Enduro-WM in Zschopau (Archivversion) Waldlauf

Der Weg durch die Wälder von Zschopau ist hart. Das wussten die Cracks der Enduro-Weltmeisterschaft. Nun ist sicher: Er ist gnadenlos hart.

Das Hinterrad der KTM schrappt über die Steinplatte. Urplötzlich findet der Grobstöller noch Traktion – und katapultiert Ross und Reiter im hilflosen Looping rückwärts den Hang hinunter. Der Teufelshang hat seine Schuldigkeit getan. 7000 Fans johlen – an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag.
Es herrscht Ausnahmezustand in der Gegend um Zschopau. Hillclimbing, Parallel-Enduro, Promi-Fußball, Enduro-Veteranen-Treffen, Freestyle-Präsentation und Dauerparty im alten MZ-Werk wechseln sich über zwei Tage und zwei Nächte ab. Offroad-Woche, so nennen die Organisatoren ganz bescheiden das animierende Vorspiel für den Offroad-Höhepunkt: das Finale zur Enduro-Weltmeisterschaft 2004.
Lange genug hatte die Zunft der
weltbesten Grobstöller einen Bogen um Deutschland gemacht. Auch um das Städtchen im Erzgebirge, etwa 20 Kilometer südöstlich von Chemnitz gelegen. 1990, kurz nach der politischen Wende, gastierten die Besten der Besten noch
hier. Danach war Schluss – bis 1995 der oft vermisste Aufschwung Ost wenigs-
tens beim wieder belebten Enduro-Event »Rund um Zschopau« zur Realität wurde. Die Kletter-Tour avancierte in kürzester Zeit zu einem der anspruchsvollsten Offroad-Happenings weltweit.
Die Zschopauer wussten, was sie
den Enduro-Cracks heuer schuldig waren. Gerade weil sie sich geändert hatte, die Enduro-WM. Das sportliche Motto der
Moderne, Klasse statt Masse, hat mittlerweile auch die Helden des Unterholzes
erreicht. Die bislang fünf Hubraumklassen mit insgesamt bis zu 200 Fahrern wurden für diese Saison auf drei (siehe Ergebnisse Seite 148) reduziert, das Starterfeld auf rund 30 Teilnehmer je Kategorie dezimiert.
Auf Männer wie Stefan Merriman.
Der Australier gilt gewissermaßen als der
Valentino Rossi der Steilauffahrten. Vor 15 Jahren bereits Junior-Weltmeister im Trial, später einer der besten Superbike-Piloten Australiens, fand der 31-jährige gebürtige Neuseeländer offensichtlich im Enduro-Metier seine endgültige Bestimmung. Bereits zwei Wochen vor dem Zschopauer Termin holte der kleine Yamaha-Pilot seinen insgesamt vierten WM-Titel beim
vorletzten Lauf in Griechenland.
Oder Juha Salminen. Wie Merriman spielt der Finne aus der Nähe von Helsinki immenses Talent aus. Fünf Enduro-WM-
Titel garniert der eloquente Skandinavier mit gelegentlichen Auftritten in der Motocross-WM oder Gaststarts in der finnischen Trial-Meisterschaft. Erst im vergangenen Jahr wurde der gelernte Klempner in seiner Heimat zum Motorsportler des Jahres gekürt – übrigens vor Formel-1-Star Kimi Räikkönen.
Was Enduro-Cracks hier zu Lande höchstens an einem einzigen Platz dieser Republik gelingen könnte: in Zschopau. Quasi in Wechselwirkung mit der Enduro-Veranstaltung und der Tradition des im Enduro ehemals erfolgreichen MZ-Werks begeistern sich in den Dörfern im Umkreis Zschopaus Heerscharen von Youngstern für diesen Sport. Und alles hätte so schön sein können, wenn nicht vier Wochen vor dem örtlichen Saisonhöhepunkt der lokalpatriotische Enthusiasmus auf traurigste Weise gedämpft worden wäre. Swen
Enderlein, Deutschlands bester Enduro-Fahrer und aus dem nur zehn Kilometer von Zschopau entfernten Zwönitz stammend, war bei der Sechstagefahrt in Polen gegen einen Baum geprallt und seinen Verletzungen erlegen (MOTORRAD 22/2004). Wie als letzte Ehrerweisung an den Kol-
legen zierte sein zehnter Platz in der
WM-Gesamtwertung der großen Klasse die Rangliste in den Rennprogrammen.
Vielleicht war es dieses tragische Schicksal, vielleicht die ungewissen Erfolgschancen des restlichen Kontingents der deutschen beziehungsweise einheimischen Piloten oder möglicherweise auch das insgesamt gerade mal 78 Mann kleine Fahrerfeld. Fakt ist: Im Vergleich zu den Vorjahren fiel die mittlerweile weltberühmte riesige Fankulisse in Zschopau ausgerechnet beim WM-Revival deutlich magerer aus – die erwarteten 75000 waren es jedenfalls bei weitem nicht.
Die Treugebliebenen bekamen – quasi als großes Dankeschön – Endurosport in Reinkultur geboten. Ob besagter Teufelshang, der in kaum entschärfter Version in die Strecke integriert wurde, ein Endurotest, der mit ausgefahrenen Spurrillen, Bachüberquerungen und Wurzelpassagen alle Reize dieses Sports komprimierte, oder die knapp bemessenen Fahrzeiten – selbst die Stars der Szene mussten alles geben. Und sogar das sollte bei aufkommendem Regen nicht immer reichen.
Was ursprünglicherweise dem Sinn des Endurosports entsprechen mag –
Enduro bedeutete wörtlich übersetzt Durchhalten, Durchkommen –, nahmen die eigentlich so harten Jungs an den Lenkern den deutschen Organisatoren jedenfalls ziemlich übel und drohten am Start des zweiten Fahrtags mit Arbeitsniederlegung. Die Reduzierung auf drei statt der vier
jeweils knapp 70 Kilometer langen Run-
den und die Entschärfung der kritischsten
Stellen beruhigte letztlich die Gemüter. Die Stimmung der Fans beschwichtigten die Chefs dann höchstpersönlich. Salminen und dessen Landsmann Samuli Aro sicherten sich mit sehenswerten Auftritten die beiden vakanten WM-Titel, die Lokal-
matadoren Markus Kehr (Platz 7/E2), Ralf Scheidhauer (Platz 7 und 8/E3) und Tobias Auerswald (zwei Mal Platz 9/E3) brillier-
ten auf heimischem Terrain wie erwartet. Und bis zum Jahr 2009, der Saison, in
der Zschopau mit der Sechstagefahrt das Hochamt der Enduro-Gemeinde zelebrieren will, werden alle hitzigen Gemüter
wieder abgekühlt sein. Ganz bestimmt.

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