Der Werdegang von Superbike-Weltmeister James Toseland (Archivversion) Pianoforte

James Toseland ist zum zweiten Mal nach 2004 Superbike-Weltmeister. Allerdings hat der Engländer, nicht nur ein brillanter Rennfahrer, sondern auch ein hervorragender Pianospieler, seither viel geändert, insbesondere seine Auftritte auf der Piste.

Colin Edwards platzte der Kragen, damals Ende August 1998 auf dem A1-Ring in Österreich. In der Pressekonferenz des Castrol-Honda-Werksteams in der Superbike- und Supersport-WM am Samstagabend vor dem Rennen fielen die britischen Journalisten über James Toseland her. Denn die neue große Hoffnung des Rennsport-Empires hatte als 26. des Super-sport-Startfelds doch ziemlich enttäuscht. »Jetzt hört endlich auf«, polterte der Texas Tornado los, »der Junge ist gerade mal siebzehn. Lasst ihn in Ruhe. Der wird seinen Weg schon machen.«
Knapp zehn Jahre später treffen sich Edwards und Toseland wieder. Beide sind oder waren zwischenzeitlich zweimal Superbike-Weltmeister, Edwards 2000 und 2002, Toseland 2004 und 2007. Und beide fahren 2008 zusammen im französischen MotoGP-Yamaha-Semi-Werksteam Tech3. Erscheint dies für den inzwischen 33-jährigen Edwards nach drei Jahren als Yamaha-Werksfahrer eher wie Vorruhe-stand, zeigt Toselands Karriereweg mit dem Einstieg in die Top-Liga weiter nach oben, wenn auch nicht ununterbrochen seit jenem österreichischen Sommer ’98.
Vor allem jedoch hat sich James Toseland inzwischen ganz gewaltig weiterent-wickelt, nämlich vom zweifellos hochtalentierten, aber auch sehr sensiblen Rennsoftie zu einem der härtesten und kompromiss-losesten Fighter überhaupt.
Wie es zu diesem Wandel kam, erklärt seine Laufbahn. »Bis ins Schulkindalter gab es keinen Kontakt zu Motorrädern in unserer Familie. Ich hatte seit früher Kindheit Klavierunterricht und durchaus auch Spaß an der Musik«, erinnert sich Toseland, »erst einige Zeit nach der Scheidung meiner Eltern brachte der neue Freund meiner Mutter (Foto rechts, Red.) mich in Kontakt zum Motorradfahren.«
Danach ging alles recht zügig. Klein-James startete mit acht im Kinder-Trial, stieg mit 13 in den Straßenrennsport ein, zeigte ähnlich wie am Piano hohe Be-gabung und saß als 17-Jähriger auf einer Werks-Honda-CBR-600 in der Supersport-WM. Abgesehen von jenem kleinen Frust in Österreich vielleicht schien dem Jüngling weiterhin alles zuzufliegen. Mit einer einzigartigen Mischung aus Talent und Glück ging Toseland seinen Weg, bis hin zum Superbike-WM-Titel 2004. Den holte er, inzwischen Ducati-Werksfahrer, hauptsächlich aufgrund seiner Konstanz, während sein damaliger Teamkollege Régis Laconi ebenso wie Yamahas ewiger Superheld Noriyuki Haga zwar beide wesentlich mehr Rennen als Toseland gewinnen konnten, aber auch des Öfteren zu Boden mussten.
Toseland war Weltmeister und sehr glücklich, dass, wie er in respektvoller Anspielung auf seine Vorgänger und Landsleute Carl Fogarty und Neil Hodgson stolz verkündete, »der Superbike-Weltmeister-Titel wieder da ist, wo er hin gehört, nämlich zu Hause in England«. Allerdings klebte weiterhin das Image des feinsinnigen Pianoplayers an ihm, der sich irgendwie in die harte Rennsportwelt verirrt hatte, wo er eigentlich so gar nichts verloren hatte.
Auf besonders unangenehme Weise verfolgte ihn dieser Fluch während der WM-Saison 2005, die ihn mit der Startnummer eins des Weltmeisters von Beginn an völlig chancenlos auf die Titelverteidigung erlebte. Mit nur einem einzigen Laufsieg in insgesamt 24 Einzelrennnen beim Heimspiel in Sliverstone war er am Ende ab-geschlagener WM-Vierter – und seinen Job als Ducati-Werksfahrer los.
Dieser Tiefschlag sorgte für den Wendepunkt in James Toselands Karriere. Das niederländische Ten-Kate-Honda-Team gab dem gefallenen Helden trotz größter Bedenken sämtlicher sogenannter Fachleute eine Chance als Nachfolger des in die MotoGP-WM aufgestiegenen Vizeweltmeisters Chris Vermeulen. »Und ich wusste ziemlich schnell, was nun zu tun war«, kann der Doppelweltmeister heute darüber grinsen, »die Zeiten des Jungtalents waren endgültig vorbei.«
Tatsächlich erlebt die Superbike-Welt seit 2006 den neuen James Toseland, der vor Kampfgeist und Zweikampfstärke nur so strotzt und in dieser Saison sogar nochmals zulegte. Bekannte Kämpfernaturen wie Troy Bayliss und Troy Corser, beide immerhin ebenfalls zweimal Superbike-Weltmeister, oder Noriyuki Haga mussten seither völlig neue Erfahrungen mit Toseland auf der Strecke machen. Und James holte, speziell mit einer dominanten ersten Saisonhälfte, den Superbike-WM-Titel 2007 wieder »zurück nach Hause«.
Mit einem derart erstarkten Toseland steht fest: Colin Edwards wird den MotoGP-Neuling nächstes Jahr sicher nicht mehr beschützend bei der Hand nehmen müssen wie damals 1998.

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