Eisspeedway-Saison 2006 (Archivversion) Eiszeit in Sicht

Das globale Klima erwärmt sich stetig, doch das lässt die einzigen ausschließlich im Winter aktiven Motorradsportler kalt. Heiß wird es aber in Inzell, wo die Eisspeedway-Weltmeisterschaft 2006 in ihre entscheidende Phase geht.

Über 20 Jahre war Günther Bauer senior eine feste Größe im Fahrerlager des Inzeller Eisstadions. Der wohlbeleibte, gutmütige Oberbayer war eine Institution im Eisspeedway-Sport, genauso wie sein 34-jähriger gleichnamiger Sohn. Günther Bauer junior verkörperte in Deutschland Eisspeedway wie keiner vor ihm: Er wurde zweimal Vizeweltmeister, verbündete sich mit den Russen, startete für ein sibirisches Team, nutzte russische Fahrwerkstechnik und fuhr mit dieser Strategie als erster Deutscher den Russen um die Ohren. Bis zum 10. März 2005. Beim Training in Assen knallte Bauer junior in die Strohballen und zog sich multiple Bänderrisse und schwerste Verletzungen im linken Knie zu. Frühestes Comeback auf dem Motorrad: Winter 2007.
Zwei Monate später starb Günther Bauers Vater. Jetzt, am
4. und 5. Februar, nimmt Bauer junior, den alle nur »Schliff«
nennen, seinen Platz im Inzeller Fahrerlager ein. Um dabei zu sein. Und um seinem bisherigen Konkurrenten Robert Eibl zur Quali-
fikation für die WM-Finalserie zu verhelfen. Denn Eibl fährt seit diesem Jahr im Beru Blue Power Team, und Bauer wurde – vorübergehend – zum Teamchef befördert.
Da sich mit Bauers Zwangspause die Chancen des wichtigsten internationalen Eisspeedway-Teams auf einen WM-Erfolg drastisch reduziert haben, verpflichtete »Schliff« vor Saisonbeginn schnell noch einen Ersatz für sich selbst: den Russen Nikolai Krasnikov. Der ist als 14-Jähriger in den Sport mit rekordverdächtigen Schräglagen eingestiegen und im März 2005 in Berlin Weltmeister geworden – mit 20 Jahren der jüngste in dieser Sportart.
In Inzell tritt Krasnikov im WM-Semifinale unter anderem gegen Per-Olov Serenius an. Der Schwede ist genau 37 Jahre älter und ein Phänomen im internationalen Motorsport. Seit 32 Jahren fährt der Feuerwehrmann Eisspeedway, zweimal war er Einzel-Weltmeister, und bis heute hat sich der inzwischen 57-Jährige alljährlich für die WM-Endrunde der besten 16 der Welt qualifiziert.
Auch der Wesslinger Robert Eibl besitzt mit 40 Jahren reichlich Motorsport-Routine, allerdings im Motocross. Erst vor fünf Jahren fand er aufs Eis, im Sommer jobbt er als Reifenspezialist im IDM-Team von Alpha-Technik, um im Winter sein Hobby zu finanzieren. In Inzell wird Eibl versuchen, sich zum vierten Mal für den Eisspeedway-Grand-Prix zu qualifizieren. Weil die WM 2006 nur aus vier Rennwochenenden besteht, suchen Fahrer wie Eibl nach weiteren internationalen Einsätzen, um die Saison auszufüllen.
Seit diesem Jahr gibt es für Fans und Fahrer eine Alternative zur Weltmeisterschaft: die Golden Spike Series (GSS). Sechs Veranstalter in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien und den Niederlanden bieten sieben Rennen auf sechs Bahnen, bei denen sich auch Piloten, die in der WM nicht die erste Geige spielen, messen können.
In dieser Serie, deren Gesamtsieger Preisgeld, einen Jawa-Werksmotor sowie einen goldenen Spike erhält, führen nach zwei Rennen Eibl und Viatcheslav Nikulin die Wertung punktgleich an. Nikulin ist das Enfant terrible des Spike-Spektakels. Aus Ussurijsk am Japanischen Meer stammend, siedelte er vor zehn Jahren nach Deutschland um und hat mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit. Von 1994 an belegte er sechsmal hintereinander den dritten WM-Rang. 2002 vermasselten dem Fahnenflüchtigen seine russischen Landsleute im letzten GP-Rennen in Inzell den sicher geglaubten WM-Titel, indem sie dem Schweden Serenius Vorfahrt gewährten. Danach verabschiedete sich Nikulin mit Rücken- und finanziellen Problemen aus der Szene. Seit Januar ist er wieder da. Er kann dieses Jahr erstmals in der deutschen Nationalmannschaft starten, die nach Bauers Ausfall an Schwindsucht leidet.
Der Deutsche Meister Stefan Pletschacher muss in Inzell ebenfalls zuschauen, da er sich beim GSS-Rennen in Weißenbach ein Schlüsselbein brach. »Die Einzel-WM kann ich mir abschminken, aber in Berlin will ich dem Team wieder zur Verfügung stehen«, sagt der Ruhpoldinger, weniger aus Nationalstolz, sondern eher, weil auch er unheilbar vom Bazillus Eisspeedway infiziert ist.
In der Mannschafts-WM treten drei Fahrer einer Förderation im Team gegen fünf andere Nationalmannschaften um die Silbermedaille an – der WM-Titel ist den siegabonnierten Russen, die
24-mal erfolgreich waren, in der Regel vorbehalten. 1983 gelang – in Berlin – Deutschland der große Coup WM-Titel, damals mit
dem legendären Helmut Weber. Weber fährt noch immer – hobbymäßig. In Inzell schraubt der Urbayer jedoch im Fahrerlager –
am Motorrad seines Sohnes Anton, der statt Pletschacher die WM-Qualifikation fahren darf.
Denn die Golden-Spike-Veranstalter haben im Rahmen-
programm erstmals im Eisspeedway einen Wettbewerb für Fahrer unter 21 Jahren ausgeschrieben. Und dort fährt auch Weber junior
mit, wobei zurzeit bei den Nachwuchsfahrern der Niederländer Sven Holstein und der Österreicher Mario Schwaiger das Maß der Dinge sind. Holstein ist bereits Seitenwagen-Europameister, aber erst 17 und Schwaiger 14 Jahre jung. Das heißt im Klartext: Ein potenzieller Krasnikov-Nachfolger, der nicht aus Russland kommt, ist zumindest in Sichtweite.

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