Bikers’ Classics Spa (Archivversion) Fritten und Brillanten

Belgien bietet die besten Pommes mit den meisten Saucen von ganz Europa. Und die größte Ansammlung klassischer Motorräder. Die Bikers‘ Classics sind ein Juwel von einer Veranstaltung, hochkarätig besetzt. Mit dutzendweise ehemaligen GP-Fahren, legendären Weltmeistern, Hunderten Privatiers beim freien Fahren und einem Vier-Stunden-Rennen.

Die Luft brennt, die Atmosphäre flimmert. Oder vibriert bloß die Netzhaut? Weil die Erde bebt und das Hirn nicht weiß, wohin es die Augen zuerst lenken soll. Und die Ohren erst! An allen Ecken schnorcheln und stampfen, brüllen oder kreischen Motoren unterschiedlichster Bauart: Ein-, Zwei-, Drei-, Vier-, Fünf- und Sechsylinder, mehr motorische Vielfalt kann man nicht erleben. Knapp 900 Maschinen von Baujahr 1930 bis 1980 treten an bei den Bikers‘ Classics in Spa-Francorchamps am ersten Juli-Wochenende 2008. Offene Ansaugtrichter schmatzen und röcheln um die Wette. Gasstöße bringen altehrwürdiges Metall auf Betriebstemperatur und Herzen in Wallung.

Raritäten treffen auf Kuriositäten, Eigenbauten auf mehr oder minder gepflegte Serientypen: 730 Motorräder beim freien Fahren, 65 Teams beim Vier-Stunden-Rennen für Klassiker, ehemalige Werksrenner dutzendweise. Juwelen auf zwei Rädern. Mitsamt den Menschen, welche die Kreationen aus Stahl und Aluminium zu unvergänglichen Edelsteinen geschliffen haben: die Piloten, die sich darauf unvergessliche Duelle geliefert, Hunderte von GP-Siegen eingefahren haben. 15 Weltmeister, die rund 50 Titel auf sich vereinen.

Da fliegt „Fast Freddie“ Spencer, im berühmten blau-weißen Dress wie seine Rothmans-Honda, mit Fullspeed auf die Spitzkehre „La Source“ zu. Direkt dahinter folgt „Sir“ John Surtees im charakteristischen weißen Jet-Helm mit blauem Streifen. Auf MV Agusta, Ehrensache, schließlich holte der Brite alle seine sieben Titel auf rot-silbernen MVs. Blaue Wölkchen hinter sich herziehend, wie eh und je grün-weiß-rot behelmt, fährt Giacomo Agostini. Ausnahmsweise nicht auf MV, sondern auf einer 500er-Yamaha. Da kommt auch schon Christian Sarron angeschossen, der Regenfuchs der Achtziger, heute bei strahlender Sonne. Tief hinter die Kanzel seiner HB-Suzuki geduckt brettert Randy Mamola, als vierfacher Vizeweltmeister der „ewige Zweite“, über den sieben Kilometer langen Ardennen-Kurs. Die flüssig zu fahrende Berg-und-Tal-Bahn gilt immer noch als eine der schönsten Rennstrecken der Welt.


Einen Sekundenbruchteil später sind die alten Kämpen aus dem Blickwinkel verschwunden, donnern die Start-Ziel in Richtung der legendären Kurvenkombination „Eau Rouge“ herunter. Nur das Bellen der Auspuffe und der Geruch von Zweitaktöl und Rennbenzin bleiben. Kaum zu glauben, wie hier Legenden auf zwei Rädern und zwei Beinen im Sekundentakt vorbeischießen. Ein Wahrnehmungs-Overkill. Es hat was von Bewusstseinserweiterung: Wer verstehen will, warum die (Renn-)Motor-räder von heute so sind, wie sie sind, der muss einfach nach Spa. Um zu erleben, wie sich in der Vergangenheit permanent die Technik fortentwickelte, die Konzepte einander ablösten. Ein rollendes und röhrendes Rennlexikon ist das hier.

Der Geist von gestern trifft auf Technik von heute. Überall klicken Digital- oder Handy-Kameras, wollen die Besucher bleibende Eindrücke behalten von dieser Veranstaltung der Extraklasse. Das geht im Übrigen auch althergebracht, mit Autogrammen. Wer zu den 25 Euro Eintrittsgeld fürs komplette Wochenende noch einmal 15 Euro extra berappt, kann die Haudegen von einst nicht nur von der Tribüne aus in Aktion bewundern, sondern auch hautnah in der „Pitlane“ erleben. Fahrer, die einst Konkurrenten waren auf den Rennpisten dieser Welt und Freunde wurden im Privatleben, feiern Wiedersehen, liegen sich in den Armen, schwelgen in Erinnerungen.

Chas Mortimer scherzt, in Spa sei „mehr los als bei manchem heutigen Grand Prix“. Dieter Braun blättert gemeinsam mit Fans in deren Fotoalben, kramt in Erinnerungen, welche Aufnahme wo und wann entstanden ist: „Das muss Belfast gewesen sein, 1967.“ Geschichte und Geschichten werden hier noch einmal lebendig. Große Namen sind hier so dicht versammelt wie bei keiner anderen Veranstaltung in Europa.

Doch obwohl an würdigen Veteranen nun wirklich kein Mangel herrscht, ist vor einer Box am meisten los: der von Rekord-Weltmeister Giacomo Agostini. Eine große Meute will sehen, was der 15-fache Champion macht und tut. Da kreisen Puschel-Mikrofone von TV-Teams über den Köpfen, wenn der ewig jugendlich wirkende Italiener die Yamaha OW 23 per Schiebestart in Bewegung setzt. Oder in seiner strahlend weißen Lederkombi vom Lauf reinkommt. Für seine Fans ist Ago im-mer noch Jesus und Jimi Hendrix in einer Person.


Wer hätte das gedacht: Mit Christian Sarron kann man auf Deutsch parlieren, er spricht es seit seiner Schulzeit fließend. Der Präsident von Yamaha Motor Deutschland, Mister Morimoto, fährt eine 125er, die 1972 Kent Andersson bewegte. Der volksnahe, rennerprobte Manager verdeutlicht japanische Firmenphilosophie: „Wenn wir die Vergangenheit vernachlässigen, können wir die Zukunft nicht mehr gestalten.“ Michelle Duff, die vor ihrer Geschlechtsumwandlung als Mike Duff zum GP-Zirkus der Sechziger gehörte, gibt Autogramme am Stand des Yamaha-Classic-Racing-Teams. Sie signiert ihre Bücher, plauscht mit Besuchern. Leider hat sie am Samstag einen schweren Sturz, muss mit Rettungswagen ins Krankenhaus. Schädelbasisbruch, wie sich später herausstellt. Eine Woche muss sie im Krankenhaus bleiben.

In Spa läuft das Programm weiter, steht bereits das nächste Spektakel an. Per typischem Le-Mans-Start beginnt Samstagabend die erste Hälfte des Vier-Stunden-Rennens. Die scheinwerferbewehrte Fahrt in die Dämmerung ist auch eine Reise zurück zu den ruhmreichen 24-Stunden-Rennen, als sich auf dieser Strecke noch Werksteams um Punkte für die Endurance-WM balgten. Heute ist das Material mindestens 28 Jahre alt, zugelassen sind nur Maschinen bis Baujahr 1980. Doch die Fahrer und erst recht die Mechaniker geben alles. Der Fehlermöglichkeiten sind viele, die Belastung für die antiquierte Mechanik und Elektrik ist enorm.

Dunkelheit senkt sich über die Ardennen. Es ist die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Es wirkt, als verschnauften die Maschinen, wie sie so dastehen auf ihren Montageständern. Erhaben und würdevoll. Und viele von ihnen, nein, fast alle, zum Weinen schön. Monatelang haben ihre Besitzer auf dieses eine Wochenende hingelebt, hingeschraubt. Bei den Maschinen sind alle Erhaltungszustände und Konzepte vertreten: kreischende 50er-Renner neben dumpfen Dampfhämmern à la Norton Manx, bollernde Twins in Reihen- und V-Formation von BSA, Ducati und Moto Guzzi. Die BMW-Boxer nicht zu vergessen sowie die röchelnden Dreizylinder von Triumph und Laverda.

Eine wahre Flut der orangefarbenen italienischen Renner ergießt sich in Gruppe fünf. Obwohl oder gerade weil es um nichts geht, messen sich die Europäer mit Dutzenden japanischen Vierzylindern. Selbst von den fetten Sechszylindern à la CBX und Z 1300 fahren gleich mehrere rum. Und wenn die ersten Norton, Velocette oder Matchless die Start-Ziel-Gerade herunter- und nach der legendären Kurve „Eau Rouge“ wieder bergaufbrausen, ist man als Zuschauer mittendrin. Die Fahrer stehen den Maschinen in nichts nach. Viele verkörpern echte Originale.

Für das Wohlbefinden zwischen den Rennen sorgen der Teile- und Nippesmarkt, ein Bluesrock-Konzert sowie reichlich belgisches Bier am Abend und Pommes frites mit fantastischen Dressings von früh bis spät. Der Favorit: die pikante „Sauce Andalouse“. Und dann die nächsten Auftritte der alten Champions genießen. Darunter John Surtees in einem Lotus-Formel-1-Rennwagen aus den Sechzigern. Schließlich ist der Brite bis heute der einzige Motorrad-Weltmeister, der auch einen Formel-1-Titel holte: 1964 auf Ferrari.

Nach einem langen, höchst intensiven Wochenende sehen am Sonntag gegen 18 Uhr, nach der zweiten Hälfte des Vier-Stunden-Rennens, nur noch 33 von gestarteten 65 Teams die wild geschwenkte Zielflagge. Ein unbeschreiblich gutes Gefühl, wenn man da zur erfolgreichen Hälfte gehört. Nachzulesen ab 2. Oktober als Erfahrungsbericht in MOTORRAD CLASSIC 6/2008. Doch egal, ob angekommen oder nicht, um Zeit gefahren oder nur zum Spaß, als Legende oder Nobody: Jeder, der von hier nach Hause strebt, hat nur einen Wunsch – Anfang Juli 2009 wieder dabei zu sein bei den Bikers‘ Classics. Wir sehen uns, bei Fritten und Brillanten.

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