BMW-Powercup (Archivversion) VIP, VIP, Hurra

Zu jedem Powercup-Rennen lädt BMW Gaststarter ein. Die können dann als Very Important Pilotes versuchen, mit der K 1200 R im Rahmenprogramm eines Grand Prix um den Kurs zu schaukeln.

Checa hat es getan, Hopkins gleich zweimal, Barros ebenfalls. Und Rossi ist es auch passiert, nach zehn Minuten schon, im freien Training. Auf dem Großbildschirm im klimatisierten Hospitality-Zelt von BMW läuft die Szene in mehrfacher Wiederholung, während die sanfte Stimme von Katie Melua in gedämpfter Lautstärke über die in
corporate identity eingedeckten Biertische hinwegschwebt. Ein paar der Powercup-Fahrer widmen sich samt Anhang gerade dem zweiten Frühstück, als, in einer schnellen Links, Rossi das Vorderrad einklappt und er unsanft auf dem Hosenboden landet.
Mike Funke, MOTORRAD-Schrauber und VIP-Fahrer beim BMW-Markenpokal am Sachsenring, befindet sich also in guter Gesellschaft. Ihm nämlich ist ebenfalls das Vorderrad weggegangen, im Training, nach etwa zehn Minuten. Ihn allerdings hat es
in einer Rechtskurve heruntergezogen, an der langsamsten Stelle des Kurses, im Omega. Kopfschüttelnd hockt er anschließend in der Boxengasse vor seiner Maschine, der von BMW als stärkstem Naked Bike der Welt gepriesenen K 1200 R, im Renntrimm mit anderem Auspuff, anderem Mapping, anderer Bremse, anderen Reifen, sonst aber weitgehend Serie. Ebenfalls Serie: dass es bislang noch jeden VIP-Fahrer erwischt hat, dass bisher jeder Gaststarter die fünfeinhalb Zentner seiner K 1200 R zumindest mit Schotterflechte verziert hat.
Ein paar Lackschäden, mehr ist auch Mikes Motorrad nicht passiert. Trotzdem sitzt er nach dem Training noch nachdenklich sich auf die Lippen beißend vor seinem Transporter im hintersten Winkel des Fahrerlagers. »Genau so einen Platz habe ich gewollt, ab vom Schuss, wo ich meine Ruhe habe.« Mit der Ruhe hat es nicht ganz so hingehauen. Denn nachts wummert vom Campingplatz einen Hügel weiter – Saufgelage, Grölmusik und Stripanimation auf dem für derlei Amüsement schon legendären Ankerberg – der Lärm übers Tal und hielt, wie Mikes Frau Ingrid sagt, sie und ihn nachhaltig vom Schlafen ab. »Frühestens ab vier kriegst du ein Auge zu. Krawall, Krawall die ganze Nacht.«
Tagsüber drückt die Hitze. Allein die Markise zwischen Transporter und Knaus-Wohnanhänger, Aufschrift »Sport and Fun«, wirft vier Quadratmeter Schatten auf den Asphalt. Der Mercedes Sprinter heizt sich trotz Beschattung der Windschutzscheibe mit Pappkartons auf, draußen 38 Grad, drin einige mehr, und auch im Wohnwagen ist es vor allem eins: sauheiß. So heiß, dass es das Wasser aus den Poren drückt.
Wasser, Säfte, Limonade haben Mike und Ingrid kistenweise mit. Wenn Mike sich ein Glas Schorle auf ex in den Rachen schütten will, dann muss er sich dafür nicht extra zum BMW-Zelt be-
geben, um dort freie Getränke abzugreifen. Und er möchte das auch nicht. »Ich bin gern autark, will auf keinen angewiesen sein.« Aus eben diesem Grund hat er alles an Werkzeugen und Teilen
dabei, um sein Motorrad am Rennwochenende auf der Bahn zu halten. Das braucht er auch, wenn er MZ fährt im Supermono-Cup. Beim Powercup braucht er das nicht. Da braucht er vor
allem Geduld. »Das Schlimme ist, du hast den ganzen Tag nichts zu tun, hängst nur rum, wartest, und abends musst du dann plötzlich Gas geben beim Training in der Hitze.« Wobei es ihm weniger schwerfällt, gescheit Gas zu geben, als den ganzen Tag über die Zeit totzuschlagen, ohne was zu schaffen zu haben.
So ist das eben im Powercup, so ist das eben als VIP. Man muss sich um nichts wirklich selbst kümmern, hat sich aber
auch, bitte schön, um nichts selbst zu kümmern. BMW stellt zwei
Mechaniker und das rennfertige Motorrad, und vor dem Training hat der Very Important Pilot in aller Regel nur Gelegenheit, sein Gerät im Stand zu besitzen. Da werden dann harte oder weiche Reifen aufgezogen, die Handhebel den persönlichen Vorlieben entsprechend angepasst und die Dämpfung in etwa aufs Ge-
wicht des Fahrers eingestellt. Der Fahrer selbst indes hat keine Gelegenheit, sich vor dem Training auf die Maschine einzustellen. Und das Training bietet auch nicht mehr als zweimal eine halbe Stunde, um seine VIP-Schaukel kennen zu lernen.

Vor dem Training erkundigt sich Mike, wann er mit dem Motorrad zur Strecke fahren soll. 16.40 Uhr. »Also fährst du«, sagt er zu Ingrid, »um 16. 30 Uhr schon mit dem Roller hoch, nimmst Papierrolle mit und Sidolin.« Außerdem will er Bananen für danach, was zu trinken für zwischendurch und Wasser zum Gesichteinsprühen. »Dann muss noch ein frischer Unteranzug mit, ist das richtig?« fragt Ingrid. »Ja, und die steck’ auch noch ein, falls die anderen nicht funktionieren.« In der Hand hält er ein Paar neue Knieschleifer. Und natürlich darf ein frisches Handtuch nicht fehlen.
Die Aufregung hält sich bei all dem in Grenzen. Erstens ist Mike nicht mehr der Allerjüngste, was, anders ausgedrückt, heißt, er hat eine Menge Erfahrung, übt sich schon seit 31 Jahren im Motorradsport. Zum zweiten, meint er, gehe es hier für ihn ja um nichts. Nicht wie beim Supermono-Cup, wo er sonst startet. Gut, so wirklich gehe es da auch um nichts, doch beim Powercup seien die Erwartungen ganz andere: »Nicht Letzter werden, sitzen bleiben, keinen Schrott produzieren.« Und er kennt die Strecke, mag sie. Weil es, eine Ausnahme, auf dem Sachsenring mehr links als rechts herum geht. Was ihm entgegenkommt, denn er mag Linkskurven lieber. Aber: Er kennt die Maschine nicht, und langsam anfangen kann man vergessen. Dafür ist zu wenig Zeit, und dafür fängt die Konkurrenz – darunter Stéphane Mertens, Christer Lindholm, Rico Penzkofer, Roberto Panichi, Mauro Luchiari, Markus Barth – viel zu schnell an. »Am besten«, sagt Mike, »ich gucke, dass ich an einem dranbleibe und meinen Rhythmus finde.«
Derweil andere Teams mit Handkarren voller Reifen, Werkzeug,
Ständer, Reifenwärmer anrücken und wie ein Tross auf der Flucht die Start-/Zielgerade zur Boxengasse queren, rückt Team Funke mit einer Plastiktüte und einer Umhängetasche an. Noch ein paar
Minuten ein nasses Handtuch in den Nacken, den Schirm über die Schulter, und dann, ohne großes Tamtam, geht es raus auf die Strecke. Wenn Ingrid sich wünscht, ihr Mike möge bitte vorsichtig fahren, denkt sie es sich, sagt es aber nicht.
Wenig später startet die erste fliegende Runde, und nach Altherrenreiterei sieht die Sache absolut nicht aus. 175 PS schieben die Eisen aus der Sachsenkurve, zunächst bergauf, der Motor
jagt gen Nenndrehzahl, zweimal hochschalten und schließlich mit
annähernd 240 km/h hinter die nicht vorhandene Verkleidung geduckt die Zielgerade entlang. Am Bremspunkt zwei dreimal hart runterschalten und rechts weg. Der Monitor in der Boxengasse führt Mike als 15. Mit 1.38,8 Minuten. Auch 40er- und 42er-Zeiten sind nicht selten. Dann – noch 18 Minuten dauert das Training – zeigt der Bildschirm: »Funke in«. Doch »in«, also in der Boxen-
gasse steht er nicht, dort rollt er ein paar Minuten später erst
ein, die Maschine rechts und links verschrammt. Er selbst heil, allerdings bedient, nicht sauer, eher niedergeschlagen, traurig. »Sechs-
mal ging’s glatt, und in der siebten Runde schlägt es mich da einfach hin. Wenn ich nur wüsste, warum.« Bis zum Ende des ersten Trainings hockt er da und grübelt, während die Mechaniker der BMW neue Brems- und Kupplungshebel montieren. Als die K wieder dasteht, kommt der ehemalige Grand-Prix-Fahrer Jürgen Fuchs vorbei, der den Powercup außer Konkurrenz fährt und dabei Entwicklungsarbeit für BMW übernimmt. Seine persönliche Entwicklungsarbeit für Mike besteht darin, das Fahrwerk softer einzustellen: »War ja alles zugedreht.«

Mike hätte den Abend nach dem Abflug wohl am liebsten allein mit Ingrid vorm Wohnwagen verbracht und darüber gebrütet, was ihn vorhin so überraschend aus der Bahn geworfen hat. Aber er geht dann doch ins Gästezelt von BMW, wo man mittlerweile das mehrgängige Menü zum Abend aufgebaut hat. Ingrid: »Ich habe Mike gesagt, dass ich nicht mitkomme, wenn ich das ganze Wochenende zu kochen habe, dass ich nur mitkomme, wenn wir abends auch mal essen gehen und den BMW-Service genießen.« Die geben sich mit ihrem Powercup-Auftritt nicht wenig Mühe:
eigenes Fahrerlager, riesiges, klimatisiertes Zelt. Der Aufwand rechnet sich offenbar, denn damit ist BMW beim Grand Prix dick dabei, ohne selbst beim Grand Prix mitfahren zu müssen. Man
erkauft sich das Umfeld, ohne sich der sportlichen Herausforderung zu stellen – Cleverness eines gut situierten Unternehmens. Das damit wirbt, »den bestdotierten Motorrad-Markencup« zu
veranstalten: »23 renommierte Topfahrer aus 13 Ländern« zeigten
neben ihrem »überragendem Können« auch »bedingungslosen Einsatz«, um vorzuführen, was mit der K 1200 R möglich sei. Rennen zu fahren nämlich, obwohl die Maschine dafür eigentlich gar nicht konzipiert ist. Auf der Rennstrecke ist das Motorrad nicht unkritisch, schon des hohen Gewichts wegen. Alle sagen das, und sie sagen auch, dass das Vorderrad das Problem sei, denn das Duolever, das auf der Landstraße so hervorragend funktioniert, schluckt fast alle Rückmeldungen an den Fahrer. Wobei Mike genau weiß, dass es am Motorrad letztlich nicht liegt. Am Fahrer ebenfalls nicht, sondern daran, dass er als VIP schlicht viel zu wenig Zeit hat, sich an das Motorrad zu gewöhnen. »Man müsste sich halt viel besser auskennen, dann würde das besser gehen.« Doch davon lässt sich Mike den Spaß an der Rennerei nicht verderben, vor zigtausend Zuschauern seine Runden zu drehen.
Bis zum Start am späten Samstagnachmittag hat er den Rutscher vom Vortag so einigermaßen aus dem Kopf. Auf Regen hofft er, dann rechnet er sich bessere Chancen aus, und tatsächlich fallen, als das Feld aus der Einführungsrunde zurückkommt, ein paar Tropfen. Nicht genug für einen Schauer, nicht genug für ein Regenrennen. Dennoch läuft alles so, wie Mike sich das gedacht hat. Vorne enteilen sechs, sieben Spitzenfahrer und hinter einem lang gezogenen Mittelfeld liefert er sich mit einem weiteren Nachzügler einen engen Kampf um den vorletzten Platz. In der siebten Runde hat er den Spanier Diaz gestellt, sieben Runden später muss er aufpassen, dass mit der Spitzengruppe nicht auch sein Konkurrent vorbeizieht. »Da sitzt du drauf, weißt, gleich bist
du dran, und fragst dich, wo steckt der, nicht dass der irgendwie mit durchwitscht.« Ist er nicht.

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