Das Interview (Archivversion)

Michael Schumacher, noch während Ihrer aktiven Formel-1-Zeit antworteten Sie auf die Frage, was Sie wohl nach einem eventuellen Rücktritt tun würden: „Dann habe ich endlich wieder mehr Zeit zum Kart fahren.“ Jetzt fahren Sie Motorrad. Wie kam es zu dem Sinneswandel?
Das ist kein Sinneswandel, ich fahre natürlich immer noch auch sehr viel Kart. Aber nach meinem ersten Kontakt mit der MotoGP-Ducati in Mugello 2005 habe ich den Spaß am Motorradfahren auf der Rennstrecke entdeckt. Dazu kommt, dass ich mich auf dem Motorrad immer noch deutlich verbessern kann. Im Auto kann und muss ich nichts mehr beweisen, da kann ich höchstens allmählich langsamer werden.

Hätten Sie mit dem riesigen Medien-Hype nach Ihren ersten Auftritten auf Motorrad-Rennstrecken gerechnet?
Ursprünglich nein. Obwohl im Nachhinein eigentlich klar ist, dass wir damit hätten rechnen müssen.

Sie fahren derzeit mit verschiedensten Motorrädern auf Rennstrecken: Testfahrten mit MotoGP-Maschinen und WM-Superbikes, Rennen zur Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft IDM, dazu freie Rennen und Renntrainings. Was bringt am meisten Spaß?
Der Spaß ist nicht so sehr abhängig vom jeweiligen Motorrad. Der Spaß entsteht vielmehr beim Ausloten der Grenzen der Maschine und natürlich auch meiner eigenen. Es geht mir darum, als Motorradfahrer auf der Rennstrecke weiterzukommen, besser zu werden, in erster Linie für mich selbst.

Sie werden in der Saison 2009 ernsthaft in die IDM einsteigen, bei HRP-Holzhauer-Honda als Teamkollege des Titelverteidigers Martin Bauer. Damit ist die Hobbyfahrer-Zeit vorbei. Sie sind vielmehr wieder seriöser Leistungssportler. Was bedeutet das für Sie?
Nein, ich sehe mich keinesfalls als Leistungssportler. Ich werde die IDM mit ähnlicher Ernsthaftigkeit bestreiten wie schon im vergangenen Jahr 2008. Das bedeutet, dass ich bei einzelnen Rennen auf Strecken, deren Sicherheit mir unge­nügend erscheint, nicht starten werde. Außerdem ist mir klar, dass ich, wenn ich mit 39 Jahren in den Motorradsport einsteige, nicht mehr Deutscher Meister werden kann. Darum geht es mir nicht, sondern vielmehr darum, für mich selbst die bestmögliche Leistung zu erreichen. Das Ganze bleibt ein Hobby.

Sie haben also keinen Ehrgeiz, den Weg von John Surtees, dem einzigen Motorrad- und Formel-1-Weltmeister der Geschichte, in umgekehrter Richtung zu gehen?
Nein, das geht sicher nicht mehr. Wäre ich fünf oder sechs Jahre jünger, wäre dies ein reizvoller Gedanke, das muss ich zugeben. Aber von heute aus gesehen bleibt einfach nicht mehr die Zeit für eine entsprechende Entwicklung.

Wie kam eigentlich der Kontakt zu Jens Holzhauer zustande, dem HRP-Honda-Teamchef, der die IDM-Meister-Superbikes von Martin Bauer und Ihnen vorbereitet?
Ich hatte nach meinen anfänglichen Aktivitäten bei Renntrainings und freien Rennen Interesse bekommen, als nächsten Schritt etwas ernsthafter mit einem IDM-Superbike zu fahren. Und da ist mir in einer Motorrad-Fachzeitschrift die HRP-Honda aufgefallen. Danach habe ich Jens Holz­hauer ganz einfach angerufen und bin relativ schnell mit ihm zusammen­gekommen.

Gab es da schon die Idee, wieder seriös Rennen zu fahren?
Zunächst wollte ich nur die IDM-Superbike-Honda fahren, um zu erleben, wie ich damit zurechtkomme. Die Arbeit mit dem Team funktionierte von Anfang an sehr gut. Und so entstand mit den besseren Rundenzeiten die Idee, ein IDM-Rennen zu bestreiten.

Sie sind zum einen innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne mit verschiedensten Motorrädern auf erstaunlich gute Rundenzeiten gekommen, zum anderen aber auch öfter mal gestürzt.
Auf der Rennstrecke will man ans Limit gehen. Und um dies zu finden, überschreitet man dieses auch gelegentlich. Mit einem Auto kommt es dann zu einem Dreher, und selbst bei einem Aufprall schützt die Sicherheitszelle. Auf dem Motorrad bedeutet das Überschreiten des Limits meist einen Sturz. Deshalb sind Stürze auf der Rennstrecke einzukalkulieren. Ich habe mir bisher dabei auch noch nicht wehgetan.

Was können Sie von Ihren immensen Erfahrungen aus dem Automobilsport auf das Motorradfahren auf der Rennstrecke übertragen?
Ich weiß, wo die Rennstrecken sind, und ich kenne die Reihenfolge der Kurven. Das Fahren mit dem Motorrad ist völlig anders als mit dem Auto. Da kann man fast nichts übertragen.

Wie unterscheiden sich die Fahrdynamiken tatsächlich zwischen einem Auto und einem Motorrad auf der Rennstrecke?
Der entscheidende Unterschied ist das Bremsen und die Kurvengeschwindigkeit. In einem Formel-1-Auto liegt der Bremspunkt wesentlich später als auf dem Motorrad, und in der Kurve ist man viel schneller. Die Stärke des Motorrads dagegen ist die Beschleunigung. Dazu kommt der Umgang mit der Schräglage, da gibt es im Auto natürlich nichts, was vergleichbar und übertragbar wäre.

Sie erwecken in Ihrer Boxengarage den Eindruck eines ebenso akribischen Arbeiters wie zu ihren Formel-1-Zeiten. Wie schnell haben Sie verstanden, worum es beim Abstimmen eines Motorrads auf der Rennstrecke geht?
Meine Herangehensweise an die Arbeit in der Box ist tatsächlich grundsätzlich unverändert gegenüber früher. Es geht mir darum, mit dem Team zusammen die Maschine möglichst perfekt abzustimmen und dabei alles zu beachten, was wesentlich ist. Da mache ich keinen Unterschied zwischen dem heutigen, spaßorientierten Fahren mit dem Motorrad und der Formel-1-Zeit früher. Denn der Spaß stellt sich erst ein, wenn das Material bestmöglich abgestimmt ist. Und Im Holzhauer-Team habe ich Leute gefunden, mit denen diese Arbeit hervorragend funktioniert.

Haben Sie einen Überblick, wieviel Zeit Sie im Jahr 2008 auf Rennmotorrädern verbracht haben?
Nein, darauf habe ich nicht geachtet. Ich bin tatsächlich ziemlich viel gefahren, neben den IDM-Rennen auch freie Rennen oder Testfahrten mit MotoGP- oder Superbike-WM-Maschinen.

Was motiviert Sie als Motorradfahrer auf der Rennstrecke? Die Verbesserung Ihrer persönlichen besten Rundenzeiten? Zum Beispiel sind Sie in Oschersleben innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne um rund zwei Sekunden schneller geworden. Oder einfach nur das Fahren?
Oschersleben ist eine Rennstrecke, die ich als Motorradfahrer mit am besten kenne, wo ich inzwischen viele Runden gefahren bin, daher die deutliche Steigerung dort. Meine Motivation ist es, mich mit dem Motorrad auf der Rennstrecke zu verbessern. Dabei geht es mir weniger um absolute Werte wie Spitzenplatzierungen in den Rennen, da werde ich sicher im Motorradsport nicht mehr hinkommen. Das Entscheidende für mich ist meine eigene Entwicklung. Denn mit dem besseren Beherrschen der Maschine auf der Rennstrecke kommt erst der richtige Spaß.

Was würden Sie sagen, sind Ihre Ups und Downs aus der Motorrad-Rennsaison 2008?
Da fallen mir keine ein. Darüber mache ich mir keine Gedanken.

Sie konnten auch schon das neue BMW-S-1000-RR-Superbike testen. Wie gefällt Ihnen diese Maschine, könnte das eine Option für die IDM sein?
Die BMW ist ein interessantes Motorrad und wird sicher ein konkurrenz­fähiges Superbike werden. Aber für mich kommt sie als IDM-Rennmotorrad nicht in Frage. Zu den IDM-Rennen werde ich ausschließlich mit dem HRP-Holzhauer-Honda-Team antreten. Etwas anderes stand auch nicht zur Debatte.

Zum Schluss eine vielleicht etwas provokante Frage: Wenn Sie als Kind nicht mit der Kartbahn in Kerpen in Kontakt gekommen wären, sondern vielleicht mit einer Motocross-Piste, hätte Valentino Rossi dann vielleicht den einen oder anderen seiner acht WM-Titel nicht gewonnen?
Provokante Frage – provokante Antwort: mit Sicherheit.

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