Ducati-Superbike-Doppelsitzer (Archivversion) Hinten drauf

Drauf sein wie James Toseland, wie Troy Corser, wie Noriyuki Haga, drauf sein wie die Stars der Szene. Freilich nur hinten, aber trotzdem voll drauf: vier Runden auf einem Ducati-Superbike.

Drei Sekunden, zwei, nur eine noch. Nicht mal mehr die. Aber er wartet, bleibt ruhig, bleibt klein hinter die Ver-
kleidung geduckt, bleibt ohne Zucken am Gas. Wann denn? Wann, wenn nicht jetzt? Warten – warten – warten. Jetzt!
Erst als das 150-Meter-Schild mit über 260 Sachen rechts vorbeischießt, hebt er den Kopf und: bremst. 100 Meter. Und die scharfe Links am Ende von Start/Ziel fliegt mit Tempo 200 heran. 50 Meter. Immer noch zu schnell, zu schnell, viel zu schnell! Nicht zu schnell. Denn hier erst kommt die Bremse wirklich, kommt energisch, beißt hart, so hart, dass die Kraft der Arme allein nicht mehr reicht, sich gegen das eigene Gewicht zu stemmen, dass die Muskeln bis tief in Rumpf und Beine sich spannen müssen, um den Körper auf seinen Platz zu drücken, ihn zu halten, hinten drauf
zu halten. Damit er abtauchen kann, tief in Schräglage, kurz nur entspannt am Scheitelpunkt vorbei. Dann, der Lenker flatternd, das Heck unter voller Beschleunigung pumpend, haut es Pilot und Passagier zum nächsten Eck.
Das also, das hatte er gemeint, als er kurz vor dem Ritt immer wieder versicherte: »Es wird eine einzigartige Erfahrung.
Du wirst spüren, was die Fahrer spüren.«
Beinahe jeden Satz hatte Dario Marchetti, Ex-500er-Fahrer, Ducati-Chefinstruktor und Chauffeur des Doppelsitzers, so begonnen. Um seinen Mitfahrer einzustimmen auf das, was kommt: vier Runden über den Eurospeedway Lausitz, im Renntempo, auf dem Rücksitz einer umgebauten Ducati-Werksmaschine. Wenn es zu schnell werde, hat er erklärt, reiche ein kurzes Klopfen
auf seinen Rücken, dann mache er lang-
samer. Und was, wenn es nicht schnell
genug geht? »Oh«, meint er da, »dafür
haben wir kein Zeichen. Das wollte bis-
lang noch niemand.« Er fahre, sagt der Mann mit der Glatze, mit jedem so schnell wie möglich. »Aber«, schiebt er hinterher, »vor allem sicher.«
Sicher? Gut, so sicher wie es eben
ist, zwei Personen auf diesem Superbike am Limit zu bewegen. Sich, schon wieder voll am Gas, driftend bis auf die Streckenbegrenzung aus den Kurven hinausreißen zu lassen, die Front auf der Geraden immer wieder aufsteigend, zappelnd, der Helm im Wind nur schwer ruhig zu halten, die Hände fest um den Haltegriff geklammert, den Fahrer umarmend. Der lenkt in weitem Bogen ein, presst das Knie auf den Asphalt und lässt die 999 unter leichtem Zug frei durch die Apcoa-Kehre laufen.
Um sie, nur Augenblicke später, blitzartig abzuwinkeln, sie eng durch den spitzen Linksknick zu zwingen, wo das Weiß-Blau-Rot der Curbs vollformatig unter dem
Visier hindurchhuscht.
Und kaum ist das bunte Band abgerissen, kaum stemmen sich die Füße abermals gegen den Druck von 175 PS in die Rasten, toben die Kolben schon wieder bei 12000 Umdrehungen, Schaltpunkt, dritter Gang. Zwei zu hoch für die folgende Schikane, der langsamste Punkt der Strecke. Und auf dem Zweisitzer einer der anstrengendsten. »Ich muss eine weiche Linie fahren«, hatte Dario erklärt, »muss fahren
wie im Nassen. Das ist am schwierigsten in engen Passagen wie der Schikane.«
Dort hat sich die Masse eben noch
gegen unvermittelt brutale Verzögerung zu wehren, als der Körper rasend schnell erst nach rechts, dann sofort nach links sich in die letzte Kurve hängen soll. Doch innerlich mit dem brüllenden Motor um die Wette schreiend, ist alle Aufregung längst überrannt von Euphorie und Rausch, ist alles Denken überrannt von Empfinden und alle Angst längst verkehrt in Vertrauen.
Noch eine Runde! Noch eine! Noch eine! Und die: schneller.

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