Frankreich: Drei-Tage-Enduro Trèfle Lozérien (Archivversion) Salut Stéphane

Wie machen französische Sport-Enduristen Urlaub? Am liebsten im Kreise Gleichgesinnter. Zum Beispiel mit Offroad-Ikone Stéphane Peterhansel beim fast schon legendären Enduro Trèfle Lozérien.

Der Marktplatz von Mende, einem sonst eher verschlafenen französischen Städtchen, steht Kopf: Enduros quetschen sich mit aufheulenden Motoren durch die Zuschauermasse, Kleintransporter bahnen sich hupend ihren Weg durchs Gewühl, während der Moderator über eine gigantische Lautsprecher-
anlage die Helden des Tages vorstellt – it’s partytime. Praktisch über Nacht füllte sich das 11000-Seelen-Städtchen etwa 250 Kilometer südwestlich von Lyon mit über 500 Sport-Enduristen samt einer Armee von Helfern, Betreuern und Servicefahrzeugen. Der Marktplatz verwandelt sich für drei Tage in ein Fahrerlager: Zum 18. Mal hatte der örtliche Motorsportclub zum Enduro Trèfle Lozérien eingeladen. Und sie kamen alle: die französischen Stars, die Local Heros sowie unzählige Amateursportler – inklusive
meines Teams. Kein Zweifel, das Trèfle, zu deutsch Kleeblatt,
ist ein Event nationaler Tragweite.
Doch im Moment reduziert sich das sympathisch-chaotische Spektakel für unser Vier-Mann-Team auf die 30 Quadratmeter
der Startrampe. Die überraschend kalte Nacht verbrachten die Motorräder gemäß den internationalen Enduro-Regeln im Freien im so genannten Parc Fermé. Erst vor wenigen Minuten haben
wir sie zur Rampe geschoben, um, wie kurz zuvor Extrem-Enduro-Profi Cyril Esquirol oder der Six-Days-Gewinner David Fretigne,
im Minutenabstand in das Abenteuer zu starten. Der Griff zum Benzinhahn oder das Zurechtrücken der Brille überspielen die aufkommende Nervosität. Die Fahrervorstellung wirkt unendlich weit weg – noch zehn Sekunden bis zum Start. Das Piepen
der Uhr mahnt die letzten fünf Sekunden an. »Bonne chance« dröhnt es aus den Lautsprechern, und mit sich vor Kälte unwillig
schüttelnden Motoren düsen wir los.
Der Name Trèfle beschreibt prägnant das Besondere dieses Wettbewerbs. Während Enduro-Läufe normalerweise über mehrere Runden auf ein und derselben 50 bis 60 Kilometer langen Rundstrecke ausgetragen werden, bestehen die drei Tagesetappen rund um Mende jeweils aus einer bis zu 250 Kilometer langen Runde. Würde man den gesamten Streckenverlauf aus der Luft betrachten, die Bezeichnung Kleeblatt läge auf der Hand. Dabei durchstreifen die Tagesetappen so reizvolle Regionen wie das zerklüftete, steil abfallende Gorge du Tarn oder die nördlich von Mende gelegenen Hochebenen.
Damit die Enduristen die oftmals atemberaubende Landschaft auch genießen können, sind die vorgegebenen Fahrzeiten der einzelnen Abschnitte reichlich bemessen – zumindest für Offroad-Profis und konditionsstarke Sportfahrer. Diese überwinden die mit Felsabsätzen, Flussdurchquerungen und Steilauffahrten gespickte Strecke mit genügend Routine, um Muße für die Schönheit der Region Lozère zu haben. Sie soll die einsamste Ecke Frankreichs sein. Statistisch gesehen verteilen sich hier gerade mal 15 Einwohner auf einen Quadratkilometer.
Kaum dass uns die ersten Wälder mit ihrem dichten Grün
umarmen, fällt die Anspannung des Starts ab und weicht einer geradezu euphorischen Hochstimmung. Die Luft riecht herrlich würzig nach frischer Erde und nassem Holz. Mit jedem Kilometer stehen wir lockerer in den Rasten und swingen auf den Singletrails bergauf, beginnen das niemals endende Stakkato aus Felsbrocken, Wurzeln und Schlaglöchern, das jede Muskelfaser un-
serer Körper malträtiert, allmählich zu genießen – endlich Urlaub.
An den Waldrändern blüht auf inzwischen 800 Metern Höhe
in sattem Gelb der Ginster. Sein schwerer, süßer Duft scheint förmlich in der Luft zu stehen, als die Bikes im Dickicht verschwinden. An vielen Stellen hat sich die Natur die ohnehin schmalen Wege zurückerobert. Die meist nur reifenbreite Fahrspur ist in
den Rasten stehend nicht mehr zu erkennen. Quasi im Blindflug
holpern die Räder über die verborgenen Hindernisse, während die Lampenmaske den Ginster teilt. Da heißt es locker bleiben und dennoch mit voller Konzentration auf ein überraschendes Auskeilen des Motorrads gefasst zu sein. Ein in der Tat berauschender, für diese Region typischer Thrill für versierte Fahrer. Man glaubt kaum, wie zügig es sich praktisch ohne Sicht durch die Hecken preschen lässt.
So etwas wie Hardenduro-Romantik kommt auf. Oft fährt
man eine kleine Ewigkeit ganz allein durchs Gehölz. Nur die gelegentlich auszumachende dezente Prise Zweitakt-Geruch verrät, dass weitere Enduristen in den Kiefernwäldern unterwegs sind. Doch wenn man sich einer der Sonderprüfungen nähert, ist sie mit einem Schlag wieder da, die Anspannung. Denn wenn Racer eine Stoppuhr sehen, ist Schluss mit lustig. Schließlich kämpfen die Top-Fahrer beim Trèfle Lozérien um stattliche Preisgelder, und auch die Amateure fighten auf den Crosscountry-Prüfungen verbissen gegen die Uhr oder bei den Motocross-Tests gegen einen bunt zusammengewürfelten Haufen anderer Vollgasverrückter. Dabei verlaufen die für diese Tests abgesteckten Strecken teilweise so abenteuerlich über Geröllhalden, felsgespickte Wiesen oder einfach nur durchs Unterholz, dass die Enduristen-Seele in der Brust vor Freude hüpft.
»Enduro pour le plaisier« – Endurofahren zum Genießen –
nennen die Franzosen diese auf erlebnishungrige Sportfahrer
zugeschnittene Mischung aus überwältigendem Naturerlebnis und knallhartem Wettbewerb. Bei einem Bier erholen sich
langsam unsere Knochen, während wir lachend den Tag Revue passieren lassen – die Ausrutscher und Beinahestürze in den spektakulären Sonderprüfungen, die halsbrecherische Geröll-
abfahrt und die trickreiche Flussdurchquerung. So fühlt sich
Urlaub an – zumindest, wenn man Benzin im Blut und Stollen-
reifen auf dem Bike hat. Und das Schönste: Punkt 8 Uhr 46
heißt es morgen wieder »bonne chance« – für einen weiteren
Tag in den Rasten im Kampf gegen den inneren Schweinehund und im Wettstreit mit 500 Gleichgesinnten. Stéphane und Co.
werden wir vermutlich wieder nur von hinten sehen.

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