Die Deutschen im Grand-Prix-Sport (Archivversion) Kamera läuft

Bald flimmern die deutschen WM-Piloten via RTL über die Bildschirme. MOTORRAD stellt die sechs Protagonisten vor, und unser GP-Experte Jürgen Fuchs verrät, was er von ihnen erwartet.

Die neue Grand-Prix-Saison, die am 18. April im südafrikanischen Welkom beginnt, wird für die deutschen Piloten eine ganz besondere. Der Privatsender RTL hat bei der Suche nach neuen, telegenen Sportevents ein Auge auf die Schräglagenkünstler geworfen und wird die spannende GP-Show ab dieser Saison übertragen. Das bietet den Fahrern die Möglichkeit, sich und ihren Sport über den harten
Kern der Insider-Fans hinaus einem breiten
Publikum zu präsentieren – eine Chance, auf die der Rennzirkus hier zu Lande lange gewartet hat.
Im nationalen Fokus der Kölner Fernsehmacher werden in erster Linie natürlich die Speerspitzen des deutschen WM-Sextetts stehen: zum einen Alex Hofmann, der deutsche Vertreter in der MotoGP-Königsklasse, zum andern Steve Jenkner, der zum Kreis der 125er-Titelkandidaten zählt. Aber auch auf die 125er-Nachwuchskräfte Georg Fröhlich und Dario Giuseppetti
sowie die 250er-Fahrer Christian Gemmel und Dirk Heidolf werden sich die Kameras und Mikrofone von RTL richten.
Derzeit laufen die Vorbereitungen auf den Showdown in Südafrika auf Hochtouren. Unterschiedlicher als bei Jenkner und Hofmann hätte die lange Winterpause kaum ausfallen können. Der 125er-Star
ist seit dem WM-Finale Anfang November keinen Meter mit dem Motorrad gefahren. Wegen sibirischer Kälte und viel Schnee
in der sächsischen Heimat waren nicht
einmal Trainingsfahrten mit der Enduro drin, und ein geplanter Test in Mugello fiel ebenfalls winterlichen Bedingungen zum Opfer. Erst bei den derzeit laufenden Tests in Catalunya und Jerez stieg Jenkner
wieder in den Rennsattel. Alex Hofmann hat dagegen vor seiner ersten kompletten MotoGP-Saison fleißig geprobt und sich über den Winter in Malaysia und Australien mit der Werks-Kawasaki angefreundet, für die ein komplett neues Chassis entwickelt wurde. Sein Fazit: »Das neue Bike fühlt sich sehr kompakt, kraftvoll und leicht
an, und man merkt nach den ersten Tests, dass noch einiges kommen kann. Wir
haben das Potenzial vielleicht gerade mal zu 70 Prozent ausgeschöpft.«
Das lässt den 23-Jährigen hoffen, steht er doch vor einer riesigen Herausforderung. Hofmann weiß, dass er sich für den Moto-
GP-Einstieg ein denkbar schweres Jahr ausgesucht hat. Auf dem Weg in die Top Ten muss Kawasaki – Hofmanns Teamkollege ist der Japaner Shinya Nakano –
in die geballte Armada von Ducati, Honda und Yamaha eindringen, die zusammen ein gutes Dutzend Werksrenner an den Start schicken. »Unser Ziel muss es trotzdem sein, permanent zu punkten und einfach den Anschluss zu finden, erst mal an Yamaha, weil die mit dem Reihenvierzylinder dasselbe technische Konzept haben«, lautet Hofmanns Marschrichtung.
Steve Jenkner wird es bei den 125ern weniger mit gewaltiger Hightech-Power als mit den jungen Wilden der GP-Einsteigerklasse zu tun bekommen. Die sind zehn Jahre jünger als der 27 Lenze zählende Sachse, aber längst nicht so erfahren. Mit dem Selbstbewusstsein eines GP-Siegers verkündet Jenkner daher sein Saisonziel: »Ich will Rennen gewinnen und um den
Titel mitkämpfen.« Die Voraussetzungen dazu sind ähnlich wie im Vorjahr: Jenkner fährt eine weiter verbesserte Werks-Aprilia für das italienische Team von Fiorenzo
Caponera.
Georg Fröhlich, mit 16 Jahren der jüngste deutsche Grand-Prix-Starter, verkörpert die Idee von ADAC und Honda, junge Talente zu generieren und sie über den 125er-Markencup und die 125er-IDM so schnell wie möglich in die WM zu bringen. Der schmächtige Sachse hat die genannten Schritte innerhalb von zwei Jahren mit Bravour bewältigt und wäre 2003 sogar um ein Haar IDM-Champion geworden. Nun darf er mit einer Wild Card alle zehn europäischen WM-Läufe bestreiten.
Dabei wird der Youngster auch auf Dario Giuseppetti treffen, mit dem er sich im vergangenen Jahr einen spannenden Fight um den IDM-Titel geliefert hatte.
Giuseppetti, 19 Jahre alt und Sohn eines
in Berlin ansässigen italienischen Kaffeegroßhändlers, hat einen Zwei-Jahres-
Vertrag beim Schweizer Elit-Honda-Team unterschrieben. Sein Teamkollege dort ist zwar fast zwei Jahre jünger, aber an
Thomas Lüthi kann sich Giuseppetti dennoch orientieren: Der Schweizer trumpfte schon 2003 in der WM mächtig auf und verbuchte als Highlight einen zweiten Platz in Catalunya.
Einen guten Einstand in die 250er-WM hat im vergangenen Jahr Christian Gemmel geschafft. Nun will sich der 23-Jährige
aus Idar-Oberstein nach oben orientieren: »Regelmäßige Platzierungen zwischen den Rängen acht und zwölf sind mein Ziel.« Um das zu erreichen, wird er sich ganz auf
seinen Job als Rennprofi konzentrieren und nicht mehr als Mechaniker im Motorradladen seiner Teamchefs Jochen und Stefan Kiefer arbeiten. Zusammen mit Ex-Rennfahrer Jürgen Lingg haben die Kiefers ihrem Schützling eine mit Motorkit und Spezialrahmen veredelte Honda präpariert.
Während Christian Gemmel weiter auf die bewährte Struktur des Kiefer-Castrol-Honda-Teams vertraut, legt der bisher glücklose Dirk Heidolf zu Beginn seiner dritten 250er-WM-Saison alle Hoffnungen in den Wechsel ins spanische Team Aspar Race Competition des Ex-Weltmeisters Jorge Martinez. 2002 und 2003 war der Sachse im Aprilia-Germany-Team angetreten und nennt das vergangene Jahr
seine bislang »schwärzeste Saison«. Bei einem Sturz in Le Mans hatte er sich den Handwurzelknochen gebrochen und kurz darauf in Mugello vom überraschenden Tod seines Vaters erfahren. Nachdem er 2003 bei insgesamt sieben Rennen nicht gestartet oder ausgefallen war, landete er nur auf dem 21. WM-Platz. Im Junior-Team von Aspar tritt Heidolf neben dem 21 Jahre alten Spanier Hector Faubel an. Beide starten auf Production Racern und haben allen Grund, kräftig am Kabel zu ziehen: Ab Gesamträngen von zehn oder besser sollen sie die Chance auf ein Werksmotorrad für 2005 bekommen.

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