Grand Prix auf dem Sachsenring (Archivversion) Im Schatten des Meisters

Während Weltmeister Valentino Rossi im MotoGP-Training verzweifelte, eroberte Honda die komplette erste Startreihe auf dem Sachsenring. Doch im Rennen vereitelte Rossi den geplanten Honda-Triumphzug und ließ die Bemühungen von Nicky Hayden, Marco Melandri und Dani Pedrosa nie zur Geltung kommen.

Am Freitag plagte den Weltmeister ein solches Bauchgrimmen, dass er sich schon am Nachmittag ins Bett legte. Am Samstag mühte sich Valentino Rossi mit Fahrwerkssorgen durchs Zeittraining und endete als Elfter der Startaufstellung. Doch am Sonntag riss der Außerirdische das Ruder wieder einmal herum und verzauberte 94000 Zuschauer auf dem Sachsenring mit einem fantastisch erkämpften Sieg.
Rossis Aufholjagden sind so spektakulär, dass sie fast schon wie eine Inszenierung wirken. Dabei sind die Probleme im Yamaha-Lager so real wie sein in Assen drei Wochen zuvor erlittener, mittlerweile wieder ausgeheilter Handbruch. Beim Deutschland-Grand-Prix war es nicht körperliches Unbehagen, auch nicht das
Chattering der ersten Rennen der Saison,
sondern das bockige Einlenkverhalten der Yamaha M1, welches Rossi in die vierte Startreihe zurückwarf. »Dieses Jahr ist es sehr heikel, die richtige Balance zu finden. An beiden Trainingstagen hatten wir sehr viel Gewicht auf dem Vorderrad. Dadurch wird das Motorrad beim Einbiegen in die Kurven träge, und das ausgerechnet in
den schnellen Kurven, die hier rennentscheidend sind«, schilderte Rossi.
Mit den weichen Qualifikationsreifen im Zeittraining verschlimmerte sich das Problem. »Der hohe Grip am Hinterrad sorgt dafür, dass die Maschine übers Vorderrad wegschiebt, es bewegt sich zu viel, und du gerätst in Sturzgefahr«, berichtete Rossi, »die Ehe zwischen Yamaha und den Michelin-Reifen der Generation 2006 war bislang nicht besonders glücklich.« So, wie die Dinge lagen, werde es im Rennen hauptsächlich darum gehen, den Schaden zu begrenzen, fügte er mit dumpfer Stimme hinzu.
Rossi glaubte tatsächlich nicht an
den Sieg. »Ich muss mich bei meiner M1
entschuldigen. Denn in der Nacht vor dem Rennen habe ich zum ersten Mal seit
meinem Wechsel auf Yamaha vor zweieinhalb Jahren an ihr gezweifelt«, verriet er tags darauf nach seinem Triumph.
Was dazwischen lag, war ein Sprung ins Ungewisse. Cheftechniker Jeremy Burgess und Rossi tüftelten eine völlig neue Abstimmung mit weniger Last auf dem Vorderrad aus, und in den gerade mal
20 Minuten im Warm-up zahlten sich die Modifikationen bereits aus. Rossi sprintete im Rennen vom Start weg in den Windschatten der Spitzengruppe und arbeitete sich von Rang sechs zielstrebig nach
vorn, wobei er sämtliche Überholmanö-
ver in der Sachsenkurve erledigte, jenem schnellen Linksknick nach der spektakulären Bergab-Passage des Sachsenrings, der ihm tags zuvor noch Kopfzerbrechen bereitet hatte.
Beim Aufsehen erregendsten Zwischenfall des Rennens hatte er das Glück, Makoto Tamada und Kenny Roberts bereits passiert zu haben. Der US-Amerikaner, auf seiner KR 211 V-Honda-Außenseitermaschine zur Begeisterung seines Teams in die erste Startreihe vorgestoßen, bremste im Getümmel der Spitzengruppe viel zu spät und auch zu hart, rutschte weg und riss dabei den Japaner mit ins Verderben. Nach dem Sturz rannte er sofort zu seinem Opfer, das sich im Kies vor Schmerzen krümmte. »Er hat mich in einem unmöglichen Japanisch-Kauderwelsch gefragt, ob ich ein großes oder kleines Problem hätte. Es war so komisch, dass ich lachen musste«, berichtete der Japaner später.
Rossi lag zu diesem Zeitpunkt schon an dritter Stelle, doch obwohl er weiter
angriff und alsbald erstmals an die Spitze vorstieß, erwiesen sich die drei Honda-Piloten in seinem Schlepptau als harte Brocken. Für Hayden stand am meisten auf dem Spiel, weil er als Sieger zum bevorstehenden US-GP anreisen und für seine Titelambitionen klare Weichen stellen wollte. Dennoch waren es Marco Melandri und Dani Pedrosa, die Rossi am härtesten bedrängten und die Entscheidung bis zum Finale hinausschieben konnten.
Dort freilich zeigte sich der Meister. »Mit der neuen Balance war ich zwei Zehntelsekunden schneller pro Runde. Ich hatte im schnellen letzten Streckenteil Vorteile. Ich wusste, dass ich zwar nicht wegfah-
ren, aber meine Gegner in Schach halten
konnte«, verriet Rossi später. Genau so
geschah es: Melandri fuhr wie entfesselt, tauchte in der drittletzten Runde kurz an der Spitze auf, zeigte seinem Landsmann noch ein paar Mal das Vorderrad. Doch der behielt gelassen die Oberhand und querte schließlich mit einem fröhlichen Wheelie als Sieger die Ziellinie.
Bei den Verlierern kam es sofort zur Manöverkritik. »Je weniger Sprit im Tank war, desto besser ließ sich das Motorrad fahren. In der letzten Runde bremste ich
so spät wie irgend möglich. Doch Valentino machte alle Türen zu«, schüttelte Marco Melandri den Kopf.
War Melandri noch damit einverstanden, immerhin um den Sieg mitgekämpft zu haben, so hatte Pedrosa nach dem Triumph in England und einer klaren Pole Position am Samstag deutlich mehr erwartet, als in einem Viererpulk Vierter zu werden. »Im Kampf Mann gegen Mann, Ellbogen gegen Ellbogen kommen mir die MotoGP-Maschinen immer noch unheimlich groß vor. Mir fehlt die Durchsetzungskraft«, ging er mit sich selbst ins Gericht. Vor der Sachsenkurve, in der Rossi so überlegen war, hatte Pedrosa besonderen Respekt, weil er ebendort im Training einen schweren Sturz gebaut hatte. Dass er im Rennen mit Nicky Hayden zusammenstieß und fast abermals gestürzt wäre, zog dem Spanier die letzten Reißzähne. Die Möglichkeit,
in der Zielkurve nochmals anzugreifen und einen Podestplatz zu sichern, ließ Pedrosa aus Vorsicht ungenutzt verstreichen.
Seinem Teamkollegen Hayden blieb damit wenigstens der dritte Platz. Honda hatte aus dem peinlichen Auftritt von England gelernt, wo wichtige Vorbereitungszeit durch Experimente mit neuen Fahrwerkskomponenten vertan worden war, und
sich konsequent und zielstrebig um eine taugliche Rennabstimmung bemüht. Zehn Runden lang gab Hayden denn auch den Rhythmus vor, konnte aus seiner anfänglichen Dominanz am Ende jedoch wie-
der kein Kapital schlagen. »Das Motorrad beschleunigte nicht gut genug aus den Kurven«, berichtete er.
Solche Details sind natürlich weni-
ger wichtig als die Gesamtbilanz, in der Hayden in zehn Rennen erst einen Sieg
vorzuweisen hat. Der Erfolgsdruck, seinen Heimsieg vom Vorjahr beim Laguna-Seca-GP zu wiederholen, wird angesichts seines schwindenden Punktevorsprungs immer größer, und Valentino Rossi gibt sein
Bestes, den Gegner weiter zu destabili-
sieren. »Letztes Jahr war ich in Laguna
Seca Dritter. Dieses Jahr reise ich gewiss nicht mit dem Ziel an, dieses Ergebnis zu wiederholen«, schickte er eine vorsorgliche Warnung an Nicky Hayden.
Doch zunächst mal wurde, ganz im Rossi-Stil, gefeiert. Für den Sachsenring-GP hatte sich der Kaiser des Rennsports und der König des Schabernacks einen neuen Gag ausgedacht und streifte sich das italienische Fußball-Nationaltrikot mit der Nummer 23 über – als Hommage an
die neue Weltmeisterelf im Allgemeinen und seinen Kumpel Marco Materazzi im Be-
sonderen, der den Kopfstoß von Zinedine Zidane hatte wegstecken müssen.
Die hingebungsvollen italienischen Tifosi mögen diesen Gag für gelungen halten; distanziertere Beobachter, die Zidane wegen seiner Reaktion nur für einen Esel, Materazzi der vorausgegangenen unflätigen Beleidigungen wegen aber für einen Kotzbrocken halten, konnten mit der Aktion weniger anfangen.
Doch Rossi liebt es bekanntlich, ein bisschen zu provozieren. »Materazzi war
einer der Stärksten im Nationalteam, und er ist ein netter Typ, den ich privat gut kenne, weil er in meinem Lieblingsklub Inter Mailand kickt. Er hat drei Kinder, mit denen er sehr lieb umgeht, auch wenn er auf dem Spielfeld hart sein kann«, klärte er auf. »Mein Sieg ist dem italienischen Nationalteam gewidmet, das den Italienern mit dem Titelgewinn viel Freude gemacht hat.“

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