Die Neuen: Aprilia RSV4 Factory und BMW S 1000 RR (Archivversion) SBK: Das neue Europa

Insgesamt 13 der bislang 21 Superbike-WM-Titel seit den Anfängen 1988 blieben im alten Europa, genauer gesagt im Bologneser Stadtteil Borgo Panigale bei Ducati. Ab diesem Jahr wollen mit Aprilia und BMW gleich zwei neue Angreifer frischen europäischen Wind in die Superbike-Welt bringen.

Die Superbike-Weltmeisterschaft entwickelte sich seit Marco Lucchinellis heldenhaftem Sieg mit der nur scheinbar unterlegenen Ducati 851 bei ihrer Premiere Ostern 1988 im mittelenglischen Donington Park recht zügig zum klassischen Wettstreit Europa gegen Japan. Die zwölf Sterne der Europa-Flagge wurden allerdings so gut wie ausschließlich vom italienischen Mittelstandsbetrieb Ducati zum Glänzen gebracht. Nur gelegentlich sorgten andere Hersteller des alten Kontinents für nicht mehr als glühwürmchenhaftes Aufscheinen.

Das soll sich jetzt, ab der 22. Superbike-WM-Saison grundlegend ändern. Mit Aprilia und BMW greifen gleich zwei renommierte europäische Motorradhersteller mit Macht an und stellen sich damit dem Kampf mit Ducati und den japanischen Motorradgiganten Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha.

Im Gegensatz zum Alpha-Racing-BMW-Superbike-Werksteam betritt Aprilia Racing nicht komplettes Neuland. Denn die Veneter waren in den Jahren 1999 bis 2002 schon einmal in der Superbike-WM aktiv und schafften 2000 und 2001 mit ihrem RSV-Zweizylinder mille SP immerhin acht Rennsiege, die bisher einzigen einer europäischen Marke, die nicht Ducati heißt.

Außer der variablen Einbaulage des Motors im Rahmen hat die heutige RSV4 Factory mit dem damaligen Superbike jedoch nur noch den Markennamen gemein. Beim zweiten Anlauf auf den Superbike-WM-Titel setzt die Führung von Aprilia Racing um Rennsport-Direktor Giampiero Sacchi und Chefingenieur Gigi dall‘Igna, die mit zahlreichen 125er- und 250er-Weltmeister-Titeln Erfolg gewohnt sind, wie die Japaner auf einen 1000-cm?-Vierzylinder-Motor statt eines Twins mit maximal erlaubten 1200 cm?.
Dennoch unterscheidet sich der Italo-Vierer als 65-Grad-V grundlegend von der japanischen Reihenware. Mit der unregelmäßigen Big-Bang-Zündfolge sowie variablen Ansaugkanallängen produziert der Aprilia-Motor für Vierzylinder-Verhältnisse überdurchschnittliche Leistung schon bei vergleichsweise niedrigen Drehzahlen. Dazu kommt eine sehr komplexe Magneti-Marelli-Elektronik mit Ride-by-wire-System, elektronisch angesteuerten Drosselklappen sowie den gängigen Feinheiten Traktionskontrolle, Anti-Wheelie-Programm und variabler Motorbremswirkung. Vervollständigt wird das in den ersten Rennen der Saison überraschend starke Aprilia-Superbike-Gesamtkunstwerk – Nummer-eins-Fahrer Max Biaggi lag mit dem brandneuen Motorrad vor dem Rennen im spanischen Valencia, das nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe stattfand, auf Tabellenplatz vier – von einem extrem kompakten und daher sehr handlichen Fahrwerk. „Aprilia ist momentan einige Schritte weiter als BMW“, urteilt Ex-Rennfahrer Mario Rubatto, heute persönlicher Betreuer des deutschen Superhelden Max Neukirchner, der auf seiner Werks-Suzuki derzeit vor Biaggi WM-Dritter ist, „das Motorrad ist von der Grundskonstruktion deutlich radikaler.“

Diese Einschätzung wertet das BMW-S-1000-RR-Projekt keineswegs ab. Denn auch die Premierenauftritte der Bayern konnten sich sehen lassen. Altmeister Troy Corser beweist einmal mehr seine Fähigkeiten als Rennmaschinen-Entwickler und bringt den Reihenvierzylinder mit konventioneller, also gleichmäßiger Zündfolge regelmäßig in die Top Ten.

Doch wenn wir dem BMW-Superbike-WM-Auftakt durchaus die Schulnote 2- zugestehen würden, hätte Aprilia in einem solchen, zugegeben sehr frühen Zwischenzeugnis eine 2+ verdient. Was für BMW-Werksfahrer Troy Corser kein Grund zur Beunruhigung ist: „Wir mussten in allen Bereichen – Motor, Fahrwerk, Reifenauswahl, Teamorganisation – bei null beginnen. Dafür sind wir schon ziemlich gut dabei. Und der Motor ist bärenstark, was die entscheidende Basis für ein erfolgreiches Projekt ist. Das Fahrwerk werden wir bald auf einem mit den Spitzenteams konkurrenzfähigen Niveau haben.“
Tatsächlich dürfte derzeit das BMW-Lastenheft noch um einiges dicker ausfallen als die To-do-Liste von Aprilia. Dennoch scheint der Anspruch der Bayern, den Troy Corser als Einziger klar und deutlich zu formulieren bereit ist, nämlich regelmäßig unter die ersten Fünf zu fahren, im Laufe der WM-Saison durchaus realistisch. Und dann strahlt einer der zwölf Euro-Sterne garantiert in Weißblau.

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