Grand Prix auf dem Sachsenring (Archivversion) Vorsprung durch Technik

Perfekte Reifen für das sächsische Regen- fiasko, dazu eine neue Ansaugsteuerung – MotoGP-Weltmeister Casey Stoner war schon in der Papierform unschlagbar.

Bei strömendem Regen hatte Dani Pedrosa in nur sechs Rennrunden sieben Sekunden Vorsprung aufgetürmt, doch als er dann noch schneller als sonst am Ende der Zielgeraden ankam und in die Vorderradbremse griff, war die Haftfähigkeit seines Michelin-Reifens endgültig überfordert: Die Repsol-Honda rutschte blitzartig weg, Fahrer und Maschine schlitterten mit weit mehr als 200 Sachen über den glitschigen Asphalt, wurden auch vom anschließenden Kiesbett kaum abgebremst, und die Honda schlug nach einem meterhohen Salto (siehe Seite 128) in die Airfences ein. Während das Motorrad völlig zertrümmert auf den Luftkissen liegenblieb, hat der kleine Spanier den flexiblen Barrieren womöglich sein Leben zu verdanken. Nur ein gebrochener linker Mittelfinger, der Verdacht auf einen Bruch des rechten Knöchels sowie Rücken- und Ellbogenprellungen wurden vor Ort diagnostiziert, bevor Pedrosa zur eingehenden Untersuchung nach Barcelona jettete. Ob er beim US-Grand-Prix am dritten Juli-Wochenende starten kann, ist jedoch fraglich.

Casey Stoner hatte es danach leicht, den dritten Sieg hintereinander nach Hause zu schaukeln, hätte aber auch ohne Pedrosas Unfall gewonnen. Denn der Spanier hatte einen Reifen mit weicher Regenmischung montiert und wäre im Rennverlauf ebenso nach hinten gereicht worden wie die anderen Michelin-Piloten, von denen der Beste, Andrea Dovizioso, mit einem fünften Rang vorlieb nehmen musste. Bridgestone-Fahrer Stoner profitierte dagegen von einem sogenannten asymmetrischen Multicompound-Reifen, bei dem die linke Reifenflanke für die vielen Linkskurven des Sachsenrings eine harte Mischung, die rechte für die nur vier Rechtskurven der Strecke dagegen eine weichere, haftfähigere Lauffläche aufwies.

Vor allem aber bestätigte sich die wiedergefundene Überlegenheit von Stoner und Ducati. Schon an den trockenen Trainingstagen hatte der Weltmeister seine Gegner derart in Grund und Boden gefahren, dass selbst Valentino Rossi den Kopf in den Sand steckte und kapitulierend von Schadensbegrenzung sprach, bevor man, vielleicht nach der Sommerpause in Brünn, zu einem technischen Gegenschlag ausholen könne. Mittlerweile ist auch bekannt, was Stoners Ducati plötzlich so überlegen macht: Die V4-Motoren verfügen über einen variablen Ansaugtrakt, der mit langen Ansaugwegen bei niedrigen Drehzahlen für eine besonders gute Füllung und damit für sattes, zusätzliches Drehmoment sorgt. Zunächst aber hatte Ducati die komplexe elektronische Steuerung nicht in den Griff gekriegt.

Jetzt funktioniert die Technik – und zwar so gut, dass Alice-Team-Pilot Sylvain Guintoli im Regen Sechster wurde, obwohl er die Traktionskontrolle wegen eines Systemfehlers frühzeitig abgeschaltet hatte. Guintolis bisheriger Teamchef Luis d’Antin erlebte den Erfolg nicht mehr live an der Rennstrecke: Wegen finanziellen Missmanagements – unbezahlte Mechanikergehälter und offene Reisebüro-Rechnungen in sechsstelliger Höhe – kam es vor dem Deutschland-GP zur Trennung. fk

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