Finale: BMW-GS-Trophy (Archivversion) Ab in die Wüste

Für 30 Fahrer wurde ein Traum Wirklichkeit: ein Wüstentrip, bei dem alles für einen organisiert wird. Sogar die Motorräder werden gestellt. Möglich macht das BMW, mit einer Art Markencup auf F 800 GS für ambitionierte Hobby-Enduristen.

BMW Motorrad International GS Trophy Tunisia 2008 – das bedeutet zwölf Tage lang Enduro fahren in der Wüste. Verlockend, oder? Aber so einfach ist man da nicht dabei. Man muss sich dafür qualifizieren. Bei der in fünf Ländern ausgetragenen GS Challenge suchte BMW die jeweils drei besten ambitionierten Hobbyfahrer. Die Gewinner dieser nationalen Vorentscheidungen und drei Journalisten stellen jeweils ein Team, das beim Endausscheid, der GS Trophy, gegen die anderen antritt. Schauplatz: die tunesische Sahara. Erklärtes Ziel: Teamgeist vor fairem, sportlichen Wettbewerb. Hoher Spaßfaktor. Keine Raserei.

Gleichwohl dürfen sich Italiener, Japaner, Spanier, Amerikaner und Deutsche auf der Verbindungsstrecke zu sechs kniffligen Sonderprüfungen auch ein wenig die Seele aus dem Leib fahren. Es geht durch viel, viel Sand. Für den Extremeinsatz verwandelte die Zubehörschmiede Touratech 35 F 800 GS von der Stange in wüstentaugliche Enduros. Dazu brauchte es Ölkühler-, Ketten- und Scheinwerferschutz, Handprotektoren, klappbare Fußbremshebel, Schutz für die Bremsflüssigkeitsbehälter, Sturzbügel und spezielle Fußrasten. Die kleine GS wird so zwar nicht zum rallyetauglichen Wüstenrenner, ist aber bei den ersten Umfallern besser geschützt.

Auf der Fähre, mit der der gesamte Tross von Genua nach Tunis schippert, ist genügend Zeit, um sich zu beschnuppern. Abenteuerliche Reisegeschichten machen die Runde. Eigentlich fehlt nur noch ein Lagerfeuer. Das erste große Briefing ernüchtert: Das hier ist kein Kindergeburtstag! Vier Tage soll es durch die Dünen gehen. Wenig Schotter. Keine Berge.

Trotz Konvoi wird sich jeder Fahrer seinen eigenen Weg durch die Dünen suchen müssen. Der beste Spurensucher steht schon auf der Fähre fest: Im Team USA fährt kein Geringerer als Jimmy Lewis, heute offroadfester Journalist bei US-Magazinen, 2000 bei der Paris-Dakar Dritter.

Das Abenteuer Wüste beginnt. Eine ausgewaschene Schotterpiste schlängelt sich nach Matmata. Und hinterlässt die ersten Spuren an einer der GS: Eine riesige Beule ziert die Felge, nachdem ein Teilnehmer einen tiefen Graben übersehen hat. Die ehemalige Pipeline-Piste zur Oase Ksar Ghilane am Rande des großen Ergs – ein gewaltiges Dünenmeer, das sich über 300 Kilometer bis zur algerischen Grenze zieht – ist mittlerweile asphaltiert. Doch immer wieder wachsen Dünenausläufer über die Straße. Da die meisten noch nie im Sand gefahren sind, wird ein Geländewagen 200 Meter weit in den Dünen geparkt, und jeder darf ihn einmal umrunden. Eine tückische Angelegenheit in dem weichen Geläuf, das riesige Unterschiede zwischen den Teams offenbart. Ohne sich einzugraben, schafft es allerdings fast keiner. Bei der schweißtreibenden Bergung der Motorräder hilft man sich gegenseitig.

Zwischenzeitlich ist es dunkel geworden. Die Scheinwerfer von torkelnden, umfallenden 800ern geben Pepe Guiallami, dem Hauptorganisator der Trophy, zu denken. Möchte er doch die Teilnehmer nicht überfordern, schließlich handelt es sich bei allem sportlichen Ehrgeiz nicht um einen echten Wettbewerb. Kurzerhand wirft er seinen ursprünglichen Plan, die kürzeste und schwierigste Strecke zum Berg Tembain über die höchsten Dünen Tunesiens zu fahren, über den Haufen. Stattdessen einigt sich die Truppe auf eine einfachere, dafür aber doppelt so lange Route.

Bilanz nach den ersten 80 Pistenkilometern: vier übergekochte Motoren, ein geplatzter Kühlflüssigkeits-Ausgleichsbehälter und ein ausgelaufenes Federbein. Der Mechaniker Clemens Matejka muss eine Nachtschicht einlegen.

Der nächste Morgen beginnt mit zwei Stunden intensiver Sandwühlerei. Das Fahren im verspurten Tiefsand über die vielen kleinen Dünen erfordert Können und Ausdauer. Kreuz und quer stehen festgefahrene Motorräder in der Wüste. An einem alten Fort wartet die erste Sonderprüfung: eine Orientierungsaufgabe mit Kompass. Acht Punkte müssen angepeilt und gefunden werden. Spanien gewinnt.

Sand fahren spielt sich im Kopf ab. Die Düne muss mit so viel Schwung angefahren werden, dass die Maschine einerseits bei der Auffahrt nicht verhungert, andererseits nicht mit zu viel Speed über die Kuppe fliegt, denn hinter dem Kamm geht es oftmals ein paar Meter im freien Fall nach unten. Dieses am Gasbleiben wird zum Slogan der GS Trophy. Das „Mucho Gas!“ der Spanier wird bald zum allgemeinen Schlachtruf, mit dem sich die Fahrer gegenseitig ermutigen. In der flimmernden Mittagshitze, wenn die Sonne senkrecht vom Himmel brennt, ist der Sand am schwierigsten zu lesen. Die Schatten verlieren sich. Der Sand wird weich wie Puderzucker.

Irgendwann erbarmt sich Jimmy Lewis der Terrain-Neulinge und erteilt eine Lehrstunde. Und zwar als Sozius bei ihm hintendrauf mit Vollgas die Düne hoch. Allein die Vorstellung löst bei einigen Angstschweiß aus. Die Frage ist, was einen Selbstfahrer mehr Nerven kostet: dieser völlige Kontrollverlust und das Gefühl, dem Amerikaner hilflos ausgeliefert zu sein, oder das eigene bis zu den Naben eingegrabene Motorrad bei 35 Grad Celsius immer und immer wieder auszubuddeln.

Physisch geht es ähnlich steil wie in den Dünen rauf und runter: vom Adrenalinkick bis zur völligen Erschöpfung. Meist kriechen alle lange vor Mitternacht kaputt in ihre Schlafsäcke.

Das Glück ist mit den Deutschen, als am dritten Tag die Startreihenfolge für ein Rennen über die Dünen ausgelost wird. Sie dürfen als Erste los. Früh morgens ist der Sand noch schön fest, die Strecke zudem noch nicht von den anderen zerwühlt. Mit diesem Trumpf im Ärmel geht die zweite Sonderprüfung an das deutsche Team.

Die Männer kämpfen sich weiter durch den Sand bis zur Hauptstrecke nach Douz. Nach 20 Kilometern Piste dann der Abzweig Richtung Tembain. Der Tafelberg ist von einem hohen Dünengürtel umzogen, der eigentlich überquert werden soll. Da ein Spanier über eine geprellte Rippe und ein Japaner über starke Schmerzen im Handgelenk klagt, wird beschlossen, das Camp vor den Dünen aufzuschlagen und den Tag mit einer weiteren Sonderprüfung zu beenden. Jede Mannschaft bestimmt ein Motorrad, mit dem eine große Runde durch den Sand gedreht werden muss. Die fünf Maschinen starten gleichzeitig. Nach jeder Runde wechselt der Fahrer. Spanien und Japan dürfen ihre verletzten Teamkollegen ersetzen. Jimmy Lewis springt bei Japan ein und verhilft zum dritten Platz. Die Gewinner: USA.

Kraft und Ausdauer zählen bei der vierten Sonderprüfung: Pepe zieht eine Startlinie im Sand. Von der muss jedes Team mit vereinten Kräften ein Motorrad eine hohe Düne hinaufzerren. Die Deutschen schlagen sich wacker, liegen vorn. Bis zur ersten Zielfahne. Dort heißt es, die 800er sicher zu parken und dann weiter zum Dünenkamm hochrennen. Offensichtlich hat sich das deutsche Team im ersten Teil verausgabt, die Amerikaner, Spanier und Italiener überholen.

Langsam geht das Benzin zur Neige. In Douz gibt es eine Tankstelle. Bis dahin sind es allerdings noch einige Kilometer auf stark zerspurter Strecke. In den tückischen Fesch-Fesch-Feldern, jenem Feinsand, der schon vielen Profis zum Verhängnis wurde, kommt es zu zahlreichen Stürzen, die zum Glück glimpflich ausgehen. Mittlerweile haben sich alle mit dem Wüstenfahren angefreundet. Beim Spiel im großen Sandkasten werden aus Männern Kinder. Manchem ist ein breites Grinsen ins Gesicht gemeißelt, wenn er am Ende des Tages den verschmutzten Helm absetzt.

Am Salzsee Chott el Djerid liegt das Monument Valley Tunesiens. Vor dieser bizarren Kulisse wartet die vorletzte Challenge – ein Staffelrennen um jahrtausendealte Dünenüberreste. Die Amerikaner können ihren Vorsprung weiter ausbauen.

In Tozeur wachsen über 300000 Dattelpalmen. Doch nicht nur für ihren Exportschlager ist die Oase bekannt. Von ihr führt eine Piste zu den „Star Wars“-Kulissen, wo Regisseur George Lucas vor 25 Jahren mehrere Episoden der Reihe drehte. Die Bauten werden wohl noch erhalten, solange sich damit Geld verdienen lässt. Seit dem Kino-Welterfolg fallen Touristen in der Wüste ein. Auch die Teilnehmer der GS Trophy liefern sich auf dieser grandiosen Bühne die letzte Sonderprüfung – einen Slalom um die fünf Länderflaggen.

Die technische Bilanz nach 1900 anspruchsvollen Kilometern kann sich sehen lassen: kein Totalausfall. Die speziell präparierten F 800 GS stecken offensichtlich einiges an harten Aktionen weg. Nur ein paar kleine Pannen: das schon erwähnte Federbein, mancher Schluck Kühlwasser, drei kaputte Reifen (einmal steckte eine Fixernadel im Schlauch), eine gerissene Kette und zwei eingedellte Felgen.

Ranking nach Punkten: Der Pokal geht an die Amerikaner (2700), Spanier und Deutsche teilen sich den zweiten Platz (jeweils 1900), gefolgt vom italienischen Team (1400). Letzte sind die Japaner (1000). Aber jeder, der die GS Trophy gemeistert hat, darf sich auf die Schulter klopfen. Und nach der gelungenen Premiere wird BMW wahrscheinlich in noch mehr Ländern die GS-Challenge ausschreiben. Dann wird aus der Trophy, dem internationalen Finale, eine richtige kleine Wüsten-Rallye.

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