GP auf dem Sachsenring (Archivversion) Die Reifeprüfung

Mit Entschlossenheit, mutig kalkuliertem Risiko und einem goldenen Tipp von Vater Helmut konnte 125-cm³-Pilot Stefan Bradl (17) beim Heim-Grand-Prix zeitweise WM-Spitzenreiter Mike di Meglio(63) und Weltmeister Gabor Talmacsi (1) in Schach halten. Nach bestandener Reifeprüfung kann jetzt das Meisterstück folgen.

Als der feine Nieselregen stärker wurde, drehte Mike di Meglio auf. Bei ähnlich dubiosen Bedingungen hatte der Franzose in Le Mans den ersten Sieg seiner Karriere gefeiert. Jetzt, beim Deutschland-GP auf dem Sachsenring, fühlte er sich wieder wie ein Fisch im Wasser und fuhr an der Spitze auf und davon.

Doch auch Stefan Bradls zweiter Platz war wie ein Sieg. 98130 Zuschauer jubelten an der Strecke, Millionen feierten vor dem Fernseher. Denn der 18-jährige Aprilia-Werkspilot hatte es nicht nur in die Live-Übertragungen von Eurosport und MDR, sondern auch in die ARD-Sportschau geschafft, gleich nach dem Bericht über Boxweltmeister Wladimir Klitschko. Und in die Nachrichten der ARD-Tagesschau. Plötzlich stand der Motorrad-Sport, der in Deutschland jahrelang im Abseits gedämmert und unter Nachwuchs- und Sponsormangel vor sich hin gedarbt hatte, wieder im Mittelpunkt. Die Nation fieberte mit, als Bradl vom dritten Startplatz an die Spitze schnellte und mehrere Runden lang führte, zu Rennmitte auf den vierten Rang zurückfiel, dann aber nochmals attackierte und Gabor Talmacsi in einem hinreißenden Finale auf den dritten Platz verwies.

Der ungarische Weltmeister, im Vorjahr Sieger und am Vortag Trainingsschnellster, galt eigentlich als Chef am Ring und war drauf und dran, den jungen Gegner einzufangen, der am Ende der Zielgeraden ein bisschen zu früh und ein bisschen zu vorsichtig in die Bremse ging. Aber in der letzten Runde zog Bradl bravourös alle Register, ließ seine Ellbogen in die Breite wachsen und brachte den größten deutschen Erfolg seit Steve Jenkners Sieg in Assen 2003 sicher ins Ziel – es war gleichzeitig der größte deutsche Erfolg in der 125er-Klasse bei einem Deutschland-Grand-Prix auf dem Sachsenring seit, man glaubt es kaum, Dieter Braun im Jahre 1971.

Auf der Ehrenrunde hielt er an, um seine Handschuhe ins Publikum zu schleudern und eine schwarz-rot-goldene Flagge in Empfang zu nehmen. Im abgeschirmten Zielraum, nach den obligaten ersten Fernsehinterviews, hüpfte er dann über einen Zaun und geradewegs in die Arme seines Papas Helmut, der ihm „den entscheidenden Tipp“ gegeben hatte: den nämlich, die härteste Reifenmischung aufzuziehen, die Dunlop zur Verfügung hatte. „Wir hatten sie im Warm-up fünf Runden angefahren, für die Psychologie. So, dass Stefan vom Start weg voll aufdrehen konnte. Gleichzeitig wusste ich, dass dieser Reifen das Rennen überstehen würde, ohne abzubauen“, verriet Helmut Bradl. „Ich hätte eine weichere Mischung genommen. Doch Papas Tipp war goldrichtig“, bestätigte Stefan.

Natürlich half Helmut Bradl noch viel mehr. Vor allem stand er Stefan immer dann zur Seite, wenn’s in den letzten Monaten mal nicht so lief, wie es die Öffentlichkeit nach dem furiosen Saisonauftakt mit dem dritten Platz in Qatar erwartet hatte. Beim Sturz in England beispielsweise. Oder, zuletzt, bei dem verunglückten Fünf-Runden-Sprint in Assen, den Stefan als enttäuschter Zwölfter beendet hatte. Vater Bradl wusste stets, wo der Sprößling in seiner sportlichen Entwicklung stand, dämpfte die Euphorie nach dem unverhofft frühen ersten Podestplatz und stärkte die Moral nach den ebenso unausweichlichen Rückschlägen. „Stefan ist auf einem guten Weg und entwickelt sich nicht schlecht“, erklärte Helmut.

Einerseits macht Stefan gewaltige fahrerische Fortschritte, war an beiden Trainingstagen starker Dritter, obwohl der Sachsenring mit seinen fast endlosen Schräglagen gar nicht seinem Fahrstil entspricht. Auch durch die schwierige Omega-Kurve, in der er früher regelmäßig Zeit verlor, findet er nun die richtige Linie. Andererseits braucht Stefan noch Zeit. Wie vielen anderen jungen Piloten fehlt ihm der technische Background der älteren Generation von Rennfahrern, die noch selbst an ihren Motorrädern geschraubt haben, die Erfahrung, um all die nötigen Verbesserungen am eigenen Fahrstil und am Set-up der Maschine selbst voranzutreiben. „Noch bin ich kein Rossi“, meinte Stefan schlagfertig – als er gefragt wurde, warum er auf der Ehrenrunde keine Gags eingelegt hatte.

Aber er kann ein Rossi werden. Ein Held, der das Zuschauer-, Sponsor- und Medieninteresse neu entfachen und vielleicht sogar einen neuen Boom auslösen kann. „Einen Helden zu haben, bei dem es Spaß macht, zuzuschauen und mitzufiebern, das wäre für alle gut, die mit Motorrädern zu tun haben“, meinte Helmut Bradl, der als Honda-Werksfahrer und Vizeweltmeister 1991 entscheidend zur letzten großen Motorradglanzzeit in Deutschland beigetragen hatte. „Stefan Bradl ist genau der, den dieser Sport gebraucht hat“, urteilte Toni Mang, der als Teamchef ebenfalls einen tollen Tag erlebt hatte: Sein bayerischer Schützling Marcel Schrötter, bei Minibike-Rennen und im ADAC-Junior-Cup als Talent entdeckt und von dem fünffachen Weltmeister, von Honda-Mann Adi Stadler sowie Techniklegende Sepp Schlögl unter die Fittiche genommen, erreichte bei seinem ersten Grand Prix den 14. Platz und zwei WM-Punkte. Er hätte Neunter werden können, wäre nicht kurz vor Schluss ein Konkurrent vor ihm gestürzt. Auch Sandro Cortese bestätigte seine Form mit dem sechsten Rang, bei dem er dem WM-Zweiten Simone Corsi das Leben schwer machte. Und der 15-jährige Marvin Fritz, als Wild-Card-Pilot des Kiefer-Junior-Teams ins Feld gerutscht, setzte mit dem 20. Platz bei seinem GP-Debüt ein erstes Zeichen.

Doch so stolz diese Leistungen auch waren: Sie gingen in der allgemeinen Bradl-Euphorie unter. „Hier, beim Heim-Grand-Prix aufs Podium zu fahren, ist ein unglaubliches Gefühl“, schwärmte Stefan Bradl selbst. „Es war sehr, sehr hart, dem Druck standzuhalten. In der letzten Runde habe ich ein bisschen Angst gehabt vor Talmacsi, weil der doch schon ein alter Hase ist. Dann habe ich aber nochmals alles gegeben und meine Linie verteidigt. Ich bin echt happy, dass ich den zweiten Platz heimfahren konnte. Die Auslaufrunde war ein geiles Gefühl – einer der schönsten Momente in meinem Leben.“

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