Enduropale du Touquet (Archivversion) Immer nie im Meer

Durch die Riesendünen ging es letztmals 2005. Auch die Neuauflage des Spektakels in Le Touquet, die »Enduropale«, bleibt Frankreichs spektakulärstes Strandrennen. Nur ins Wasser führt es nie.

Die Morgendämmerung im nordfranzösischen Seebad Le Touquet ist nicht nur für die ortsansässigen Seemöwen das tägliche Startsignal. Mit gedämpftem Herumflattern an der Promenade beginnen die Aktivitäten der Vögel. Aber kaum stimmen Flügelrhythmus und Koordination, fliegen sie unverzüglich Richtung Strand davon. Ein dem der Möwen sehr ähnliches Ritual zelebrieren die Streckenposten des jährlich hier im Februar stattfindenden Strandrennens. Ein Hallo, ein Geschnatter, ein Zigarettchen hier, tief ins Gesicht gezogene Strickmützen dort. Nach kurzer Versammlung auf einem Parkplatz verteilen sich die in leuchtend gelbe Warnwesten gehüllten braven Helferlein in jede Menge allradgetriebene Vehikel, die sie bis in die letzte Sandkuhle des knapp 16 Kilometer langen Parcours schaukeln.
Einer dieser geduldigen Sandmänner, der 74-jährige Bernard Schoeffler, sitzt ­auf einem Klappstuhl, platziert auf einem ­schmalen Streckenabschnitt zwischen Dünen und Meer, genießt die Kostbar-keiten seines Lunchpakets und trotzt der steifen Meeresbrise. »Allemand? Deutsch?« fragt er freundlich. Ein kaum bemerkbarer Akzent kennzeichnet den Franzosen aus Metz, schmälert aber nicht seine exzellenten Kenntnisse in der Sprache des Nachbarlandes. »Weißt du«, beginnt er, »ich mache schon mein ganzes Leben Motocross und tingele bis heute als Händler bei der WM mit, aber für Le Touquet finden sie nie genügend Streckenposten. Also komme ich nun seit Jahren hierher. Aber seit 2006 fahren sie aus Umweltschutzgründen ja nicht mal mehr in den Dünen, und die Fahrer ...« – hier winkt er müde ab.
Ist da Kritik durchzuhören? »Nur zum Plaisir, äh, ich meine zum Vergnügen, sind viele hier. Vorne sind ein paar Schnelle, doch der Rest...« Wieder blickt er nach unten in den tiefen, weichen Sand und zeichnet mit den Gummistiefelspitzen ­eine Acht. »Einige schaffen ja nicht mal eine Runde. In Frankreich nennen wir die poireau ...« Die Übersetzung ersparte ­sich Monsieur Schoeffler höflicherweise. Das unbarmherzige Langenscheidt-Wörterbuch verweist auf Lauch.
Nun gut, au revoir, Monsieur Schoeffler, Zeit für einen Kaffee mit Deutschlands Top-Sandfachkraft Dirk Röhm. Heuer ausnahmsweise nicht selbst am Start, übernimmt der 41-Jährige 2008 die offizielle Rolle des »Touquet-Enduropale-Beach-Botschafters«. 1996 das erste Mal dabei, verbesserte er bei inzwischen sieben Teilnahmen seine Platzierungen, um schließlich unter die Top 30 zu kommen. Damit war er bei seinen drei letzten Einsätzen dann auch immer bester Deutscher. Um die Aufgabenstellung zu verdeutlichen, bietet so ein sandgestählter Kerl ein gemeinsames Training auf seinem Spezialterrain an. Man schlägt es besser aus. Um im Sand, im richtig tiefen Sand, bestehen zu können, ist neben Erfahrung, präziser Technik, Willen, Mut und Koordination vor allem eines nötig: Kondition, viel Kondition und noch mehr Kondition.
Das kann auch der sechsmalige Le-Touquet-Gewinner Arnaud Demeester bestätigen. Auf die Frage, was er für die wichtigste Eigenschaft eines Sandrenners hält, zögert der französische Kugelblitz keine Sekunde: »Kondition.« Vier Monate bereitet sich Sandguru Demeester auf dieses Rennen vor. Jeden Tag Sport. Radfahren, Laufen, Kraftraum und viermal die Woche Motorradtraining im Sand. Nicht wie viele andere Piloten auf der Strecke Loon Plage nahe Dünkirchen, sondern ganz im Süden Frankreichs. Nahe Marseille in einem Industriegebiet, wo sich im Sommer die Nacktbader tummeln, nutzen Frankreichs Crosser und Sandspezialisten den Winter und abgelegene Sandgebiete zur körperlichen Ertüchtigung.
Arnaud Demeester hat eine Verletzung am Finger, spricht ohnehin wenig Englisch und scheint auch sonst ein bisserl nervös. Er will weiter. Salut! Dirk Röhm erklärt: »In Frankreich gibt es eine komplette Sandrennen-Meisterschaft, aber Le Touquet ist und bleibt der Höhepunkt. Dieses Jahr ist es aber so, dass der Stern von Demeester langsam sinkt. Der junge Timoteï Potisek übernimmt die Rolle des besten Sandfahrers.« Frankreich- und Strandspezialist Röhm weiß auch sonst noch interessante Dinge. Das Rennen nennt sich nach der Neuausrichtung 2006 und den beendeten 30 Dünenjahren »Enduropale.« Warum? »Wir sind an der sogenannten Opalküste, so einfach ist das.« Im Februar 2009 möchte Dirk selbst wieder an den Start gehen, dieses Jahr zieht er im deutschen Lager die Strippen. So fädelte er noch im Januar den Start der wegen der Dakar-Absage unterbeschäftigten Christina Meier ein. »Warum nicht in Le Touquet starten?« fragte sich die Hamburgerin. Gezieltes Training war natürlich nicht mehr drin, aber ihr für die Dakar-Rallye vorbereiteter Yamaha-Tanker bekommt so wenigstens etwas Auslauf, die mutige Pilotin ein neues Abenteuer.
Die üblichen Motorräder für Le Tou-quet sehen allerdings anders aus. Dicke Viertakt-Motocross-Maschinen überwiegen mittlerweile. Lang übersetzt, etwas größere Tanks, Schnelltankverschlüsse für den Dreistundenritt, große Kühler, die Gabelstandrohre für optimalen Geradeauslauf so montiert, dass sie so lang wie möglich sind, harte Abstimmung, Sandreifen.
Im Parc fermé vor dem Casino parken nach der technischen Abnahme ordentlich aufgereiht und eingezäunt über 1000 Motorräder. Aus 14 Nationen kommen die Starter. Christina Meier trifft auf Landsmann Niels Juhlke. Der gibt sich bei seiner elften Touquet-Teilnahme ordentlich abgebrüht, Tina bemüht sich um Coolness. Aber jetzt offenbart sich die ganze Dimension Le Touquets. Eine überquellende Stadt, Volksfeststimmung und Zuschauer wie Motorräder im oberen Drehzahlbereich. Der Pfarrer segnet, die Zäune fallen, und mit großem Getöse wird der komplette Tross von der Innenstadt an das Startgatter geleitet. Aufstellung nach Start­nummern. Startnummer nach Vorjahresplatzierung – oder Prominenz des Piloten. 1000 Rennmotorräder stehen bereit.
Das Gatter fällt, und es stehen acht Kilometer Vollgas bis zum ersten Wendepunkt an. Eine Beschreibung für dieses akustische Ereignis zu finden ist schwierig. Da nähert sich ein dumpfer, sonorer und vor allem lauter Klangteppich, entfaltet sich, endlos präsent vor großer Kulisse, dröhnt und ebbt dann langsam wieder ab gen Horizont. Die Strecke ist kurios. Zum Meer hin, wo der Sand dunkel und feucht ist, bleibt der Boden hart. Die Top-Leute erreichen Geschwindigkeiten von über 180 km/h. Das Vorderrad schwänzelt dabei, als ob der Fahrer an Parkinson leidet, das Hinterrad eiert hinterher.
Dann der Wendepunkt, es geht den Weg zurück in tiefstem, muschelversetzten Sand mit künstlich aufgeschobenen Hügeln, Schikanen und sonstigen Fallen. Dirk Röhm spricht hier von 3D-Sand. Eher eine endlose Foltergrube. Die ersten kapitulieren, während die Spitzenfahrer mühelos schon fünf Runden haben. Kühler kochen, Fahrer keuchen, drei Stunden können endlos sein. Christina Meier muss nach Kollision und einer Verletzung vorzeitig aufgeben, der Rest des Feldes fährt hauptsächlich auf Ankommen.
Für den interessierten Zuschauer gibt es allerdings Sandcross vom Feinsten. Vor allem Potisek und Demeester degradieren den Rest zu Statisten und Slalomstangen. Es bleibt spannend bis zur letzten Runde. Kurz vor dem Ziel kollidiert der schon an­gezählte Demeester mit Potisek, setzt sich durch und gewinnt komplett ausgepumpt.
Ins Seebad kehrt die Ruhe zurück. Die Aufräumdienste machen Kehraus – und die Möwen gehen schlafen.

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