Die Deutschen in der Motorrad-Straßen-WM 2007 (Archivversion) Tops und Flops

Vier deutsche GP-Fahrer hätten dieses Jahr an den Start gehen sollen – doch mit Stefan Bradl strich der aussichtsreichste Kandidat vorzeitig die Segel. Dafür lässt MotoGP-Pilot Alex Hofmann aufhorchen.

Eines der vielversprechendsten deutschen Fahrertalente hat sich kurz
vor Saisonbeginn 2007 aus der Grand-Prix-Szene verabschiedet. Der 17-jährige Stefan Bradl, Sohn des ehemaligen bayerischen 250-cm3-Vizeweltmeisters Helmut Bradl, warf im spanischen Repsol-Honda-125-Werksteam das Handtuch – zur Enttäuschung aller Fans und zum Entsetzen seiner deutschen Techniker Sepp Schlögl und Klaus Beinhofer, die seine Maschine bereits akribisch vorbereitet hatten.
In den Münchener Gazetten war daraufhin viel Schlechtes über das Nachwuchs-System von Repsol-Honda-Teamdirektor Alberto Puig zu lesen. Das Blume-Trainingszentrum im spanischen Barcelona, in dem der schmächtige Stefan Bradl über sieben Wochen hinweg die nötige Fitness hätte aufbauen sollen, wurde in den Artikeln und Interviews mit Vater Helmut beinahe schon mit einem sibirischen Straflager gleichgesetzt. Adi Stadler, Betreuer der Honda-Zweitaktteams und einer der wichtigsten Drahtzieher des Bradl-Engagements, kann das nicht bestätigen: »Ich habe mir die Unterkünfte angeschaut. Sie haben blitzsaubere Etagenduschen und sind einwandfrei.«
Auch dass Puigs Nachwuchssystem »keine Rennfahrer, sondern seelenlose Rennfahrermaschinen« erzeuge, wie Helmut Bradl
in der »AZ« zitiert wurde, kann kaum so
stehen bleiben. Als Stefan Bradl nach dem Fitness-Test weiterhin im Trainingslager des Blume-Zentrums in Barcelona bleiben sollte, bog er kurzerhand nach Bayern ab und wollte zum ersten Mal aufgeben. Nach mehrtägiger Bedenkzeit änderte er seine Meinung jedoch und wurde daraufhin von Puig und dem für das Tagesgeschäft zuständigen Teammanager Raul Jara gnädig wieder aufgenommen.
Blieb das Problem, dass Puig keine Rennfahrer-Väter im Trainings- und Rennbetrieb duldete und auch Helmut Bradl nicht in der Honda-Box sehen wollte. »Wir arbeiten mit den Söhnen, nicht mit den
Vätern«, brachte es Raul Jara auf den Punkt. »Stefan braucht eine Vertrauensperson«, versuchte Helmut Bradl dagegen zu argumen-
tieren – vergeblich. Weil meinungsstarke Papas, die sich in bester Absicht als Berater und Betreuer einbringen wollen, immer wieder Konflikte auslösen.
Das war bei spanischen Stars wie Toni
Elias und Jorge Lorenzo so, und es ist bei den bayerischen Bradls nicht anders. So waren die drei Jahre, die Bradl Junior bei KTM verbrachte, von unnötigen Streitereien zwischen Bradl
Senior und Techniker Konrad Hefele geprägt. Als Hefele für 2007 zum Chef des KTM-125er-GP-Juniorteams aufrückte und Helmut Bradl die Zusammenarbeit mit ihm
ablehnte, war Stefans Schicksal besiegelt – er wurde zum Saisonende entlassen.
Dass nach dem KTM-Vertrag auch die Chance mit Repsol-Honda in den Sand gesetzt wurde, hing abermals mit dem
engen Verhältnis von Vater und Sohn zusammen. Angesichts des Boxenverbots
für seinen Papa, der zu den Testfahrten
in Valencia angereist war, entschied sich
Stefan trotz achtbarer Rundenzeiten, zum zweiten Testtag nicht mehr anzutreten.
Alberto Puig wundert sich: »Er hat eine Riesenmöglichkeit vergeben. Es hat mich überrascht, dass ein 17-Jähriger vor Heimweh zu weinen anfängt. Wer wirklich Rennfahrer werden will, reist für eine solche Chance doch dreimal um die Welt.«
Bradls frühes Karriereende mag besonders peinlich gewesen sein, doch ein Einzelfall war es nicht – eine ganze Reihe anderer talentierter Deutscher von Reinhard Stolz über Georg Fröhlich und Dario Giuseppetti bis hin zu Steve Jenkner ist über die letzten Jahre hinweg vorzeitig aus dem GP-Sport verschwunden. Dirk Heidolf, 250-cm3-Pilot im deutschen Kiefer-Team, hat dafür eine Erklärung parat: »Sowie Kampfgeist gefragt war, haben sie das Handtuch geschmissen. Denen fehlt die Leidenschaft. Und der Bezug zum Geld. Denn wer 50000 Euro selbst aufgetrieben hat, um überhaupt fahren zu können, gibt nicht so schnell auf.«
Als der mittlerweile 30-jährige Heidolf so alt war wie Bradl, wurde er tatsächlich kaserniert. Sein erster Sponsor im ADAC-Junior-Cup hatte einen Polizei-Gefängnisbus gekauft und mit geringstmöglichem Aufwand in einen Renntransporter verwandelt. »Wenn’s mal nicht so lief, hat der uns schon mal über Nacht im Bus eingesperrt. Seinen Sohn, der ebenfalls Junior-Cup fuhr, hat er mit einem Stasi-Knüppel verdroschen«, grinst Heidolf heute. Der sächsische Privatfahrer dürfte vom Talent her vielleicht kein WM-Favorit sein, verdient aber Respekt dafür, dass er nie aufgibt und es immer wieder schafft, das nötige Geld zum Fahren zu sammeln.
Dass Beharrlichkeit und ein gesunder Glaube an sich selbst zum Erfolg führen können, zeigt auch das Beispiel von Alex Hofmann. Weil Ducati-Stammfahrer Sete Gibernau verletzt ausgefallen war, hatte
er im vergangenen Jahr als Ersatzmann drei Chancen auf Achtungserfolge mit der Marlboro-Werks-Ducati – er nutzte keine. Luis d’Antin, sein Teamchef bei Pramac-Ducati, schmunzelte nur: »Alex ist immerhin der Fahrer mit der am besten sortierten Bibliothek an Entschuldigungen, den ich je kennengelernt habe.«
2007 aber, wieder im Pramac-Team, mit einer aktuellen 800er-Ducati Desmosedici GP7 und konkurrenzfähigen Bridgestone-Reifen versorgt, läuft Hofmann zu ungeahnter Form auf und fährt schon mal, wie bei den Tests in Qatar, schneller als Ducati-Topstar Loris Capirossi. »Letztes Jahr bin ich bei den Vorsaisontests immer wieder auf die Schnauze gefallen, weil
die Reifen einfach nicht funktionierten – das hat am Zutrauen genagt«, denkt Alex an die Saison auf Dunlop-Reifen zurück. Jetzt hat er wieder Selbstvertrauen. »Ich weiß, dass der Tag kommen wird, an dem auch bei mir alles zusammenpasst. Dann werden die Zuschauer in Deutschland mit den Ohren schlackern.«
Das hinzukriegen, wünscht sich auch Sandro Cortese, im Schweizer Emmi-
Caffè-Latte-Team Nachwuchspilot auf einer
Aprilia 125 mit Werks-Kit. Während Teamkollege Tom Lüthi mit seiner neuen 250er-Werksmaschine auf Anhieb »so viel Spaß am Fahren hatte wie noch nie«, mussten
an Corteses 125er erst Kinderkrankheiten ausgemerzt werden. Als die Aprilia am verregneten zweiten Testtag endlich lief, kam der kleine Schwabe dafür immer besser in Schwung und wurde Fünfter.

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