Event: Baboons Snow-Speedhill (Archivversion) Rinderwahnsinn

Im Berchtesgadener Land weiden im Sommer die Kühe auf den Bergwiesen. Wenn Schnee liegt, bleiben die Rindviecher im Stall. Nur ein Motorradbauer treibt selbst im Winter Kühe den Berg hoch. HP2 heißen die. Und Konkurrenz haben sie auch.

Kamerafrau Jenny lugt durch den Sehschlitz ihrer Kapuze und putzt dienstbeflissen die Linse der Kamera. Im Zwielicht der Flutscheinwerfer, die mühsam den wattegleichen Nebel durchdringen, filmt sie nahe der unwirtlichen Zielankunft alle Action-Heroes des ersten so genannten Snow Speedhill am Götschen bei Berchtesgaden. Die bewegten Slowmotion-
Bilder werden auf eine Großleinwand ins
Tal übertragen. Sonst noch dort droben: André und Jörg aus München, die extra angereist und den ganzen Hang hinaufgestiefelt sind, um ihren heiß verehrten Gummikühen ganz nah zu sein, sie anzufeuern.
Ohne Kamerafrau Jenny bekämen die Zuschauer unten an der Skistation nur
die Hälfte des vom Offroad-Veranstalter Baboons organisierten und von BMW gesponsorten Jedermann-Rennens mit. Dann sähen sie lediglich jeweils fünf Fahrer der insgesamt 60 Teilnehmer, die sich am Fuß einer Skipiste aufstellen. Ein Startsignal
erfolgt, Motoren heulen auf, Schnee wird von groben Stollenreifen aufgewühlt, die Fahrer stürmen mit Vollgas auf den Steilhang zu. Im günstigsten Fall – zumindest fürs Publikum – dreht einer von ihnen eine unfreiwillige Pirouette und müht sich anschließend hektisch damit ab, das Motorrad wieder aufzuheben und irgendwie weiterzukommen. Was im respektive beim Fall eines der von BMW zehnfach an den Start gestellten, imposanten Zweizylinder HP2 naturgemäß mehr Mühe und den Zuschauern so mehr Vergnügen bereitet. Alle nicht havarierten Maschinen pflügen spektakulär hangaufwärts durch den Schnee und entschwinden nach wenigen Sekunden im Nebel.
Jenny erklärt in einer kurzen Drehpause: »Wir machen solche Promotionsachen öfter für BMW, grad’ auch mit dem Simon.« Dem Simon? Jenny meint wohl den Simo, Simo Kirssi, Gewinner der German-Cross-Country-Serie, finnischer Offroad-Profi, eingekauft von den Bayern. Er soll die neue HP2 mit spektakulären Aktionen ins Rampenlicht rücken. Das gelingt dem Simo auch ganz ausgezeichnet, wild driftend treibt er die Sportkuh den Hang hinauf, an Jennys Kamera vorbei und springt über eine kleine Schanze gekonnt ins Ziel. BMW gewinnt. Nicht nur das Rennen.
Eigentlich brauchen sich die Weißblauen wenig Sorgen ums Gewinnen zu machen, schließlich geht es mit den Geschäften seit längerem so steil bergauf
wie am besagten Götschen, der als außer-
gewöhnliche Rennstrecke dient. BMW
weiß jedoch, dass dieser Erfolg von einer
zunehmend älteren Klientel herrührt. Und sucht deshalb nach neuen Wegen, um beim jungen Publikum anzukommen. Dieser Fun-Event ist so ein neuer, wenngleich sehr rutschiger Weg. Profis, Ex-Profis, Amateure und Medienvertreter sollen auf der neuen HP2 die Sau rauslassen. Ganz im Stil von Fun-Events, bei denen Extremsport auf Lifestyle trifft, wenn etwa junge Snowboard-Freaks bei Hip-Hop, Hardcore und elektronischer Musik auf der Piste vor dem DJ-Truck abrocken.
Okay, die leicht abgehangene Chartmucke beim Snow-Speedhill rockt immerhin etwas, doch um den quietschvergnügten, als Streckenkommentator engagierten Radiomoderator eines Privatsenders machen junge Lifestyler eher einen Bogen. Er hat zu viel Sabbelwasser getrunken und
labert irgendwas von »die Kupplung zittert bereits, wow, gleich fliegen die Kisten
auf den Wahnsinns-Hang zu« oder »was
ist schon Wintersport, wenn man ein
Motorrad unter dem Hintern haben darf«.
Eine Dolby-THX-sonstwas-Lärmmaschine ergänzt im Takt einer Dauerwerbesendung seine krampfige, unfreiwillig fast schon wieder komisch wirkende Quas-
selei mit nervtötenden Einspielern (»Der Baboons Snow-Speedhill am Götschen... powered bei BMW...W...W). Aber das Publikum ist zufrieden und macht die Gaudi mit. Gern mit. BMW ist eben nicht cool, sondern eher zünftig. Und wichtig. Zwei Skiburschen unterhalten sich am Streckenrand: »Boah, glaub i’s? Fotografen, Fernsehen und all des Zeugs.« – »Ja. Woahnsinn, was die da auffoahren.«
BMW-Marketing-Leiter Diego Sgorbati doziert: »Unsere Marktforschung zeigt, dass unsere Kunden überdurchschnittlich häufig Wintersport betreiben. Also gehen wir außerhalb der Motorradsaison dorthin, um sie zu treffen.« Ein Experiment sei es und natürlich ein Riesenspaß, grinst Sgorbati, der selbst am Rennen mitfährt, aber letztlich an einer Eisplatte scheitert.
Wie auch Stuntprofi Christian Pfeiffer, der neben Kirssi als Favorit ins Rennen geht. Er nimmt’s mit Humor: »So eine
elegante Drehung wollte ich schon immer mal mit einem Boxer ausprobieren.« Gut nur, dass Simo Kirssi die Mission für seinen Arbeitgeber mit Erfolg zu Ende gebracht und die Ehre der Bayern gegen alle Amateur-Nebendarsteller auf KTM
und sonstigen Marken verteidigt hat. Bei der mit pathetischer Filmmusik untermalten Siegerehrung befragt der Moderator
in einem Atemzug den Finnen nach der
Strecke, ob Fun oder Fahrtechnik im Vordergrund stehe und wie man sich als Sieger nach so einem Rennen fühle. Lange Frage – kurze Antwort: »Pretty good.« Anschließend: Schweigen, Ruhe. Über so viel Einsilbigkeit amüsiert sich das Publikum köstlich, und auch der zunächst sprachlose Moderator muss lachen. Ja, es war wirklich ziemlich gut.
Er nimmt das Mikrofon und heizt mit voller Stimme bei den Zuschauern ein: »Wollt IHR nächstes Jahr wieder einen SNOW... SPEED...HILL HA...BEN?« Der Schall trägt das Echo der Frage den Berg hinauf. Kamerafrau Jenny packt ihre Ausrüstung zusammen. Im verwaisten Ziel dort oben klingt der zustimmende Jubel von den unten verbliebenen einigen Hundert Zuschauern wie im Fußballstadion. Wenn Bayern Meister wird.

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