Freistil-Motocross-WM in Bremen (Archivversion) Die Freistil-Flieger ...

...sind gelandet. Bisher war es nicht genormtes Herumtollen auf Motorrädern, jetzt gibt es eine Freestyle-Weltmeisterschaft mit Prädikat, Punkten, Stempel und Unterschrift. In Bremen präsentierten sich Luftikusse und Abfangjäger mit WM-Ambitionen.

Luca ist elf und besitzt den Durchblick. Es ist Samstagabend, 1. April kurz nach 18 Uhr, und dem wahren Fan, wie Luca einer ist, öffnet sich das Paradies in den Katakomben der Bremer Halle AWD-Domes. In einem kleinen Fahrerlager lümmeln die Piloten des Wochenendes und harren der Gäste, die jetzt eine Stunde auf Kontakt gehen können.
Die meisten Fahrer sehen so aus, wie man sich gemeinhin Freestyler vorstellt. Fredrik Johansson aus Schweden mit seiner auf 30 Grad gesetzten Kappe gibt sich wie im schrägsten Rapper-Comic, Kris Brock, ganz der Brite, als durchgestylter Punker mit Ramones-Hemd. Nick Franklin, der es von Neuseeland nach Bremen schaffte, hat die Kapuze seines Mantels hochgeschlagen und macht auf grimmigen Polarforscher. Luca kennt sie alle. Rote Bäckchen, Daumen hoch, und schon ist das nächste Foto mit einem seiner Helden im Kasten. Weil Luca aber ein echter Blicker ist, findet er natürlich schnell heraus, dass ihm heute einige Stars kein Autogramm auf sein T-Shirt kritzeln. »Wo sind denn André Villa, Mat Rebeaud und Busty Wolter?« Eine berechtigte Frage.
Gleichzeitig mit dem dritten Lauf der neu geschaffenen Freestyle-Weltmeisterschaft, dem ersten unter deutschen Dächern, finden die so genannten X-Fighters in Mexiko statt, und da versammeln sich die allerfeinsten Protagonisten dieser noch jungen Sportart. Um sich zu messen und ordentlich Geld zu verdienen. Busty Wolter macht aus seiner allgemeinen Abneigung gegenüber Sportfunktionären und besonders der internationalen Rennsportbehörde FIM, die das Prädikat vergibt, ohnehin keinen Hehl. So muss sich für die Zukunft noch einiges zusammenfinden. Dass die WM-Läufe im Rahmen der »Night of the Jumps«-Tour stattfinden, jedoch nicht alle Veranstaltungen WM-Status besitzen und außerdem ab und an das Fahrerfeld wechselt, gestaltet die Sache auch nicht leichter. Doch Schluss mit der Kleingeisterei, das Fahrerlager wird geschlossen, und wir wandeln mit Luca eine Etage höher.
»Hallooo Breeemen« brüllt der Sänger der Band Poolstar in die Arena. Es ist kurz vor acht und ganz still. »Haaalo Bremen« säuselt nun der Sänger namens Töff. Ein zartes Tröööt von den Rängen – der Bremer Zuschauer zeigt sich reserviert, indes nicht desinteressiert. Immerhin, so stellt sich hinterher heraus, bringt die Band ihre kompletten CD-Vorräte unters Volk.
Die Veranstaltungschoreografie verschärft das Tempo. Der Pyrotechniker lässt Hämmer ballern, dass die Wände wackeln. Die GoGo-Girls gleich hinterher, und schon steht die erste Qua-
lifikation an. Lediglich sechs von 13 Fahrern kommen ins Finale.
In einer von den Wertungsrichtern festgelegten Zeit müssen die Akteure bei freier Streckenwahl eine bestimmte Anzahl von Sprüngen bewältigen, nach Ablauf der Zeit gibt es noch einen doppelt bepunkteten Extrasprung. Die Judges genannten Kampfrichter – ohne Englisch geht in diesem Sport gar nichts – bewerten jeden einzelnen Sprung nach Schwierigkeitsgrad von eins bis zehn und vergeben Punkte für Variation, Streckenausnutzung sowie den
Stil der Darbietung. Bei fünf Kampfrichtern fällt die höchste und niedrigste Wertung raus, die verbleibenden drei werden gemittelt und per Rechner blitzschnell dargestellt.
Die Jury besteht zum Teil aus aktiven Freestylern wie Sven Macha oder Marco Roth, der offen zugibt: »Wir wachsen mit dem Sport und bewerten etwas, was man eigentlich nicht bewerten kann.« Worin sich aber genießender Zuschauer und gestrenger Bewerter einig sind: Ohne Backflip (altdeutsch: Rückwärtssalto) schafft es auch der Mutigste nur schwerlich ins Finale.
Das trifft besonders die deutschen Kämpen Freddy Peters und Fabian Bauersachs. Gerade Fabian zuckt beim Thema Backflip ganz schön zusammen. Als vor ein paar Jahren die Flipperei begann, war »Fab« auf Augenhöhe mit den Besten – bis ihn
ein heftiger Sturz monatelang aus dem Training beförderte und körperlich gewaltig zurückwarf. Nach erfolgreicher Genesung blieb ein Knacks im Kopf zurück, und gerade so ein nachdenklicher Deutscher tut sich schwer damit, völlig entspannt und sorglos rückwärts durch die Luft zu segeln.
Frisch, fromm, fröhlich, frei – das sind Amerikaner wie Mike Mason. Der Typ biegt sich in luftiger Höhe wie ein Gummimännchen neben, auf, unter seinem Moped mit einer Leichtigkeit, als ob er sich gerade die Turnschuhe zuschnürt. Auf die Frage, ob er denn jemals nervös sei, antwortet der 24-Jährige aus Nevada: »Nein, niemals.« Europa? »Yeah, it’s cool.« Das Wetter? »Ich mag den Regen.« Vorbereitung? »Abhängen.« Dass er wegen einer Schulterverletzung auf einige Kunststücke sogar verzichtet, dient
den Kollegen nicht unbedingt als Motivationsschub. Wer in der Qualifikationsrunde die persönliche Flugbereitschaft nicht auf
maximal justiert, kann nach einem kurzen Gastspiel direkt zum Duschen gehen. Außer er nimmt am Hochsprung, der als zusätzliche Unterhaltung dient, teil wie Gaststarter Florian Menge, der sich auf über acht Meter katapultiert und damit die Erwartungen an seine Zukunft im wahrsten Sinne höher schraubt.
Bratwurstpause, der singende Herr Töff und die offizielle Hymne »Blow your mind away«, weibliche Tanzgruppe und dann das Samstags-Finale mit folgender erfolgreicher Kombination,
die fachchinesisch so klingt: Underflip, Sidewinder Indian Air, Heelclicker Backflip, No-Footed Backflip, Cliffhanger, 2-Handed Hart Attack Scorpion Style, 9-0-Clock Scorpion Style, NacNac Backflip. Und? Wer war es? Der Mason. Am Sonntag hat der
amerikanische Kollege von Mason, Jim McNeil, mit einem Superman Seatgrab Backflip alles klar gemacht. Trotzdem führt der Schweizer Rebeaud immer noch in der WM – obwohl er gar nicht da war. Egal, Hauptsache geile Sprünge. Meint auch Luca.

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