Eisspeedway-WM-Finale in Berlin (Archivversion) Einmal Eis für alle ...

Eisspeedway, das ist der Kampf mit dem gefrorenen Element – und der Schlagabtausch jung gegen alt. Der WM-Titel ging an einen Vertreter der jungen Generation. Doch das raubt den Senioren nicht die Motivation.

Am 21. Februar 2001 kauerte beim Eisspeedway-Grand-Prix-Rennen im russischen Saransk ein milchgesichtiger, pubertierender Junge in einer Ecke des Fahrerlagers. Er durfte dem österreichischen Piloten Markus Skabraut als Mechaniker aushelfen. »Damit er jetzt schon lernt, wie es im Grand Prix zugeht«, erklärte
sein Mentor Vladimir Belanogov damals. Dieser Lehrling aus dem sibirischen Baschkortostan war Nikolai Krasnikov,
seinerzeit gerade 16 und schon russischer Juniorenmeister im Eisspeedway. Sechs Jahre später wird am 18. März im Berliner Eisstadion Wilmersdorf der WM-Titel 2007 vergeben. Drei Russen haben vor dem
A-Finale, dem letzten und entscheidenden Lauf der Saison, noch Chancen. Einer
der drei ist der 22-jährige Titelverteidiger Nikolai Krasnikov, bereits 2005 und 2006 Weltmeister im Eisspeedway.
Der russische Twen war mit 19 jüngster Weltmeister aller Zeiten und ist der Superstar der postsozialistischen Eisspeedway-Generation. 2001 in Saransk bewunderte er noch den Schweden Per-Olof Serenius, der ein Jahr später zum zweiten Mal Weltmeister wurde – mit stolzen 53 Jahren. Auch in Berlin ist der alte Schwede, jetzt 59, noch immer im Grand-Prix-Fahrerfeld der besten 19 der Welt dabei. Wenn auch dieses Jahr ohne Titelchancen, denn die ersten beiden GP-Rennen hatte der Feuerwehrmann aus Gävle verpasst, weil der Rennarzt im sibirischen Ufa dem lebenden Eisspeedway-Denkmal – welch ein Frevel – Startverbot wegen zu hohen Blutdrucks erteilt hatte.
Krasnikov und Serenius, ein Vergleich wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Der Schwede macht alles mit Technik, alles mit seiner 35-jährigen Motorsportroutine, stürzt selten und verletzt sich nie. Krasnikov fährt stets am Limit, manchmal darüber und ist entweder am Boden oder als Erster im Ziel. Heuer weniger überlegen als in den letzten beiden Jahren, lag er die gesamte Saison hinter seinen Landsleuten Iwan Iwanov und Vitalij Khomitsevitch. Und kam auch beim vorletzten GP in Wilmersdorf am Samstag nur auf Platz drei. Vor dem letzten Rennen lagen die drei Russen nur drei Punkte auseinander, und das bedeutete: Wer das 59-sekündige A-Finale am besten übersteht, ist neuer Weltmeister.
Über 8000 Besucher wollten den ultimativen Showdown der Spike-Ritter in der Hauptstadt sehen. Beste Sicht gibt es von allen Plätzen auf das weiße, nur 400 Meter lange Oval. Rund ein Drittel der Zuschauer kam aus Berlin-Brandenburg, der Rest
aus halb Europa: Schweden, Finnland, die Niederlande und Österreich sind neben Russland die Hochburgen dieses Sports. Von dort kommen auch die meisten Fans, die ähnliche Strapazen wie ihre Helden auf sich nehmen. Der ein oder andere GP-Pilot fährt schon mal mit seinem Renntrans-
porter die 5000 Kilometer ins sibirische Ufa über die zugeschneiten, russischen Schlaglochpisten zum GP-Auftakt.
Der Finallauf wird gestartet, Khomitsevitch, nicht Krasnikov, gewinnt den Start, doch in der zweiten Runde fährt das
22-jährige Naturtalent seinem Landsmann leicht, aber unmissverständlich in die Seite, um sich Platz für das Überholmanöver zu schaffen. Krasnikov gewinnt wie Phoenix aus der Asche und wird zum dritten Mal
in Folge Weltmeister der Schräglagen-
Rekordhalter. Serenius schließt die WM dieses Jahr nur auf Rang 17 ab. Die beiden Fahrer, die ein Altersunterschied von 37 Jahren trennt, haben trotzdem eine Gemeinsamkeit: die Teamkleidung. Sie fahren im BERU Bluepower Team, in dem der erfolgreichste deutsche Eiskratzer aller Zeiten, Günther Bauer, die Galionsfigur ist.
Im Comeback-Jahr, 23 Monate nach seiner schweren Knieverletzung, kommt der urige Oberbayer langsam wieder in Fahrt. Am Samstag in Berlin holt er sein bestes Saisonergebnis mit Platz sechs.
»In Russland auf dem harten Eis hatte
ich noch arge Probleme mit dem Knie.
Hier hat’s mir scho wieder bärig taugt«,
bilanziert der 35-jährige Schlechinger. Und Serenius? »Ich denke, ich fahre noch
ein Jahr«, meint der Veteran, der nächste Saison 60 Lenze zählen wird. Das sagt er übrigens schon seit sechs Jahren. Aber mit dem drittletzten Platz kann einer wie Serenius einfach nicht von der glatten Bühne abtreten.

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