht optimal abgestimmt ist – so wie Valentino Rossi. Für seine Zukunft hängt alles davon ab, wie er mit
einer 250er zurecht kommt. Toni Mang war 1978/1979 ebenfalls schon abgeschrieben und wurde später noch fünf Mal Weltmeister. Ideal wäre, wenn Jenkner im Aprilia-Germany-Team von Dieter Stappert unterkäme, um die deutsche Schiene nach vorn zu bringen.
Dario
Giuseppetti
125 cm3, 19 Jahre, erster 125-cm3-
WM-Lauf: 2002
in Deutschland.
Keine Siege, keine Podiumsplätze,
WM-Position 2004 (nach acht von 16 Läufen): Platz 25 mit drei Punkten
Das dicke Ende kam nach meinem unverschuldeten Rennsturz in Assen: zehn Zentimeter langer Leistenbruch, Notoperation, Pause bis Brünn. Trotzdem bin ich mit der Saison zufrieden. Ich habe viele Strecken kennen gelernt und mich insgesamt steigern können. Wenn wir jetzt noch ein paarmal in die Punkte fah-
ren, kann ich dem zweiten Teil meines Zwei-Jahres-Vertrags guten Mutes entgegensehen. Von der
Teambetreuung und vom Material her bin ich superzufrieden. Das Einzige, was ich brauche, ist mehr
Erfahrung – von der Abstimmung her ebenso wie
bei den fahrerischen Tricks.
+++ Wimmer über Giuseppetti +++
Auf nationaler Ebene hatte er alles im Griff. Im
GP-Geschäft hat er aber noch nicht diesen Glanzlicht-
Effekt gezeigt: Es fehlt ein Achtungserfolg. Dass er irgendwann und irgendwo, vielleicht auf halb nasser Strecke, nach vorne fährt. So wie Thomas Lüthi, der letztes Jahr in Barcelona aus heiterem Himmel Zweiter wurde. Dario hat genügend Robustheit und Härte, der nötige Biss ist da. Ein Überraschungscoup in diesem Jahr würde ausreichen, Begeisterung zu erzeugen,
um seine Zukunft bei den Sponsoren abzusichern.
Dirk Heidolf
250 cm3, 27 Jahre, erster 250-cm3-WM-Lauf: 2001
in Deutschland.
Keine Siege, keine Podiumsplätze,
WM-Position
2004 (nach acht von 16 Läufen): Platz 24 mit
drei Punkten
Die Plätze zwölf bis 15 sind mit unserem Aprilia-
Production-Racer realistisch, doch Verletzungspech und Abstimmungssorgen haben mich bislang von
regelmäßigen Erfolgen abgehalten. Mein Vorgänger Joan Olivé ist viel leichter als ich, deshalb passen die Setup-Daten nicht, wir fangen an jeder Rennstrecke von vorne an. Gelegentlich gibt’s mit meinem spanischen Team auch Verständigungsprobleme, etwa, wenn sie an der Gabel den Nachlauf verändern, ohne mir etwas davon zu sagen. Doch die Zusammenarbeit wird besser, und für die Zukunft brauche ich mir dank eines Drei-Jahres-Vertrags keine Sorgen zu machen.
+++ Wimmer über Heidolf +++
Dirk Heidolf hat allen Biss dieser Erde, und ich bewundere seinen Einsatz. Sein Fahrstil ist kraftvoll, er muss jedoch schon um Mittelfeldplätze so hart kämpfen wie andere um den Sieg. Es fehlt an Lockerheit, sich im Grenzbereich zu bewegen. Meine Vermutung ist, dass sein Talent bei Top-Ten-Plätzen aufhört. Das berühmte Highlight ist noch nie da gewesen. Als Jürgen Fuchs anfing, gab es diese Blitzer in Hülle und Fülle – bis er Werksfahrer wurde und Podestplätze feierte. Bei ihm loderte irgendwann das Feuer auf, bei Dirk Heidolf ist eher davon auszugehen, dass das nicht passiert.
Klaus
Nöhles
250 cm3, 27 Jahre, erster 250-cm3-
WM-Lauf: 2000 in Südafrika. Keine Siege, keine Podiumsplätze, WM-Position 2004 (nach acht von 16 Läufen):
keine Platzierung, null Punkte
Früher fiel mir alles leicht, und ich nahm alles leicht – bis zu dem Punkt, als die Probleme über mich hereinbrachen. Jetzt weiß ich es erst richtig zu schätzen, Grand Prix fahren zu dürfen, und ich werde dabei
konsequent meinen Weg gehen, ohne mich wie früher von den falschen Leuten beraten zu lassen. Ich setze mich nicht unter Druck, sondern werde hart und
kontinuierlich arbeiten, dann kommt der Achtungs-
erfolg in den verbleibenden Rennen dieser Saison von ganz allein. Vor Jahren bin ich ja schon mit Leuten wie Fonsi Nieto um die Wette gefahren und war schneller als sie. Da möchte ich wieder hin. Was mir dazu fehlt, ist Routine und Fitness – ich kann nur zehn Runden am Limit fahren, anschließend fehlt die Kraft.
+++ Wimmer über Nöhles +++
Sein schneller Aufstieg vor vier Jahren als Nachfolger von Ralf Waldmann stieg ihm zu Kopf. Er baute ein Haus, kaufte einen BMW, zeugte ein Kind – alles
Themen, mit denen man sich befassen kann, wenn man es geschafft hat, nicht, wenn man an der Schwelle steht. Am Ende war er überfordert und hatte einen Leistungseinbruch. Sein Talent hat er allerdings nicht verloren. Es spricht für ihn, wenn er ohne Tests und die entsprechende körperliche Vorbereitung schon
im dritten Rennen bei einzelnen Trainings auf Top-
Ten-Plätze einschwenkt und zeigt, dass er den Ernst der Lage erkannt hat und seine Chance nutzen will.
Mein Tipp: Nach dem England-GP intensiv testen
und sich auf Punkteränge in der zweiten Saisonhälfte
einschießen, um die Unterstützung fürs nächste Jahr
abzusichern. Denn zunächst ist Klaus ein Notnagel,
ob Sponsoren und der Startplatz für 2005 gerettet werden können, hängt nur vom Erfolg ab.

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