Ducati-MotoGP-Meisterfeier in Bologna (Archivversion) Rote Stadt

Zu Ehren von Ducati stürzte sich Bologna am ersten Advent in einen roten Rausch.

Der Refrain holpert ein wenig, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. »Chi non salta giapponese è«, grölt die Menge zu einer Melodie von den White Stripes, zu deutsch ungefähr: »Wer heute nicht vor Freude hochspringt, der muss Japaner sein.« Angeheizt vom italienischen TV-Moderator Jerry Scotti auf der Bühne, hüpft das rot gekleidete Volk ausgelassen auf und ab. Zum einen, weil die Bologneser wirklich fast platzen vor Stolz auf den WM-Titel in der Königs­klasse, den Ducati in ihre Heimat geholt hat. Zum anderen, weil die Temperaturen in der nebligen Hauptstadt der Emilia Romagna an diesem Dezembernachmittag bei fünf Grad liegen; ein bisschen Bewegung tut da allemal gut.
Rund 30000 Fans drängen sich auf der Piazza Maggiore im Herzen Bolognas, Ducati hat hierher zur Meisterfeier geladen. Passenderweise wirkt die ganze Innenstadt wie ein Meer in Rot. »La Rossa«, die Rote – diesen Beinamen trägt die Stadt seit langem, allerdings nicht zu Ehren Ducatis, sondern aus historischen Gründen. Einer davon sind ihre typischen roten Ziegeldächer, der andere, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang von den Kommunisten regiert wurde und dabei auch noch, zum Unmut sämtlicher christdemokratischer Regierungen in Rom, zur reichsten Stadt im ganzen Land avancierte. Heute herrscht im Rathaus eine eher sozialdemokratische Partei, doch die rote Farbe ist geblieben, schlägt sich nieder in Flaggen, Fenster­läden und Vorhängen auf der gan­-zen Piazza. Die knallroten Ducati-Fahnen, die nun dazu im kalten Nordwind flattern, wirken wie eine harmonische Ergänzung.
Tausende von Party-Gästen belagern derweil die Bühne und den WM-Truck vor dem Rathaus, bestaunen die Desmosedici, applaudieren dem Grand-Prix-Team und bejubeln sämtliche Piloten des Hauses, vom Testfahrer Vittoriano Guareschi über Europameisterin Nina Prinz und Superbike-Matador Troy Bayliss bis hin zum Lokalhelden Loris Capirossi, der sich nach fünf Jahren bei Ducati hier von seinen Anhängern verabschiedet. Und der mit so ohrenbetäubendem Lärm gefeiert wird, als hätte er die WM gewonnen. Weltmeister Casey Stoner selbst fehlt, weil er sich bei Testfahrten in Jerez an der Schulter verletzt hat, schickt aber eine Videobotschaft aus Austra­lien, die per Riesenleinwand über die ganze Piazza ausgestrahlt wird. Stille senkt sich über den Platz, während Stoner seine Abwesenheit bedauert und um Verständnis bittet, denn schließlich wolle er den Erfolg im nächsten Jahr wiederholen, weshalb seine schnelle Genesung im Interesse aller sei. Jubel brandet auf, die Botschaft kommt an. »Das ist noch bewegender, als wenn er tatsächlich hier wäre«, meint beispielsweise die 19-jährige Elisa, schier zu Tränen gerührt. Wie man erfolgreich und emotional mit den Fans kommuniziert und dabei sogar Negatives wie Stoners Fehlen positiv verpackt, das macht Ducati so schnell keiner nach.
Ebenso wenig die Feierlichkeiten, denn der Jubel reißt eine ganze Stadt mit. Selbst Passanten, die an diesem verkaufsoffenen Sonntag Weihnachts­einkäufe erledigen, lassen sich anstecken und bleiben auf der Piazza, lauschen gebannt dem heiseren Kreischen der siegreichen Desmosedici, die Testfahrer Guareschi mit Verve auf die Bühne steuert. Einige stimmen plötzlich sogar in das Gejohle ein, wie ein elegant geklei­deter Herr jenseits der 70. Einer seiner Vorfahren, erzählt er, selbst noch bass erstaunt über seine lautstarke Begeisterung, habe in den 1920er Jahren die Motorradmarke MM gegründet, daher fühle er sich Zweirädern überaus verbunden und feiere jetzt spontan mit. Einen familiären Bezug zu Motorrädern dürften auch viele andere im Publikum haben, galt und ­gilt die Stadt doch als Zentrum des italienischen Motorradbaus. Über 100 Marken wurden hier ge­gründet, und wenn auch die meisten ein schnelles Ende fanden, hielten sich Hersteller und Zulieferer dennoch in größerer Zahl als anderswo in Italien: In und um Bologna sitzen neben Ducati die Marken Moto Morini und Malaguti, der Motorenbauer Minarelli sowie namhafte Zulieferer wie Weber, Verlicchi, Marzocchi und Paioli.
Bürgermeister Sergio Cofferati bringt die Gefühle der Menge schließlich auf den Punkt: »Ducati hat uns mit diesem Sieg in der Welt berühmt gemacht, wir sind ungemein stolz auf das Team und auf das gesamte Werk.« Mit knapp 400000 Einwohnern ist Bologna nämlich nur eine mä­ßig be­deutende Provinzhauptstadt in Italien, den Tou­-ris­mus schnappen ihr berühmte Nachbarn wie Florenz, Venedig oder Ravenna weg – wer redet schon von Bologna? In diesem Jahr dank Ducati die ganze Welt. Und dafür ist die rote Stadt der roten Marke mehr als dankbar.

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