Erzberg-Rodeo (Archivversion) Matschu Picchu

Alpen statt Anden, Ansturm der Masse statt Zuflucht der Elite. Und doch: Beide Berge verlangen Opfer. Die Götter in Machu Picchu, Staub und Matsch am Erzberg.

Christian Pfeiffer wuchtet seine Gas Gas von Felsblock zu Felsbock, sein Atem geht schwer, der Schweiß rinnt ihm in Strömen von der Stirn. Kaum, dass er auch nur ein einziges Wort über die Lippen bringt. »Rückstand?« Keuchend fragt er seinen Wasserträger. Er scheint fast nicht in der Lage, die »fünf Minuten«, die ihm sein Helfer zuruft, zu registrie-ren. Geschweige denn, eine Antwort zu geben. Das ist auch besser so, sie hätte doch nur mit den drei Buchstaben S, C und H begonnen. Die Moral ist auf dem Nullpunkt, hier in der brutalsten Passage des Erzberg- Rodeo, die so harmlos Rolling Stones genannt wird. Genauso verniedlicht wie diese anderen, aus Stein gehauenen Folterkammern. Pipeline, Roof, Märchenwald – alles nur gute Worte zum bösen Spiel. Steilste Anstiege, fast senkrechte Abfahrten, meterhohe Felsbrocken. Später wird selbst Sieger Cyril Despres, seines Zeichens immerhin Zweiter bei der aktuellen Dakar-Rallye, dicke Backen machen. Er wird sagen, dass dies hier noch schlimmer sei als die berüchtig-ten Extrem-Enduros bei ihm zu Hause in Frankreich. Aber er wird gewinnen. Nach knapp einer Stunde und 20 Minuten. So wie vergangenes Jahr. Christian Pfeiffer wird Zweiter werden auf der 450er-Viertakt-Gas-Gas. Gewonnen hat der mit allen Wassern gewaschene Trialfahrer und Stunt-Profi das Rodeo schon drei Mal.Doch was heißt hier schon Siegen? Dieses Jahr sind es 27 Sieger am Erzberg. Denn mehr Piloten haben es sogar bis zum Ende der Karenzzeit, zwei Stunden nach Cyril und Christian, noch nicht ins Ziel geschafft. 27 von 500. Nein, 27 von anfangs 1346. In Worten: eintausenddreihundertsechsundvierzig. Eine Zahl, die den Atem raubt. 1346 Fanati-ker, die dieser zerklüftete Berg in Österreichs Süden magisch anzieht. Selbst das Strandrennen im französischen Badeort Le Touquet, seit Jahrzehnten das Sinnbild für stollenbereifte Massen-hysterie, verblasst dagegen. Auch wenn die Mischung in der Steiermark etwas bunter ausfällt. Scharfe Motocrosser und ambitionierte Enduro-Cracks einerseits, Abenteurer, Neugierige und Partylöwen andererseits. Wie oben bereits erwähnt, 1346 Offroader insgesamt. Und die schrauben sich zunächst zwei Tage lang nach oben. Auf der so genannten Iron Road. 13 Kilometer lang, 40 Meter breit, zig Serpentinen, so steinhart wie das Eisenerz selbst. Wie beim legendären US-Bergrennen in Colorado. Pikes Peak im Alpen-Machu Picchu. Die Schnellsten brauchen kaum zehn Minuten für die 600 Meter Höhenunterschied. Die Allerschnellsten wie Stollen-Legende Heinz Kinigadner, der mit der KTM-Zweizylinder-Rallyemaschine antrat, stechen mit Tempo 160 auf die Kehren zu. Und selbst für die Fraktion der großen Vier-takt-Singles von Honda, Husky, KTM und Yamaha reicht’s auf den Trassen locker auf 130 Sachen.Sollte es auch, denn nach zwei Aufstiegen pro Fahrer schlägt die Stunde der Wahrheit. Nur die schnellsten 500 dürfen am dritten Tag noch mal ran, zu diesem Extrem-Enduro, dem so genannten Red Bull Hare Scramble. Trassiert an den Steilhängen des Erzbergs. Gemeinsam mit Cyril Despres und Christian Pfeiffer. In den Spuren von Rallye-Ass Alfie Cox oder Enduro-Star Petteri Silvan. Doch die 846 Aussortierten werden über ihr Schicksal nicht trauern. Sein oder nicht sein? Für die meisten keine Frage. Man muss nicht überall dabei sein. Nicht in den Rolling Stones, der Pipeline oder dem Märchenwald. Und schon gar nicht vor den 10000 sensationslüsternen Fans. Vielleicht im kommenden Jahr, beim Jubiläums-Rodeo, dem zehnten. Vielleicht.

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