Das deutsche Straßen-WM-Trio 2008 (Archivversion) Drei für Deutschland

Lange standen die Chancen auf deutsche Erfolge in der Straßen-WM nicht mehr so gut wie 2008. Zwei Piloten kämpfen um 125er-Spitzenplätze, ein Nachwuchsmann absolviert sein Lehrjahr.

Noch im Sommer des vergangenen Jahres war Deutsch­land in allen drei Grand-Prix-Kategorien vertreten. Alex Hofmann steuerte eine Ducati in der Königsklasse, Dirk Heidolf stemmte sich als Aprilia-Privatfahrer gegen die Übermacht der Werks­piloten bei den 250ern, und Sandro Cortese ließ mit gelegentlichen Top-Ten-Platzierungen auf einer Kit-Aprilia 125 Talent aufblitzen – er wurde viermal Siebter.
Dann kam der große Exodus. Alex Hofmann, kurz nach Saisonbeginn im Regen von Le Mans noch verheißungsvoller Fünfter, verkrachte sich mit seinem spanischen Teamchef Luis d’Antin und wurde wegen einer Lappalie vorzeitig entlassen. Jetzt hat Deutschland keinen MotoGP-Piloten mehr.
Dirk Heidolf versuchte, vor allem in Hinblick auf die kommende Viertaktformel für die bisherige 250-cm³-Klasse, ein Honda-Team aufzuziehen, konnte aber nicht genug Sponsorgeld auftreiben und hängte den Helm an den Nagel. Also hat Deutschland auch keinen 250er-WM-Piloten mehr.
Den Mangel an ehrenvollen Platzierungen irgendwo in den hinteren Punkte­rängen der Viertelliterklasse dürften jedoch auch Heidolfs sächsische Fans verschmerzen – zumal es dafür bei den 125ern ­hoch hergehen wird. Denn erstmals seit Menschengedenken treten in dieser Kategorie zwei talentierte deutsche Jungstars mit echten Erfolgsaussichten an. Sandro Cortese, im letzten Jahr WM-14., wird von ­seinem Schweizer Emmi-Caffè-Latte-Team mit einer reinrassigen Aprilia-RSA-Werksmaschine ausgerüstet. Stefan Bradl, der 2007 erst mit Gelegenheitseinsätzen als Wild-Card-Pilot, in der zweiten Saisonhälfte dann als offizieller Vertreter des ­spanischen Blusens-Aprilia-Teams im Feld auftauchte, gibt künftig fürs Idar-Obersteiner Team der Brüder Stefan und Jochen Kiefer Gas und hat das gleiche Top-Mate­rial wie Cortese zur Verfügung.
Beide sind 18 Jahre alt. Beide haben enormes Talent. Beide schielen auf die WM-Spitze, an der es nach dem vorläufigen Stand der Winter-Tests nicht nur ­Titelverteidiger Gabor Talmacsi, sondern eine Reihe weiterer Jungstars wie den Spanier Sergio Gadea oder den Briten Bradley Smith zu schlagen gilt. Doch in Wirklichkeit knistert die Luft schon jetzt bei jeder Test- und jeder Trainingsrunde, wie das Duell der beiden wohl ausgehen wird.
Zwischen Bradl und Cortese tobt der Kampf um die Vorherrschaft im deutschen Motorrad-Rennsport, wie einige Zeitungen bereits treffend bemerkten. »Ich schaue wenig auf den Stefan, ich konzentriere mich auf die Spitze des Felds«, sagt Cor­tese genüsslich, weil er bei den jüngsten Tests in Valencia deutlich schneller war als Bradl. Doch natürlich ist dem Schwaben mit italienischer Abstammung klar, welche Bedeutung das deutsch-deutsche Duell haben wird. »Aus deutscher Sicht ist Stefan derjenige, den es zu schlagen gilt. Wer besser ist, hat am Ende die besseren Sponsoren, die bessere Technik, das bessere Umfeld«, denkt Cortese in die Zukunft.
Bradl will das in ihn gesetzte Vertrauen genauso wenig enttäuschen. Bis dato glich die Karriere des Bayern einer abenteuerlichen Achterbahnfahrt. Dem Dreijahres-Vertrag mit KTM folgten ein Beinbruch und ein vorzeitiger Rausschmiss zum Ende der ersten Saison. Noch kürzer war das un­mittelbar darauffolgende Engagement bei Repsol-Honda, weil Bradl die Atmosphäre im von Alberto Puig mit eiserner Faust regier­ten spanischen Nachwuchsteam nicht behagte. Als alle schon ein verlorengegangenes Talent und eine gescheiterte Karriere befürchteten, kam auf Aprilia das große Comeback samt kometenhaftem Aufstieg, mit dem sechsten Platz beim Portugal-GP als vorläufigem Gipfel.
Viel ist dabei dem österreichischen Flüssiggas-Unternehmer Alfred Gangelberger zu verdanken, der Bradls dritten WM-Anlauf als Mäzen unterstützte und mit seiner Firma »Grizzly-Gas« jetzt auch als Hauptsponsor des Kiefer-Teams auftritt. »Ich habe bestes Material und beste Voraussetzungen. Eine solche Chance kommt nicht alle Tage«, ist sich Bradl bewusst. Wie Cortese weicht auch Bradl der Frage nach dem deutsch-deutschen Duell nicht aus. »Wir fahren ungefähr auf dem gleichen Level«, stellt er fest. »Dieses Jahr wird sich herausstellen, wer der Bessere ist.«
Die satte Leistung der Aprilia RSA behagt beiden Piloten. Für die Saison 2007 neu entwickelt, trägt die jüngste Generation des italienischen Renners den Drehschieber nicht mehr direkt vom Kurbelwellenstumpf angetrieben an der Motorseite. Wie bei den membrangesteuerten Konkurrenzmotoren sitzt der Einlass nun hinter dem Zylinder. Das bringt zwar bessere Füllung und damit mehr Durchzug, doch weil Aprilia dem Drehschieberprinzip treu blieb, wurde ein relativ aufwendiger Winkeltrieb notwendig. Technische Defekte gehörten in den Kindertagen der RSA zum Alltag, versinnbildlicht beim Barcelona-Grand-Prix 2007, wo der Italiener Mattia Pasini nach einem Kolbenklemmer und anschließen­dem Sturz in wütender Verzweiflung auf seiner störrischen Aprilia herumtrampelte.
Die Vorteile der neuen Konfiguration im Vergleich zur alten Version mit seitlichem Drehschieber sind für die Fahrer auf Anhieb spürbar. »Beim alten Motorrad setzte die Leistung ruckartig ein, die neue hat viel mehr Punch von unten«, stellt Bradl fest. »Das macht das Beschleunigen einfacher, das Motorrad wirkt am Kurven­ausgang weniger nervös«, sagt Cortese.
Auch das Fahrwerk ist »komplett anders, ähnlich wie bei der 250er«, fiel Cortese auf. Während er auf Anhieb gut damit zurechtkam und deshalb schon vielversprechende Testzeiten erreichte, sucht Bradl noch nach einem verlässlichen Basis-Setup. »Es gibt viel mehr mögliche Einstellungsvarianten als früher, beim Fahrwerk ebenso wie bei der Motorelektronik. Das alte Motorrad war in dieser Beziehung einfacher«, räumt Bradl ein. »Doch wenn sich alles erst einmal eingespielt hat, bekommen wir die Sache sicher in den Griff. Wir sind auf dem richtigen Weg.«
Den sucht derzeit Robin Lässer, der Dritte im Bunde der deutschen 125-cm³­Piloten. 2006 mit 15 Jahren jüngster Deutscher Meister aller Zeiten, wurde der Allgäuer von KTM fallen ­gelas­sen. Lässer musste den geplanten WM-Einstieg verschieben und hängte ein halbherziges Jahr in der IDM an, in dem vieles schief ging und das er auf einer Honda des Kiefer-Junior-Teams als Siebter abschloss.
Nach dieser verlorenen Saison ist Lässer höchst motiviert und baute mit seinem Aprilia-Production-Racer RSW bei den ersten diesjährigen Tests in Jerez prompt drei Stürze. Seither versuchen Vater Matthias und Teamchef Stefan Kiefer, den Enthusiasmus des 17-Jährigen etwas zu dämpfen und hoffen, dass Robin im Schatten des Duells zwischen Bradl und Cortese ohne Druck zu seinem eigenen Rhythmus finden und 2009 ein deutsches 125er-Spitzentrio komplettieren kann.

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