Finale: International Freestyle Motocross (Archivversion) Hals und Steinbruch

"FMX meets Industry" heißt das Motto der Red Bull X-Fighters bei ihrer Deutschland-Premiere. Vor einzigartiger Kulisse im Wuppertaler Steinbruch Oetelshofen kitzelt die Elite der Motocross-Freestyler mit waghalsigen Stunts die Nerven der Zuschauer.

Gleich hebt er ab. Sebastian "Busty" Wolter, die Nummer eins der nationalen Motorrad-Flugakrobaten, steht auf den Rasten seiner Suzuki RM 250 und rast auf den Kicker, wie die Absprungrampe im Fachjargon genannt wird, zu. Zweiter Gang, 60 km/h, volle Konzentration – und dann: Showtime.Gleich hebt er ab. Sebastian "Busty" Wolter, die Nummer eins der nationalen Motorrad-Flugakrobaten, steht auf den Rasten seiner Suzuki RM 250 und rast auf den Kicker, wie die Absprungrampe im Fachjargon genannt wird, zu. Zweiter Gang, 60 km/h, volle Konzentration – und dann: Showtime.Gleich hebt er ab. Sebastian "Busty" Wolter, die Nummer eins der nationalen Motorrad-Flugakrobaten, steht auf den Rasten seiner Suzuki RM 250 und rast auf den Kicker, wie die Absprungrampe im Fachjargon genannt wird, zu. Zweiter Gang, 60 km/h, volle Konzentration – und dann: Showtime.

Etwa fünfzehn Meter hoch wird er in die Luft katapultiert. Kaum, dass er die Rampe verlassen hat, beginnt er mit seinem Lieblingstrick, einem 9 o‘clock Nac, für den ihm jetzt etwa vier Sekunden Flugzeit bleiben. Zuerst schwingt er das linke Bein zurück, verlagert das Körpergewicht nach vorne und rollt Kopf und Oberkörper ein. Zeitgleich drückt er mit dem rechten Bein das Motorrad in Position, schwingt es dann ebenfalls hoch und bringt es zusammen mit dem linken in 9-Uhr-Stellung. Zum Schluss streckt er seinen 1,80 Meter langen Körper. Erst als der Boden schon wieder gefährlich nah kommt, ringt er sich zurück auf sein Motorrad und landet unter frenetischem Jubel sicher auf der Erde.

Die Menge tobt. Was so spielerisch aussieht, raubt dem Publikum im Steinbruch Oetelshofen regelmäßig den Atem. In die Metal- und Hip-Hop-Beats von Iron Maiden, Linkin‘ Park und Seeed mischen sich erste ekstatische Schreie. Die provisorisch er-richteten Tribünen beben, und es herrscht bereits nach den ersten drei von elf Springern – der Japaner Taka Higashino fällt nach einem Traningssturz verletzt aus – eine Stimmung wie beim legendären Wacken-Festival. DJ Woodoo am Mischpult, der eigentlich Philippe Woodtli heißt und aus Bern kommt, beschallt die Arena mit über 100 Dezibel, und Moderator Andy Zeiss aus Köln am Mikrofon heizt die Menge immer wieder an: "Gib Gas, Wuppertal." Die Zuschauer folgen dankbar, recken ihre Fäuste in den Nachthimmel, von denen sie kleinen und Zeigefinger abspreizen. Dem Spektakel kann sich niemand entziehen, bis auf einen: Der Mond verkrümelt sich ganz langsam hinter dem Erdschatten.


Für das seltene Naturschauspiel am Himmel hat jedoch keiner der 15000 Zuschauer einen Blick übrig. Zu sehr werden sie von den Fahrern und ihren waghalsigen Stunts in den Bann gezogen. Während ihres jeweils 90-sekündigen Laufs zeigen sie Salti, fliegen in Superman-Manier einen halben Meter über ihrem Motorrad durch die Luft oder legen sich gestreckt auf ihre Sitzbänke und landen ohne Hände am Lenker. "Motocross-Freestyle ist Wettkampf und Show in einem", erklärt Busty Wolter, "vor allem aber auch Entertainment." Und nirgends wird der Sport so gut inszeniert wie in der X-Fighter-Serie, die ein in der Szene unvergleichliches Kommerz-Spektakel ist und weltweit sechs Mal Station bezieht: in Brasilien, Mexiko, den USA, Spanien und dieses Jahr erstmals auch in Deutschland und Polen. Mit zum Konzept zählen grandiose Locations, wobei keine so tollkühn und aberwitzig zugleich wie ein Steinbruch ist.

Allein schon die Wahl des Standorts im Wuppertaler Westen macht das Event zur Superlative. Wo seit 1898 jährlich 2,2 Millionen Tonnen Kalkstein abgebaut werden, findet man außer Baggern, Lkw und jede Menge Steine nichts vor. Keinen Strom, kein Wasser, kein Licht, kein gar nichts. Eine karge Mondlandschaft, die 2600 fleißige Hände in eine fußballfeldgroße Sprung-Arena verwandelt haben. Über 100000 Tonnen Kieselsteine und Erde mussten in dem 75 Meter oder über 300 Treppenstufen tiefen Steinbruch bewegt, elf Tribünen mit 13000 Plasikschalen-Sitzen aufgebaut und sechs Kilometer Absperrungen errichtet werden. Dazu kommen 240 Dixi-Klos, zwei Videoleinwände von 60 beziehungsweise 80 Quadratmeter Größe, zwei Lkw-Trailer randvoll mit Ton-Equipment und über 70 Lampen mit einer Lichtleistung von insgesamt knapp einem Megawatt – strom-gespeist von Dieselgeneratoren.

Viel Aufwand für ein knapp zweieinhalbstündiges Event, das allerdings in den Köpfen derer, die ein Ticket ergattern konnten, wahrscheinlich für immer unvergessen bleiben wird. Die latente Gefahr, der sich die Fahrer aussetzen, das ständige Risiko eines Sturzes, berauscht, fasziniert und ist nichts für schwache Nerven.

"Eigentlich passiert sehr wenig, wenn man bedenkt, was wir hier machen. Dennoch sind gute Arzt-Kontakte wichtig", erklärt Busty, der sich in seiner Karriere bereits sein linkes Sprunggelenk zertrümmert, einen Nerv in der linken Schulter abgetrennt hat und aktuell an einem angerissenen Innenband im Knie laboriert. Die Lücke zwischen Absprungrampe und Landehügel zu überspringen ist eben das eine. Dabei Tricks zu zeigen das andere. "Die Frage ist nicht, werde ich mich verletzten, sondern wann", pflichtet ihm sein Freund und Teamkollege Fabian "Fab" Bauersachs bei, der als zweiter Deutscher mit einer Wildcard erstmals bei den X-Fighters am Start ist.


Als der Mond fast vollständig hinter dem Erdschatten verschwunden ist, sind beide im Duell Mann-gegen-Mann bereits ausgeschieden. Fab, der nach einem Zusammenstoß mit dem US-Amerikaner Dustin Miller während der Fahrerpräsentation technisch mit einem Krümmerschaden gehandikapt ist, scheitert auf seiner KTM 250 SX im ersten Lauf. "Bei den X-Fighters sind es ganz andere Dimensionen als in den nationalen Wettbewerben. Da muss man öfters mal den Hintern zusammenkneifen. Kleine Fehler können hier eine große Wirkung haben", bilanziert er seinen Auftritt. Busty hält sich wacker, spielt seinen Heimvorteil aus und avanciert schnell zum Publikumsliebling. Doch in Runde zwei ist er gegen den Schweizer Backflip-König und späteren Sieger Mat Rebeaud chancenlos. Die Jury aus vier FMX-Experten wird von Schauspieler Jürgen Vogel als fünftem Judge verstärkt und bewertet seinen Gegner hinsichtlich technischer Schwierigkeit, Ausführung, Style und Streckennutzung höher. Nur den Show-Punkt sichert sich der gebürtige Berliner. "Ich wollte mit den FMX-Fans eine riesige Party hier feiern und denke, das ist mir gelungen", wird er später sagen.

Andy Zeiss hält unterdessen die Stimmung hoch: "Wuppertal, zeigt mir noch mal, wie laut ihr sein könnt." Schon brandet der Jubel wieder auf, tröten Stadionfanfaren, die es am Nachmittag für zehn Euro das Stück, den Nachfüllpack für sieben Euro, zu kaufen gab, in die Nacht hinaus, und die Brause des Sponsors hält zum Preis von 1,80 Euro für den Viertelliter die Kehlen feucht. Dennoch ist die erste Euphorie beim Publikum irgendwann verflogen. So ein bisschen fühlt man sich als Zuschauer beim Motocross-Freestyle wie in einer Achterbahn, anfangs ständig begleitet von dem Gefühl: Das kann doch nicht gutgehen. Doch mit jeder Fahrt gewinnt man Vertrauen und fängt an zu genießen.

In den Lichtkegeln der Scheinwerfer tanzen die Staubpartikel, aufgewirbelt von Mat Rebeaud, nachdem er sich im Final-Duell gegen seinen ärgsten Konkurrenten, den US-Amerikaner Jeremy Lusk, und vor dem Spanier Dany Torres auf Platz drei durchgesetzt hat. Vor lauter Freude wühlt er mit dem Hinterrad im Dreck, dass die Steine nur so spritzen, schmeißt sein Motorrad weg und lässt sich feiern. "Der Kurs ist sehr anspruchsvoll. Ein kleiner Fehler, und ein anderer hätte gewonnen", sagt er nach der Siegerehrung, die mit einem spektakulären Feuerwerk untermalt ist. Ein schöner Schlusspunkt einer perfekten Show, und am Ende ist auch der Mond wieder da.

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