Eisspeedway (Archivversion) Glühwein, Spikes und dicke Backen

Der Sport, der aus der Kälte kommt. Eisspeedway – brachiale Schräglagen und spektakuläre Rennen entschädigen für vieles. Selbst für Fans mit ordentlich Schlagseite und Blasmusik.

Der Einzylindermotor dreht auf Vollgas. Die Augen von Günther Bauer sind zu Sehschlitzen zusammengekniffen, es scheint, als würden sich alle Nervenbahnen in diesem Moment nur auf eine einzige Aufgabe konzentrieren: die, beim allergeringsten Zucken des Startbands gefühlvoll und doch blitzschnell die Kupplung einzurücken. Da, das Startband schnellt nach oben. Kopf an Kopf donnern Bauer und Co. auf die erste Kurve zu und kippen ihre Maschinen fast zeitgleich in Schräg-
lage. 50, 60, 70 Grad. Bis zwischen Lenkerende und Eis keine geballte Faust mehr passt. Auf der Gegengeraden liegt Bauer in Front. Im Ziel immer noch – nach lediglich acht Kurven und knapp einer Minute Laufzeit für die vier Runden.
Sepp, vielleicht heißt er auch Alois, Franz oder Xaver, der »den Günther« mit seiner örtlichen Blaskapelle und Traktorparade einige Minuten zuvor dem Publikum präsentiert hat, zieht den Filzhut. »Sauba«, murmelt er in seinen Bart. Jetzt und in zwei Stunden noch mal, als Günther Bauer und Robert Eibl bei dieser Team-Weltmeisterschaft in Inzell ganz überraschend Platz zwei hinter der russischen Abordnung ergatterten. Die Fans, die dank Glühwein und Jagertee bei 18 Grad unter null offensichtlich ihre Wohlfühltemperatur erreicht haben, goutieren den Auftritt selig. Nur Juri bekommt hinten im Fahrerlager von all dem nichts mit. Mit blanken Händen schleift er einen Satz Kupplungslamellen für die Maschine des WM-Aspiranten Nikolai Krasnikov mit
einem Stück Schmirgelpapier plan – auf einem gebrauchten Kettenrad als Richtplatte.
Eisspeedway. Ein Sport zwischen den Welten, zwischen den Zeiten. Eine Disziplin, in der Valentino Vitaly heißt und dessen Monaco am Polarkreis liegt. Ein Sport, in dem die Zeit scheinbar inne gehalten hat. Seit dieser ersten Runde auf Spikereifen im tiefen Russland ziemlich genau vor 80 Jahren.
Wie damals sehen sie auch heute noch aus, die Maschinen. 100 Prozent Handarbeit. Für 200 praktizierende Eisjünger weltweit. Vor drei Jahrzehnten gab es gut zwanzigmal so viele. 3000 davon allein in Russland. Der wirtschaftliche Niedergang hat die damalige Armada auf etwa 100 Mann reduziert. Der Rest der Eiskratzer stammt aus Finnland und Schweden, je ein Dutzend gibt es in Holland, Tschechien, Österreich und Deutschland.
Wie gesagt, die Fahrwerke sind Handarbeit. Entstanden in Kleinstserie bei den Edel-Bastlern dieser Disziplin. Tuanemi, Finnland, Jakowlev oder Drogalin, Russland. Nutzfahrzeuge, keine Kunstwerke. Neun Zentimeter Federweg vorn, deren vier hinten. Stahlrohrrahmen, Stahlrohrschwinge mit selbst konstruierter Umlenkung. Und die funktionieren, auch wenn Belastungsgrenzen oder Progressionsraten wohl nie berechnet wurden. Nur Jawa, heute Tschechiens einziger Motorradhersteller, bietet für 8000 Euro einen kompletten Eisflitzer an. Und Motoren für alle. Konkurrenz existiert nicht. Gefahren wird – dem Reglement entsprechend – ausschließlich mit Methanol. 500 Kubikzenti-
meter Hubraum reichen für 55 PS Höchstleistung. Das Zweiganggetriebe: extern angeflanscht und per Kette getrieben, wie zu Opas Zeiten.
Juri kennt das alles. Auch diese 28 Millimeter langen, messerscharfen Edelstahlspitzen, die Menschen wie Sepp – oder Alois? – erschaudern lassen. Denn Juri weiß, dass es drei Tage dauert, bis er zu Hause 170 von ihnen in einen Hinter- und 120 in einen Vorderreifen gebohrt und verschraubt hat. Und er weiß, dass die Karkassen dieser Reifen schon nach zwei Renntagen schrottreif gewalkt sind.
Was ihn noch reizt, das sind die Rennen seiner Jungs. Früher Staatsamateure, heute von der jungen russischen Industrie bezahlte Profis. Die es besser haben als »der Günther«. Im Sommer Greenkeeper auf dem Golfplatz in Reit im Winkl, im Winter Eisspeedway-Profi. Reich wird dabei keiner. Selbst der Vize-WM-Titel im vergangenen Winter schlägt da nicht sonderlich zu Buche. Nur Respekt bringt’s. Und Ruhm. So wie für Per-Olov Serenius. Der 56-jährige Schwede arbeitet im Sommer als
Feuerwehrmann, im Winter geht er aufs Eis. Gepanzert mit dem Kunststoff-Überzieher für den linken Fuß samt Schienbein und Knie, Kettenhemd unter der Lederkombi und dicken Plastikschuppen auf den Handschuhen. Seit über 30 Jahren. Die letzten 27 davon ununterbrochen für die WM-Finalrunde qualifiziert. Solche Haudegen wollen die Fans sehen.
Um sich zu wundern, wie lange man in diesem Sport über-
leben kann. Als menschliche Fleischeinlage zwischen Spike-
gespickten Kreissägen ohne Bremse. Jawohl, ohne Bremse. Der Sicherheit wegen. Klingt unlogisch, hat aber seinen Grund. Denn übermotivierte Kampflinien-Racer entsorgt die Fliehkraft auf die chancenlose Außenspur. Doch dahin treibt’s wenige. Meist passt zwischen Sieger und Platzierte nicht einmal ein Löschblatt. Spannung von der ersten bis zur letzten Sekunde
ist eher Regel als Ausnahme. Die Fans revanchieren sich mit Geduld. Nach drei Rennen, also drei Minuten, glättet der Bahnservice gemütlich die gemarterte Piste. Eine Viertelstunde, die dem Nachschub dient. Glühwein, Jagertee, Flachmänner – sofern der persönliche Pegelstand Fortbewegung wie Orientierung überhaupt noch erlaubt.
Minus 18 Grad gelten kaum als Entschuldigung. Erst im Winter 2001 fand das WM-Viertelfinale im russischen Ekaterinburg bei 42 Grad unter null statt. Der Technik macht die Kälte schon früher zu schaffen. Mit der Lötlampe bringt Juri vor den Sprints das Motoröl auf Temperatur.
Denn schief laufen sollte nichts. Günther Bauer hat Blut
geleckt, will bald Einzel-Weltmeister werden. Die Fans würden gern darauf anstoßen, und Sepp – oder Xaver? – würde zum
Titel mit seiner Trachtenkapelle sogar ein Ständchen spielen.

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